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"Ladies and Gentlemen, tayo po ay kasalukuyang
makakaranas ng di inaasahang pagsama ng panahon pakesuot po ng inyong mga seat
belt sa inyong kaligtasan" tönt aus dem Bordlautsprecher, was in etwa heisst, dass wir uns einer Turbulenzzone nähern
und zur Sicherheit die Gurten angeschnallt werden sollen! Schon beim Start in Manila war das Wetter regnerisch. Will denn diese Regenzeit
eigentlich nie zu Ende gehen? Als der brandneue Airbus der Cebu Pacific nach fünfundvierzig Minuten den Sinkflug nach Tacloban (sprich
Taclooban) beginnt, tauchen wir in ein Meer dunkler Wolken ein. Minuten vor der
Landung ist aus dem Fenster noch immer nichts zu sehen. Obwohl ich dem Pilot und
seinem Höhenmesser traue, habe ich solche Situationen ganz und gar nicht gerne.
Es gibt zum Glück auf dem Anflug keine grossen Berge, doch schon manche Maschine
ist kurz vor der Landung an einem Berghügel zerschellt. Deren gibt es hier
viele. Durch ein Loch in den Wolken erkenne ich, dass wir noch einige hundert
Meter über dem Boden sind. Erleichterung kommt auf. Die Landung in Tacloban
City, der Hauptstadt der Provinz Leyte, ist perfekt (siehe auch Mabuhay
Reisebericht 3) Längst sind wir jedoch noch nicht an unserem Bestimmungsort
angelangt. Nach Maydolong, an der Ostküste der Provinz Eastern Samar, sind es
noch vier Stunden Busfahrt!

Wo ist Maydolong? (Abbildung mit freundlicher Genehmigung von
EZ MAP)
Über die S-förmige San Juanico Bridge überqueren wir
die Meeresenge von San Juanico. Es ist die längste Spannbrücke der Philippinen
und verbindet die beiden Provinzen Leyte mit Samar. Die Strasse führt nun
südlich der Küste an unzähligen malerischen Palmenstränden entlang In
Quinapondan zweigt sie nach Norden ab. Es beginnt zu regnen. Kurz vor Einbruch der
Dunkelheit passieren wir das Dorf Gen. MacArthur. Ob es aus touristischer Sicht
hier etwas Interessantes zu sehen gibt, erkundige ich mich beim Fahrer. Dieser
weiss von nichts. Scheinbar wurde das Dorf lediglich als Erinnerung an die
Landung der US-Landungsflotte vom 20. Oktober 1944 unter dem Kommando von
General McArthur so benannt. Es giesst nun wie aus Kübeln. Man sieht keine
zwanzig Meter weit. Maydolong soll nicht mehr weit sein, versichert man mir. Nur
noch 65 Kilometer. Inzwischen ist es draussen stockdunkel. Die Fahrt scheint
unendlich. Wie lange doch so 65 Km sein können. Ich habe keine Ahnung wo wir
sind. Nicht dass wir dann unseren Bestimmungsort noch verpassen! Doch, dies ist
kaum möglich. Der National Highway ist vor der Einfahrt von Maydolong in einem
dermassen schlechtem Zustand, dass alle Passagiere vor Erreichen des Dorfes
wachgerüttelt werden. Endlich sind wir angekommen! Der Empfang hätte nicht
freundlicher sein können: es herrscht „brown out – Stromausfall), zudem gibt es
kein fliessendes Wasser! Es lebe die Provinz!
     Die Beach von Maydolong
    
   

Barangay 7
Die erste Nacht ist überstanden. Draussen regnet es noch immer. „La Niňa“ wird
die Schuld für diese ungewöhnlich lange Regenzeit zugeschoben. Der Strom ist
auch noch nicht zurück, so essen wir das Frühstück bei Kerzenlicht: So was
scheint hier an der Tagesordnung zu sein. Es gibt mitgebrachte Züpfe und Kaffee.
Wenigstens funktioniert das fliessende Wasser wieder. Für eine kurze Zeit
schliessen sich die Himmelschleusen. Zeit mich kurz mal umzuschauen. Maydolong
hat 11250 Einwohner und ist an der Philippines Sea gelegen. Die Bewohner sind
Reisbauern und Fischer. Es gibt eine Kirche, das Gemeindehaus, ein kleiner
Markt, das Health Center, dazu einige kleine Läden. Unser Haus liegt etwas
ausserhalb des Zentrums, rund hundert Meter vom Strand entfernt, an der Roxas
Street im Barangay (Kreis) 7. Es ist ein kleines Haus aus Ziegelsteinen mit Flachdach, welches meine Freundin in den
letzten Jahren hat bauen lassen. Mit Strom, fliessendem Wasser, WC mit Dusche,
einem Bett mit Matratze und einem Fernseher, gehört es zu den „besseren“ Häusern
der Umgebung. Die Häuser unserer Nachbarn sind einfache Nipa-Hütten. Es gibt Im Dorf auch einige sehr ganz schöne
Häuser. Eigentlich verwunderlich in einer so armen Region. Doch scheinbar haben
auch hier viele Familien irgendeinen Verwandten der als Overseaworker
(inzwischen arbeiten rund 9 Mio Filipinos im Ausland) Geld nach Hause sendet.
    
  
     Unser Haus und Sari-Sari (Bild rechts)
     Küche, Badezimmer und Wohnzimmer
 und Schlafzimmer
     Das Elternhaus wird von der Schwester und ihrem Mann bewohnt
   Das Haus unseres Nachbarn
Was früher bei uns für die Mädchen der Beruf Swissair-Stewardess und für die
Buben eines Lokomotivführers bei der SBB bedeutete, so ist es in den Philippinen
der Traum jedes Mädchens einen Sari-Sari (Krämerladen) zu besitzen und für die
Buben ein Trike (Motorrad mit Seitenwagen für den Personentransport) zu fahren.
Wir haben beides. Als Besitzer eines Sari-Sari und eines Trikes ist man schon
recht gut angesehen.
Unser Sari-Sari prägt denn auch das Tagesgeschehen, denn dieser ist täglich
sechzehn Stunden lang geöffnet, sieben Tage in der Woche. Solche Krämerläden
gibt es haufenweise, alleine in unserem Barangay deren sieben. Die Konkurrenz
ist gross. Wie viele Diskussionen hatten wir bereits mit meiner Freundin, wie
ein Geschäft erfolgreich geführt werden sollte. Aus der Sicht der Ausländer ist
immer alles einfach, von den örtlichen Verhältnisse haben die meisten jedoch
keine grosse Ahnung. Für mich ist es daher eine gute Gelegenheit mal selber zu
sehen und zu erfahren wie die Leute hier überhaupt leben und mit welchen
Problemen sie täglich konfrontiert sind. Man braucht nicht studiert zu haben um
sofort festzustellen, dass die Leute keine Kaufkraft haben. Das ganze Sortiment
muss daher in Kleinstmengen angeboten werden, damit die Leute es überhaupt
kaufen können. Der Gewinn bei solchen Mengen ist minim, einige Centavos. Das
„beste“ Geschäft ist noch mit dem Reis. Reis ist das Brot der Filipinos, wie
übrigens überall in Asien. Nur dass hier zu jeder Mahlzeit Reis gegessen wird.
Unser Sari-Sari verkauft jede Woche zwischen 200 und 250 Kilo Reis. Der Preis
für ein Kilo Reis, ist je nach Qualität unterschiedlich. Die meisten Leute
kümmern sich jedoch kaum um die Qualität, es wird der Reis dort gekauft, wo er
am billigsten ist. Derzeit kostet das Kilo 24 Pesos. Alleine mit dem Verkauf von
Reis gibt es einen „schönen“ Gewinn, doch nicht genug um damit Leben zu können.
     Tante Eding, die Geschäftsführerin
    
     Das Sortiment muss in Kleinstmengen angeboten werden, damit die Leute es überhaupt kaufen können
 Unser Trike, der Himalayan Express
     Bau des Trike-Garages
Ein Tag in der Provinz
Wer kein Frühaufsteher ist, abends nicht ohne „Bar Happy“ (Ausgang) sein und
sich nicht an einen einfacheren Lebensstil anpassen kann, dem wird es in der
Provinz kaum gefallen und sollte so was auch lieber gleich lassen. Das Leben
beginnt hier früh, sehr früh. Bereits ab 04.00 Uhr bereitet unsere Nachbarin den
Reis für das Frühstück vor. Das rhythmische zerstampfen der Reiskörner weckt
mich auf. Ich muss wieder eingeschlafen sein, denn 05.30 Uhr werde ich erneut
aus dem Schlaf gerissen: Kling! Kling! Kling! Irgendwo im Dorf wird auf einer
Autofelge während einer halben Minute ein Klingelspiel zur Dorftagwache
veranstaltet. Draussen herrscht bereits eine rege Tätigkeit. Ich nehme das
Klirren der Handwasserpumpe wahr. Die meisten Leute haben kein fliessendes
Wasser und müssen das Wasser in Eimern nach Hause schleppen. Spätestens um 06.00
Uhr heisst es auch für uns aufzustehen um den Laden zu öffnen. Tante Eding ist,
wie jeden Dienstag, heute schon früh um 04.30 Uhr mit unserem Trike nach
Borongan gefahren um den Billigreis der National Food Authority, sogenannten
NFA-Reis zu kaufen. Es handelt sich um ein Programm von Präsidentin Arroyo, dass
den armen Leuten ermöglichen soll verbilligten Reis kaufen zu können. Die Abgabe
dieses Reises erfolgt jedoch nur an lizenzierte Verkäufer, die sich dazu
verpflichten diesen zu einem vorgeschriebenen, festgelegten Preis zu verkaufen.
Da schon mehrmals nicht genügend Reis vorhanden war, stehen die Leute nun
stundenlang Schlange vor den Türen der NFA an. Der Dienstag ist daher immer ein
hektischer Tag. Die Kinder müssen geweckt werden, diese müssen Duschen, Zähne
putzen, Anziehen, Kämmen und Frühstücken. Aus Platzmangel essen wir in
Schichten! Zwischendurch steht ein Kunde vor dem Laden und ruft: „Maopai – ist
jemand da?“. „Anoee – ich komme“. Ich springe wenn möglich ein: „Ano gusto mo?
– was möchten Sie?“. Einige Worte Warai, der Provinzsprache, verstehe ich
bereits, ansonsten lasse ich mir zeigen was gewünscht wird.
     Morgentoilette
Es ist 07.00 Uhr. Endlich sind die Kinder aus dem Hause. Es ist ruhig geworden.
Als nächstes müssen die Schweine gefüttert werden. Ja, wir haben auch noch einen
Saustall! (wortwörtlich) mit vier „Säuli“. Wie wohl überall auf dieser Welt,
braucht es immer ein Startkapital um ein Business zu starten. Wir haben dies nun
mal versuchsweise aufgebracht. Spätestens in drei Monaten werden wir sehen, ob
sich unsere Investition bezahlt gemacht hat. Ein weiser Rat sei aber erlaubt für
all jene die gedenken hier oder in irgend einem asiatischen Land etwas zu
investieren: um nicht in eine prekäre finanzielle Situation zu geraten, schreiben
Sie am besten immer gleich alles als Fonds perdu ab. Gemäss Futterplan gibt es
ab heute neues Futter. Die neuen Vitaminkörner sollen in den nächsten Wochen für
eine Gewichtszunahme von 25 auf 40 Kilo sorgen.
   Der Schweinestall
Die Fischer welche heute in der Früh losgefahren sind, sollen zurück sein. Die
Rückkehr der Fischer ist immer ein kleines Ereignis. Eine Schar von Leuten hat
sich angesammelt. Alle sind gespannt ob sie etwas gefangen haben, denn es kommt
ab und zu vor, dass sie leer zurück kommen. Diesmal sind sie jedoch sehr
erfolgreich. Ein Dutzend Thunfische ist die Beute. Die Fische werden auch gleich
verkauft: 100 Pesos für einen Fisch.
   Die Rückkehr der Fischer
    
Unser Sari-Sari ist so wie die Plauderecke des Quartiers. Regelmässig kommen
Frauen auf einen Quatsch vorbei und stillen dabei ihr Jüngstes. Tja, an
Kindermangel fehlt es hier nicht. Durchschnittlich kommen auf eine Familie sechs
Kinder. Viele Kinder bedeuten für einen großen Teil der Bevölkerung eine
gesicherte Altersversorgung. Hinzu kommt, dass Filipinos sehr kinderlieb sind.
Wenn man die Frauen darauf diesbezüglich anspricht, lachen sie verschmitzt und
meinen „family planting not family planning!“.
     Anak (Kinder) gibt es hier in Hülle und Fülle
    

    
Um 09.00 Uhr ist es bereits so heiss, ich weiss bald nicht mehr wohin flüchten.
Die Leute profitieren von dieser Gluthitze und breiten den geernteten Reis sowie
die Kopra (Fleisch der Kokosnuss) auf der Strasse zum Trocken aus. Auch wir
profitieren von dieser Hitze: es wird mehr Eis und Eiswasser verkauft.
  
Um 11.00 Uhr sind die Kinder aus der Schule zurück. Erstaunlich was für
Schleckmäuler diese Kinder sind. Stets steht ein Knirps vor dem Laden und
streckt ein Pesogeldstück für eine Süssigkeit entgegen.
Als eines der Kinder bemerkt, dass eine Sau ihr Futter von heute Morgen noch
nicht gefressen hat, herrscht Alarmstimmung. Alle begeben sich zum Saustall hin.
Ja, mit einer Sau ist etwas nicht in Ordnung. Normalerweise stürzte sie sich wie
ein wilder Tiger auf die Portion Vitaminkörner. Heute hat sie nichts davon
gefressen. Äusserlich ist ihr nichts anzumerken, dass sie krank wäre. Die Kinder
streicheln sie liebevoll: „Du armes Säuli“. Was können wir tun? Ich schlage vor
den Tierarzt anzurufen. „Ob die Sau Fieber habe?“ fragt dieser. Tja, und woher
sollen wir wissen wie man bei einer Sau das Fieber misst?
Tante Eding ist mit vier 50Kg-Säcken NFA-Reis zurück. Es herrscht nun reger
Betrieb, denn alle Kunden wollen vom billigen Reis profitieren. Zu meinem
Entsetzen stelle ich fest, dass es sich um importierten Reis aus Vietnam
handelt. Dies scheint anscheinend niemanden zu stören: Reis ist Reis. Auf einmal
herrscht lautes, grosses Palaver. Zwei fremde Frauen aus den Camada-Bergen
stehen vor dem Laden und wollen einen Sack NFA-Reis kaufen. Dieser ist jedoch
für unsere Kunden reserviert. Schlussendlich einigen wir uns auf dreissig Kilo.
Der Pepsi-Cola Wagen ist vorgefahren. Die leeren Kisten werden aufgeladen. Jede
fehlende Flasche wird verrechnet. So schrumpft der Gewinn von sechzig Pesos pro
Harasse wieder um einige Pesos. Da die Kunden viele Flaschen nicht mehr
zurückgebracht haben, verlangen wir seit kurzem ein Depot von drei Pesos. Für
über Tausend Pesos kaufen wir Getränke ein.
 Tante Eding ist mit dem NFA-Reis aus Borongan zurück
Am Meer ist es wesentlich angenehmer, es herrscht ein ständiger kühler Wind.
Inzwischen ist Ebbe. Die zu Hause gebliebenen Männer sammeln das von der Flut
angeschwemmte Holz ein. Darunter befinden sich ganze Holzstämme. Mit der Axt
werden sie verkleinert und zu Brennholz gemacht. Andere profitieren von der Ebbe
um Muscheln einzusammeln oder kleine Tintenfische zu fangen.
An einem so heissen Tag wie heute, haben jedoch die Kinder am meisten Freude.
Ein richtiger Badetag!
   Ebbe
     Die Leute sammeln Muscheln ein
     Am meisten freuen sich jedoch die Kinder
Es hat sich herumgesprochen, dass meine Freundin mit „ihrem“ Ausländer hier ist.
Einige kommen daher zu Besuch. Tja, die lieben Verwandten! Es ist nun mal halt
so, dass die Leute ein Geschenk erwarten. Denn jeder Ausländer ist reich. So wie
wir früher vom reichen Onkel aus Amerika schwärmten. Jeder Ausländer ist auch
ein Amerikaner. Als ob es nur Amerikaner auf dieser Welt gäbe! Immer wieder muss
ich korrigieren, dass ich „Suizo – Schweizer“ bin.
     Verwandte zu Besuch

Ach, schon wieder "brown out"! Grrr! Das hat uns
bei dieser Hitze gerade noch gefehlt. Man kann es auch positiv aufnehmen:
während dieser Zeit läuft der Fernseher nicht und es kann Strom gespart werden.
Für eine Weile ist es im Lädeli ruhiger, Zeit mit Tante Eding das Buch mit den
Kreditverkäufen zu konsultieren. Eine erschrecklich lange Liste. Bei einigen
Kunden handelt es sich sogar um grössere Beträge. Diese Kundenfreundlichkeit
verursacht uns ab und zu grosse Schwierigkeiten, denn dadurch fehlt uns das
notwendige Bargeld um am Dienstag den NFA-Reis zu kaufen.
Gegen 17.00 Uhr ist es wiederum Zeit die Schweine zu füttern und den Stall zu
reinigen. Unsere Sau hat noch immer nichts gefressen. Der Tierarzt ist auch noch
nicht erschienen. Na ja, warten wir bis Morgen ab.
Jeden Abend trifft sich eine ganze Schar von Kindern vor unserem Laden.
Nationalsport der Philippinen ist Basketball. Auch ein Erbe der Amerikaner.
Überall befinden sich kleine Basketballplätze, aber kein einziger
Fussballplatz! Schade, ich hätte so gerne mitgespielt.
Da ich mich über die Gewinnung des einheimischen Palmenweins „Tuba“ interessiert
habe, werde ich geholt um beizuwohnen wie in der Baumkrone der Blütennektar der
Kokospalme abgezapft wird. Zweimal im Tag, am frühen Morgen und am späten
Nachmittag wird der Blütenstengel angeschnitten, der Saft tropft dabei in einen
Kessel. Tuba wird frisch oder erst nach einem unterschiedlich langen
Gärungsprozess getrunken. Destilliert heißt er Lambanog. Seine rostbraune Farbe
erhält er durch Beigabe einer Rinde. Das Gesöff schmeckt abscheulich, mit Coca
Cola aber trinkbar.
 In der Baumkrone wird der Blütenstengel angeschnitten

   der Blütennektar tropft dann in den Kessel
Ich bin wieder zurück vor unserem Lädeli, als zwei Abgeordnete des Barangay 7
daherkommen. Die eine Frau schlägt mit einem Löffel auf eine Konservendose und
bittet damit die Leute um Aufmerksamkeit, währenddem die andere eine Mitteilung
vorliest. Die Bewohner werden heute Abend zu einer Versammlung in den Barangay
Hall eingeladen. Es gehe um etwas wichtiges, um das Plebiszit der neuen
Regierungsform: Yes or No. Will das philippinische Volk einer
Verfassungsänderung zustimmen, die einen Wechsel vom Präsidentschafts- System in
ein parlamentarisches System mit Premierminister vorsieht? Ja oder Nein ? Mit
diesem neuen Regierungssystem würde das Volk nicht mehr den Präsidenten direkt
wählen, an dessen Stelle würde der Kongress einen Premierminister ernennen.
Bevor es dazu kommt sind jedoch Unterschriften von 10% der eingeschriebenen
Wähler, ca. 2 ½ Mio. Unterschriften, notwendig. Viele sind skeptisch und eher
konservativ eingestellt. Andere dagegen sind der Meinung, es könne ja nur besser
werden. Ich werde nach meiner Meinung gefragt. Tja, ich als Ausländer habe
sowieso nichts zu sagen, abgesehen davon, dass ich selber über eine solch
Komplexe Frage keine Antwort wüsste. Eines ist sicher: ob so oder so, für die
Leute wird sich nichts ändern.
Der Reis wird dadurch sicher nicht billiger werden.
Inzwischen ist es 18.00 Uhr und unser Trikefahrer ist noch immer nicht zurück.
Anscheinend muss er heute ein gutes Geschäft gemacht haben. Kurz darauf liefert
er seine Einnahmen ab. Davon werden 30 Pesos für den Unterhalt und Reparaturen
abgezogen und in eine separate Kasse bezahlt. Der Rest wird hälftig geteilt. Für
jede Partei 180 Pesos. Nicht schlecht!
Die Fischer des Nachmittags sind zurück. Auch sie
haben einen guten Fang gemacht. Morgen wird es Fisch zum Mittagessen geben.
    
Das Eis ist alle. Wir haben heute über 30 Plastiksäckli Eis
verkauft. Die 30 Pesos gehen in die Stromkasse. Damit kann die monatliche
Stromrechnung um mehr als die Hälfte finanziert werden Bevor wir schliessen muss
neues Eis produziert werden. Auch Zucker muss noch abgefüllt werden.
Gegen 21.00 Uhr geht Tante Eding nach Hause. Die Einnahmen werden gezählt: 4560
Pesos! Das war ein guter Tag, wobei allerdings zwei Kunden ihren „Kredit“
beglichen haben. Tja, der Verkauf auf Kredit! Ein weiteres heikles Kapitel.
So geht ein ereignisreicher Tag in der Provinz zu Ende.
Einkaufen in Borongan
Unser Laden wird von Tante Eding geführt. Sie bekommt dazu auch einen Lohn von
2000 Pesos monatlich. Wenn möglich helfe ich aus. Beim Auffüllen der Regale
ertappe ich ein Mäuschen inflagranti, wie es an einer Packung Nudelsuppe
knabbert! Endlich haben wir den Täter geschnappt. Der Schaden ist nicht gross,
sieben Pesos. Um diese aber zu verdienen müssen zuerst wieder 28 Päckli verkauft
werden!
Heute fahren wir nach Borongan, die Provinzhauptstadt von Eastern Samar (40'000
Einwohner) um einzukaufen. Die zwanzig Kilometer lange Fahrt mit dem Jeepney
oder Trike kostet 20 Pesos. Selbstverständlich benützen wir unser Trike,
bezahlen aber denselben Preis. Die Strasse führt nördlich der Küste entlang.
Nach kurzer Fahrt passieren wir eine paradiesische von Kokospalmen umsäumte
Beach. Wir sind bei der Omawas Beach angelangt. Ich gebe dem Fahrer ein Zeichen
anzuhalten. Nein, da kann man nicht einfach vorbeifahren. Ein solcher Anblick
muss man einfach geniessen. Zum Baden ist es vermutlich nicht ideal, die
schäumenden Wellen scheinen ziemlich stark und hoch zu sein. Meine Mitfahrer
werden langsam ungeduldig und wollen weiter. Für sie ist dieser Anblick
alltägliches.
 Waschstelle
     Die paradiesische Omawas Beach

Auf der Weiterfahrt überqueren wir den Camada-River und
Can-Abong-River. Beide kommen vom hügeligen Hinterland und münden ins Meer. Nach
einer halben Stunde sind wir in Borongan angekommen. In den Strassen der Stadt
geht es wie in einem Bienenhaus zu und her. Aus allen Ecken strömen Hunderte von
Trikes daher. Borongan ist eine richtige Provinzstadt. Fast alles ist vorhanden;
Banken, Internets, Eisenwarenhändler, eine Metzgerei, Optikerläden, Bäckereien,
ein Spital und vieles mehr. Die Hauptsehenswürdigkeit der Stadt ist die
Kathedrale "Our Lady of Nativity". Zu meinem Erstaunen finde ich in einem der Shopping
Center sogar Heidelbeerkonfitüre! Wir profitieren von diesem Einkaufsbummel auch
um Ware für unser SariSari einzukaufen. Ein 50 Kg Sack Reis kostet hier 1050
Pesos. Wir müssen auch Medikamente wie Paracetamol, Neozip, Amoxilin einkaufen.
Diese verkaufen wir einen Peso teurer. Auf dem Markt benötigen wir Calamansi
(kleine Limes), Kamates (Tomaten), Sibujas (Zwiebeln), Lasona (Knoblauch) und
Luja (Ingwer). Nur keine verderbliche Ware. Auch kleine Packungen Shampoo,
Zahnpasta, Seifen und Waschpulver sind hier einige Centavos billiger.
Obwohl es in der Umgebung von Borongan sehr schöne Strände gibt, hat die Stadt
touristisch bisher keinen Nutzen davon gezogen. Es gibt nur zwei Hotels, ein
Neues ist im Bau. Namen von Restaurants wie „Macchu Picchu“ oder „C’est la vie“,
verraten, dass es hier auch Ausländer geben muss. Einem Filipino kämen solche
Namen nie in den Sinn. Wie der Name unseres Trikes: Himalayan Express…
Zurück in Maydolong erreicht uns eine gute Kunde. Wir haben wieder Elektrizität!
Also, sofort meine Digitalkamera und alle Händys aufladen! Wie hilflos wir doch
ohne Elektrizität sind!
     Camada River
   Can-Abong River
   Bild links: Fischtransport - Bild rechts: Lo-Om River
   Borongan
   
Bild links: Municipal Building - Bild
mitte: die Kathedrale "Our Lady of Nativity" - Bild rechts: das
modernste Einkaufszentrum von Eastern Samar
     Der Markt
    
  
Besuch im Reisfeld
Heute besuchen wir „unsere“ Verwandte
im Reisfeld. Zu Viert ziehen wir zunächst mit einem Trike los. Nach einer halben
Stunde geht es zu Fuss weiter. Die kleine Hütte ist inmitten der Reisfelder
gelegen. Es ist hier Brauch, dass der Landbesitzer (Tante Eding) vor der Ernte
dem Bauern zu Essen bringt. Wir haben einen grossen Thunfisch mitgebracht. Der
Empfang ist herzlich. Elad und seine Frau, Madid, entschuldigen sich, dass sie so
arm sind und uns nichts anbieten können. Das Haus ist eine einfache Nipahütte.
Elektrizität gibt es nicht, gekocht wird auf dem Holzfeuer. Im gemeinsamen Wohn-
und Schlafzimmer wird die kleinste im Hamac hin und her geschaukelt. Sie haben
drei Buben und zwei Mädchen. Die Kinder, vor allem das Mädchen, sind sehr scheu.
Vermutlich haben sie noch nicht viele Ausländer gesehen. Es wird ausgiebig
geplaudert. Man hat sich schon einige Zeit nicht mehr gesehen. Madid erzählt,
dass sie die Absicht hat, wie ihre Schwester, in Kuwait zu arbeiten. Sie lernt
dazu täglich einige Worte arabisch! Zwei Jahre Kuwait, das ist eine lange Zeit
meint Elad, aber es gäbe keine andere Lösung um aus ihrer Armut herauszukommen.
    
    
    
    

Inzwischen wird das Mittagessen zubereitet. Der
Reis muss geschält werden. Da kann auch ich etwas aktiv mithelfen. Anschliessend
muss dieser vom Spreu getrennt werden. Dies geschieht mit einer geschickten
Bewegung, wie beim Omeletten drehen, werden die Reiskörner in die Luft
aufgeworfen und der Wind bläst den Spreu weg. Dies überlasse ich lieber Tante Eding, sie hat damit mehr
Erfahrung als ich, ansonsten mir die wertvollen Körner noch zu Boden fallen. Der
Tisch aus Bambus ist mit frischen, saftgrünen Bananenblättern gedeckt. Die
Teller haben wir mitgenommen, halbierte Kokosnüsse dienen als Schale für die
Soyasauce.
Nach dem Mittagessen streifen wir durch die Felder. Auffällig viele Reislinge
sind leer, vom Ungeziefer zerfressen. Ohne Chemikalien gäbe es noch weniger
Ertrag.
In der Regel wird der Ertrag zwischen Bauer und Landbesitzer zur Hälfte geteilt.
Da bei der Saat letzten Dezember, weder unser Verwandter noch Tante Eding das
Geld für das Saatgut auftreiben konnte, haben wir auch hier mit 1000 Pesos
ausgeholfen. Wir sollten dafür einen Viertel des Reisertrages erhalten. Wir sind
daher alle gespannt, wie viele Säcke die Ernte abgeben wird.
   Vorbereitung des Mittagsessen
    
     Bild links und mitte: Calamansi (kleine Limes) - Bild rechts: Pfeffer
 Zuckerrohr
Renovation unseres Hauses (Phase 3)
    
    
Parade Day und Besuch in der Schule

   
    
Sonntagsausflug auf die Insel Divinubo
    
  
    
  
    
  

Nicht viel anders als bei uns
Durch die täglichen Einnahmen unseres Sari-Sari und Trikes, habe ich beinahe den
Eindruck gewonnen, dass unsere Geschäfte gut laufen. Dies ist jedoch ein
trügerischer Eindruck. Da die Einnahmen, wie so üblich hier, für die täglichen
Ausgaben benützt werden, ohne sich gross Gedanken über Rückstellungen und
Abschreibungen zu machen, kommt die Ernüchterung spätestens am Monatsende, wenn
die verschiedenen Rechnungen bezahlt werden müssen.
Nach diesem dreiwöchigen Aufenthalt in der Provinz stehe ich den Filipinos, die
von uns Ausländern meisten als faul und dumm bezeichnet werden, wesentlich
weniger kritisch gegenüber. Solche Pauschalisierungen werden leider
fälschlicherweise immer wieder gemacht, basieren jedoch in den meisten Fällen auf
einzelne, individuelle Erfahrungen. „Fuli Sieche" und „Arschlöcher“ gibt es
überall auf dieser Welt, auch in der Schweiz zur Genüge. „Wir sind mit unserem
einfachen Leben glücklich“, erklärte mir ein Onkel meiner Freundin. Wer kann
so was bei uns, in diesem furchtbaren, ja krankhaft gestressten Leben, noch
sagen? Ein einfaches Leben führen, dafür aber auch weniger Arbeiten zu müssen,
hat nichts mit Faulheit zu tun. Nur wir im Westen kommen immer zu solchen Schlussfolgerungen. .
Dass wir Ausländer gegenüber den Filipinos ganz anders denken, lässt sich nicht
von der Hand weisen. Wir haben jedoch keinen Grund uns deswegen Gescheiter als
die Filipinos zu fühlen und diese als minderwertiger zu betrachten. Wir hatten lediglich das unheimliche Glück eine bessere
Ausbildung geniessen zu dürfen, bei welcher wir gelernt haben die Fähigkeiten
unseres
Gehirns besser auszunützen. Doch leider ist die politische Elite in einem
Entwicklungsland wie die Philippinen nicht so sehr an
einer besseren Bildung interessiert: Leute mit einer besserer Bildung könnten nicht
mehr so leicht manipuliert werden.
Die Zukunft in den Philippinen sieht nicht gerade rosig aus. Da ist die Korruption,
welche wie ein Krebsgeschwür bis in die unterste Verwaltung des Staates
unaufhaltsam wuchert, da ist der Bevölkerungswachstum der ungestoppt zunimmt (in
40 Jahren wird sich die Bevölkerung von 76 Mio. auf 142 Mio! verdoppelt haben).
Gemäss Nationalem Statistikbüro waren letztes Jahr 35% der Bevölkerung 14 Jahre
alt und jünger. Diese Mäuler müssen ernährt werden. Doch bereits heute kann die
Eigenversorgung nicht mehr gewährleistet werden. Innerhalb von wenigen Jahren
mussten die Philippinen ihre Reisimporte um 16% des inländischen Verbrauchs
steigern. Ob die vielen Kinder wirklich etwas mit Kinderliebe zu tun hat,
darüber habe ich mich schon mehrmals gestritten. Könnte es nicht auch einfach
eine sehr egoistische Denkweise sein? Machen sich die Eltern überhaupt Gedanken
was aus ihren Kindern einmal werden soll? Oder geht es schlussendlich nur darum, dass
man Kinder hat um von diesen im Alter versorgt zu werden? In der Provinz mag die
Welt noch in Ordnung sein, aber in der Grossstadt, in den Slums von Manila, wo
Kinder keinen Pfifferling Wert sind, von den eigenen Leuten als Arbeits- und
Sexsklave benützt werden, ja sogar getötet werden um ihre Organe teuer zu
verkaufen...
Tragisch ist, dass Bemühungen der Regierung diesen Bevölkerungswachstum zu
bändigen, durch die einflussreiche Katholische Kirche gehemmt werden (siehe auch
meine Berichte Mabuhay Nr. 19 "Die Verantwortung der katholischen Kirche" und
Nr. 31 "Orbis, das fliegende Augenspital". Da prangert der Herr Papst bei seiner
Karfreitagsmesse in Rom Elend und Hunger auf dieser Welt an, dabei ist er, als
Oberhaupt dieser Kirche, einer, wenn nicht der Hauptverantwortliche für diese Situation. Das tragischste an allem
aber ist, dass es auf dieser Welt anscheinend nur Feiglinge gibt, denn niemanden
wagt diesen Heuchlern die Wahrheit zu sagen.
Dies sind einige Gedanken die uns Ausländer für die Zukunft dieses Landes
zu denken geben. Doch Hand aufs Herz. Machen wir uns in der Schweiz auch so
viele Gedanken darüber, dass es bald nur noch „ältere“ Leute geben wird?
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