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Mabuhay Sari-Sari und Trike
Von einer Reise in die Provinz Eastern Samar (Philippinen)
(ND 02 / 22.04.2006)

"Ladies and Gentlemen, tayo po ay kasalukuyang makakaranas ng di inaasahang pagsama ng panahon pakesuot po ng inyong mga seat belt sa inyong kaligtasan" tönt aus dem Bordlautsprecher, was in etwa heisst, dass wir uns einer Turbulenzzone nähern und zur Sicherheit die Gurten angeschnallt werden sollen! Schon beim Start in Manila war das Wetter regnerisch. Will denn diese Regenzeit eigentlich nie zu Ende gehen? Als der brandneue Airbus der Cebu Pacific nach fünfundvierzig Minuten den Sinkflug nach Tacloban (sprich Taclooban) beginnt, tauchen wir in ein Meer dunkler Wolken ein. Minuten vor der Landung ist aus dem Fenster noch immer nichts zu sehen. Obwohl ich dem Pilot und seinem Höhenmesser traue, habe ich solche Situationen ganz und gar nicht gerne. Es gibt zum Glück auf dem Anflug keine grossen Berge, doch schon manche Maschine ist kurz vor der Landung an einem Berghügel zerschellt. Deren gibt es hier viele. Durch ein Loch in den Wolken erkenne ich, dass wir noch einige hundert Meter über dem Boden sind. Erleichterung kommt auf. Die Landung in Tacloban City, der Hauptstadt der Provinz Leyte, ist perfekt (siehe auch Mabuhay Reisebericht 3) Längst sind wir jedoch noch nicht an unserem Bestimmungsort angelangt. Nach Maydolong, an der Ostküste der Provinz Eastern Samar, sind es noch vier Stunden Busfahrt!


Wo ist Maydolong? (Abbildung mit freundlicher Genehmigung von EZ MAP)

Über die S-förmige San Juanico Bridge überqueren wir die Meeresenge von San Juanico. Es ist die längste Spannbrücke der Philippinen und verbindet die beiden Provinzen Leyte mit Samar. Die Strasse führt nun südlich der Küste an unzähligen malerischen Palmenstränden entlang In Quinapondan zweigt sie nach Norden ab. Es beginnt zu regnen. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit passieren wir das Dorf Gen. MacArthur. Ob es aus touristischer Sicht hier etwas Interessantes zu sehen gibt, erkundige ich mich beim Fahrer. Dieser weiss von nichts. Scheinbar wurde das Dorf lediglich als Erinnerung an die Landung der US-Landungsflotte vom 20. Oktober 1944 unter dem Kommando von General McArthur so benannt. Es giesst nun wie aus Kübeln. Man sieht keine zwanzig Meter weit. Maydolong soll nicht mehr weit sein, versichert man mir. Nur noch 65 Kilometer. Inzwischen ist es draussen stockdunkel. Die Fahrt scheint unendlich. Wie lange doch so 65 Km sein können. Ich habe keine Ahnung wo wir sind. Nicht dass wir dann unseren Bestimmungsort noch verpassen! Doch, dies ist kaum möglich. Der National Highway ist vor der Einfahrt von Maydolong in einem dermassen schlechtem Zustand, dass alle Passagiere vor Erreichen des Dorfes wachgerüttelt werden. Endlich sind wir angekommen! Der Empfang hätte nicht freundlicher sein können: es herrscht „brown out – Stromausfall), zudem gibt es kein fliessendes Wasser! Es lebe die Provinz!


Die Beach von Maydolong

Barangay 7

Die erste Nacht ist überstanden. Draussen regnet es noch immer. „La Niňa“ wird die Schuld für diese ungewöhnlich lange Regenzeit zugeschoben. Der Strom ist auch noch nicht zurück, so essen wir das Frühstück bei Kerzenlicht: So was scheint hier an der Tagesordnung zu sein. Es gibt mitgebrachte Züpfe und Kaffee. Wenigstens funktioniert das fliessende Wasser wieder. Für eine kurze Zeit schliessen sich die Himmelschleusen. Zeit mich kurz mal umzuschauen. Maydolong hat 11250 Einwohner und ist an der Philippines Sea gelegen. Die Bewohner sind Reisbauern und Fischer. Es gibt eine Kirche, das Gemeindehaus, ein kleiner Markt, das Health Center, dazu einige kleine Läden. Unser Haus liegt etwas ausserhalb des Zentrums, rund hundert Meter vom Strand entfernt, an der Roxas Street im Barangay (Kreis) 7. Es ist ein kleines Haus aus Ziegelsteinen mit Flachdach, welches meine Freundin in den letzten Jahren hat bauen lassen. Mit Strom, fliessendem Wasser, WC mit Dusche, einem Bett mit Matratze und einem Fernseher, gehört es zu den „besseren“ Häusern der Umgebung. Die Häuser unserer Nachbarn sind einfache Nipa-Hütten. Es gibt Im Dorf auch einige sehr ganz schöne Häuser. Eigentlich verwunderlich in einer so armen Region. Doch scheinbar haben auch hier viele Familien irgendeinen Verwandten der als Overseaworker (inzwischen arbeiten rund 9 Mio Filipinos im Ausland) Geld nach Hause sendet.


Unser Haus und Sari-Sari (Bild rechts)


Küche, Badezimmer und Wohnzimmer


und Schlafzimmer


Das Elternhaus wird von der Schwester und ihrem Mann bewohnt


Das Haus unseres Nachbarn

Was früher bei uns für die Mädchen der Beruf Swissair-Stewardess und für die Buben eines Lokomotivführers bei der SBB bedeutete, so ist es in den Philippinen der Traum jedes Mädchens einen Sari-Sari (Krämerladen) zu besitzen und für die Buben ein Trike (Motorrad mit Seitenwagen für den Personentransport) zu fahren. Wir haben beides. Als Besitzer eines Sari-Sari und eines Trikes ist man schon recht gut angesehen.
Unser Sari-Sari prägt denn auch das Tagesgeschehen, denn dieser ist täglich sechzehn Stunden lang geöffnet, sieben Tage in der Woche. Solche Krämerläden gibt es haufenweise, alleine in unserem Barangay deren sieben. Die Konkurrenz ist gross. Wie viele Diskussionen hatten wir bereits mit meiner Freundin, wie ein Geschäft erfolgreich geführt werden sollte. Aus der Sicht der Ausländer ist immer alles einfach, von den örtlichen Verhältnisse haben die meisten jedoch keine grosse Ahnung. Für mich ist es daher eine gute Gelegenheit mal selber zu sehen und zu erfahren wie die Leute hier überhaupt leben und mit welchen Problemen sie täglich konfrontiert sind. Man braucht nicht studiert zu haben um sofort festzustellen, dass die Leute keine Kaufkraft haben. Das ganze Sortiment muss daher in Kleinstmengen angeboten werden, damit die Leute es überhaupt kaufen können. Der Gewinn bei solchen Mengen ist minim, einige Centavos. Das „beste“ Geschäft ist noch mit dem Reis. Reis ist das Brot der Filipinos, wie übrigens überall in Asien. Nur dass hier zu jeder Mahlzeit Reis gegessen wird. Unser Sari-Sari verkauft jede Woche zwischen 200 und 250 Kilo Reis. Der Preis für ein Kilo Reis, ist je nach Qualität unterschiedlich. Die meisten Leute kümmern sich jedoch kaum um die Qualität, es wird der Reis dort gekauft, wo er am billigsten ist. Derzeit kostet das Kilo 24 Pesos. Alleine mit dem Verkauf von Reis gibt es einen „schönen“ Gewinn, doch nicht genug um damit Leben zu können.


Tante Eding, die Geschäftsführerin


Das Sortiment muss in Kleinstmengen angeboten werden, damit die Leute es überhaupt kaufen können


Unser Trike, der Himalayan Express


Bau des Trike-Garages

Ein Tag in der Provinz

Wer kein Frühaufsteher ist, abends nicht ohne „Bar Happy“ (Ausgang) sein und sich nicht an einen einfacheren Lebensstil anpassen kann, dem wird es in der Provinz kaum gefallen und sollte so was auch lieber gleich lassen. Das Leben beginnt hier früh, sehr früh. Bereits ab 04.00 Uhr bereitet unsere Nachbarin den Reis für das Frühstück vor. Das rhythmische zerstampfen der Reiskörner weckt mich auf. Ich muss wieder eingeschlafen sein, denn 05.30 Uhr werde ich erneut aus dem Schlaf gerissen: Kling! Kling! Kling! Irgendwo im Dorf wird auf einer Autofelge während einer halben Minute ein Klingelspiel zur Dorftagwache veranstaltet. Draussen herrscht bereits eine rege Tätigkeit. Ich nehme das Klirren der Handwasserpumpe wahr. Die meisten Leute haben kein fliessendes Wasser und müssen das Wasser in Eimern nach Hause schleppen. Spätestens um 06.00 Uhr heisst es auch für uns aufzustehen um den Laden zu öffnen. Tante Eding ist, wie jeden Dienstag, heute schon früh um 04.30 Uhr mit unserem Trike nach Borongan gefahren um den Billigreis der National Food Authority, sogenannten NFA-Reis zu kaufen. Es handelt sich um ein Programm von Präsidentin Arroyo, dass den armen Leuten ermöglichen soll verbilligten Reis kaufen zu können. Die Abgabe dieses Reises erfolgt jedoch nur an lizenzierte Verkäufer, die sich dazu verpflichten diesen zu einem vorgeschriebenen, festgelegten Preis zu verkaufen. Da schon mehrmals nicht genügend Reis vorhanden war, stehen die Leute nun stundenlang Schlange vor den Türen der NFA an. Der Dienstag ist daher immer ein hektischer Tag. Die Kinder müssen geweckt werden, diese müssen Duschen, Zähne putzen, Anziehen, Kämmen und Frühstücken. Aus Platzmangel essen wir in Schichten! Zwischendurch steht ein Kunde vor dem Laden und ruft: „Maopai – ist jemand da?“. „Anoee – ich komme“. Ich springe wenn möglich ein: „Ano gusto mo? – was möchten Sie?“. Einige Worte Warai, der Provinzsprache, verstehe ich bereits, ansonsten lasse ich mir zeigen was gewünscht wird.


Morgentoilette

Es ist 07.00 Uhr. Endlich sind die Kinder aus dem Hause. Es ist ruhig geworden. Als nächstes müssen die Schweine gefüttert werden. Ja, wir haben auch noch einen Saustall! (wortwörtlich) mit vier „Säuli“. Wie wohl überall auf dieser Welt, braucht es immer ein Startkapital um ein Business zu starten. Wir haben dies nun mal versuchsweise aufgebracht. Spätestens in drei Monaten werden wir sehen, ob sich unsere Investition bezahlt gemacht hat. Ein weiser Rat sei aber erlaubt für all jene die gedenken hier oder in irgend einem asiatischen Land etwas zu investieren: um nicht in eine prekäre finanzielle Situation zu geraten, schreiben Sie am besten immer gleich alles als Fonds perdu ab. Gemäss Futterplan gibt es ab heute neues Futter. Die neuen Vitaminkörner sollen in den nächsten Wochen für eine Gewichtszunahme von 25 auf 40 Kilo sorgen.

 
Der Schweinestall

Die Fischer welche heute in der Früh losgefahren sind, sollen zurück sein. Die Rückkehr der Fischer ist immer ein kleines Ereignis. Eine Schar von Leuten hat sich angesammelt. Alle sind gespannt ob sie etwas gefangen haben, denn es kommt ab und zu vor, dass sie leer zurück kommen. Diesmal sind sie jedoch sehr erfolgreich. Ein Dutzend Thunfische ist die Beute. Die Fische werden auch gleich verkauft: 100 Pesos für einen Fisch.


Die Rückkehr der Fischer

Unser Sari-Sari ist so wie die Plauderecke des Quartiers. Regelmässig kommen Frauen auf einen Quatsch vorbei und stillen dabei ihr Jüngstes. Tja, an Kindermangel fehlt es hier nicht. Durchschnittlich kommen auf eine Familie sechs Kinder. Viele Kinder bedeuten für einen großen Teil der Bevölkerung eine gesicherte Altersversorgung. Hinzu kommt, dass Filipinos sehr kinderlieb sind. Wenn man die Frauen darauf diesbezüglich anspricht, lachen sie verschmitzt und meinen „family planting not family planning!“.


Anak (Kinder) gibt es hier in Hülle und Fülle

Um 09.00 Uhr ist es bereits so heiss, ich weiss bald nicht mehr wohin flüchten. Die Leute profitieren von dieser Gluthitze und breiten den geernteten Reis sowie die Kopra (Fleisch der Kokosnuss) auf der Strasse zum Trocken aus. Auch wir profitieren von dieser Hitze: es wird mehr Eis und Eiswasser verkauft.

Um 11.00 Uhr sind die Kinder aus der Schule zurück. Erstaunlich was für Schleckmäuler diese Kinder sind. Stets steht ein Knirps vor dem Laden und streckt ein Pesogeldstück für eine Süssigkeit entgegen.
Als eines der Kinder bemerkt, dass eine Sau ihr Futter von heute Morgen noch nicht gefressen hat, herrscht Alarmstimmung. Alle begeben sich zum Saustall hin. Ja, mit einer Sau ist etwas nicht in Ordnung. Normalerweise stürzte sie sich wie ein wilder Tiger auf die Portion Vitaminkörner. Heute hat sie nichts davon gefressen. Äusserlich ist ihr nichts anzumerken, dass sie krank wäre. Die Kinder streicheln sie liebevoll: „Du armes Säuli“. Was können wir tun? Ich schlage vor den Tierarzt anzurufen. „Ob die Sau Fieber habe?“ fragt dieser. Tja, und woher sollen wir wissen wie man bei einer Sau das Fieber misst?

Tante Eding ist mit vier 50Kg-Säcken NFA-Reis zurück. Es herrscht nun reger Betrieb, denn alle Kunden wollen vom billigen Reis profitieren. Zu meinem Entsetzen stelle ich fest, dass es sich um importierten Reis aus Vietnam handelt. Dies scheint anscheinend niemanden zu stören: Reis ist Reis. Auf einmal herrscht lautes, grosses Palaver. Zwei fremde Frauen aus den Camada-Bergen stehen vor dem Laden und wollen einen Sack NFA-Reis kaufen. Dieser ist jedoch für unsere Kunden reserviert. Schlussendlich einigen wir uns auf dreissig Kilo. Der Pepsi-Cola Wagen ist vorgefahren. Die leeren Kisten werden aufgeladen. Jede fehlende Flasche wird verrechnet. So schrumpft der Gewinn von sechzig Pesos pro Harasse wieder um einige Pesos. Da die Kunden viele Flaschen nicht mehr zurückgebracht haben, verlangen wir seit kurzem ein Depot von drei Pesos. Für über Tausend Pesos kaufen wir Getränke ein.


Tante Eding ist mit dem NFA-Reis aus Borongan zurück

Am Meer ist es wesentlich angenehmer, es herrscht ein ständiger kühler Wind. Inzwischen ist Ebbe. Die zu Hause gebliebenen Männer sammeln das von der Flut angeschwemmte Holz ein. Darunter befinden sich ganze Holzstämme. Mit der Axt werden sie verkleinert und zu Brennholz gemacht. Andere profitieren von der Ebbe um Muscheln einzusammeln oder kleine Tintenfische zu fangen. An einem so heissen Tag wie heute, haben jedoch die Kinder am meisten Freude. Ein richtiger Badetag!


Ebbe


Die Leute sammeln Muscheln ein


Am meisten freuen sich jedoch die Kinder

Es hat sich herumgesprochen, dass meine Freundin mit „ihrem“ Ausländer hier ist. Einige kommen daher zu Besuch. Tja, die lieben Verwandten! Es ist nun mal halt so, dass die Leute ein Geschenk erwarten. Denn jeder Ausländer ist reich. So wie wir früher vom reichen Onkel aus Amerika schwärmten. Jeder Ausländer ist auch ein Amerikaner. Als ob es nur Amerikaner auf dieser Welt gäbe! Immer wieder muss ich korrigieren, dass ich „Suizo – Schweizer“ bin.


Verwandte zu Besuch

Ach, schon wieder "brown out"! Grrr! Das hat uns bei dieser Hitze gerade noch gefehlt. Man kann es auch positiv aufnehmen: während dieser Zeit läuft der Fernseher nicht und es kann Strom gespart werden. Für eine Weile ist es im Lädeli ruhiger, Zeit mit Tante Eding das Buch mit den Kreditverkäufen zu konsultieren. Eine erschrecklich lange Liste. Bei einigen Kunden handelt es sich sogar um grössere Beträge. Diese Kundenfreundlichkeit verursacht uns ab und zu grosse Schwierigkeiten, denn dadurch fehlt uns das notwendige Bargeld um am Dienstag den NFA-Reis zu kaufen.

Gegen 17.00 Uhr ist es wiederum Zeit die Schweine zu füttern und den Stall zu reinigen. Unsere Sau hat noch immer nichts gefressen. Der Tierarzt ist auch noch nicht erschienen. Na ja, warten wir bis Morgen ab.
Jeden Abend trifft sich eine ganze Schar von Kindern vor unserem Laden. Nationalsport der Philippinen ist Basketball. Auch ein Erbe der Amerikaner. Überall befinden sich kleine Basketballplätze, aber kein einziger Fussballplatz! Schade, ich hätte so gerne mitgespielt.
Da ich mich über die Gewinnung des einheimischen Palmenweins „Tuba“ interessiert habe, werde ich geholt um beizuwohnen wie in der Baumkrone der Blütennektar der Kokospalme abgezapft wird. Zweimal im Tag, am frühen Morgen und am späten Nachmittag wird der Blütenstengel angeschnitten, der Saft tropft dabei in einen Kessel. Tuba wird frisch oder erst nach einem unterschiedlich langen Gärungsprozess getrunken. Destilliert heißt er Lambanog. Seine rostbraune Farbe erhält er durch Beigabe einer Rinde. Das Gesöff schmeckt abscheulich, mit Coca Cola aber trinkbar.


In der Baumkrone wird der Blütenstengel angeschnitten


der Blütennektar tropft dann in den Kessel

Ich bin wieder zurück vor unserem Lädeli, als zwei Abgeordnete des Barangay 7 daherkommen. Die eine Frau schlägt mit einem Löffel auf eine Konservendose und bittet damit die Leute um Aufmerksamkeit, währenddem die andere eine Mitteilung vorliest. Die Bewohner werden heute Abend zu einer Versammlung in den Barangay Hall eingeladen. Es gehe um etwas wichtiges, um das Plebiszit der neuen Regierungsform: Yes or No. Will das philippinische Volk einer Verfassungsänderung zustimmen, die einen Wechsel vom Präsidentschafts- System in ein parlamentarisches System mit Premierminister vorsieht? Ja oder Nein ? Mit diesem neuen Regierungssystem würde das Volk nicht mehr den Präsidenten direkt wählen, an dessen Stelle würde der Kongress einen Premierminister ernennen. Bevor es dazu kommt sind jedoch Unterschriften von 10% der eingeschriebenen Wähler, ca. 2 ½ Mio. Unterschriften, notwendig. Viele sind skeptisch und eher konservativ eingestellt. Andere dagegen sind der Meinung, es könne ja nur besser werden. Ich werde nach meiner Meinung gefragt. Tja, ich als Ausländer habe sowieso nichts zu sagen, abgesehen davon, dass ich selber über eine solch Komplexe Frage keine Antwort wüsste. Eines ist sicher: ob so oder so, für die Leute wird sich nichts ändern.
Der Reis wird dadurch sicher nicht billiger werden.

Inzwischen ist es 18.00 Uhr und unser Trikefahrer ist noch immer nicht zurück. Anscheinend muss er heute ein gutes Geschäft gemacht haben. Kurz darauf liefert er seine Einnahmen ab. Davon werden 30 Pesos für den Unterhalt und Reparaturen abgezogen und in eine separate Kasse bezahlt. Der Rest wird hälftig geteilt. Für jede Partei 180 Pesos. Nicht schlecht!

Die Fischer des Nachmittags sind zurück. Auch sie haben einen guten Fang gemacht. Morgen wird es Fisch zum Mittagessen geben.

Das Eis ist alle. Wir haben heute über 30 Plastiksäckli Eis verkauft. Die 30 Pesos gehen in die Stromkasse. Damit kann die monatliche Stromrechnung um mehr als die Hälfte finanziert werden Bevor wir schliessen muss neues Eis produziert werden. Auch Zucker muss noch abgefüllt werden. Gegen 21.00 Uhr geht Tante Eding nach Hause. Die Einnahmen werden gezählt: 4560 Pesos! Das war ein guter Tag, wobei allerdings zwei Kunden ihren „Kredit“ beglichen haben. Tja, der Verkauf auf Kredit! Ein weiteres heikles Kapitel.

So geht ein ereignisreicher Tag in der Provinz zu Ende.

Einkaufen in Borongan

Unser Laden wird von Tante Eding geführt. Sie bekommt dazu auch einen Lohn von 2000 Pesos monatlich. Wenn möglich helfe ich aus. Beim Auffüllen der Regale ertappe ich ein Mäuschen inflagranti, wie es an einer Packung Nudelsuppe knabbert! Endlich haben wir den Täter geschnappt. Der Schaden ist nicht gross, sieben Pesos. Um diese aber zu verdienen müssen zuerst wieder 28 Päckli verkauft werden!
Heute fahren wir nach Borongan, die Provinzhauptstadt von Eastern Samar (40'000 Einwohner) um einzukaufen. Die zwanzig Kilometer lange Fahrt mit dem Jeepney oder Trike kostet 20 Pesos. Selbstverständlich benützen wir unser Trike, bezahlen aber denselben Preis. Die Strasse führt nördlich der Küste entlang. Nach kurzer Fahrt passieren wir eine paradiesische von Kokospalmen umsäumte Beach. Wir sind bei der Omawas Beach angelangt. Ich gebe dem Fahrer ein Zeichen anzuhalten. Nein, da kann man nicht einfach vorbeifahren. Ein solcher Anblick muss man einfach geniessen. Zum Baden ist es vermutlich nicht ideal, die schäumenden Wellen scheinen ziemlich stark und hoch zu sein. Meine Mitfahrer werden langsam ungeduldig und wollen weiter. Für sie ist dieser Anblick alltägliches.


Waschstelle


Die paradiesische Omawas Beach

Auf der Weiterfahrt überqueren wir den Camada-River und Can-Abong-River. Beide kommen vom hügeligen Hinterland und münden ins Meer. Nach einer halben Stunde sind wir in Borongan angekommen. In den Strassen der Stadt geht es wie in einem Bienenhaus zu und her. Aus allen Ecken strömen Hunderte von Trikes daher. Borongan ist eine richtige Provinzstadt. Fast alles ist vorhanden; Banken, Internets, Eisenwarenhändler, eine Metzgerei, Optikerläden, Bäckereien, ein Spital und vieles mehr. Die Hauptsehenswürdigkeit der Stadt ist die Kathedrale "Our Lady of Nativity". Zu meinem Erstaunen finde ich in einem der Shopping Center sogar Heidelbeerkonfitüre! Wir profitieren von diesem Einkaufsbummel auch um Ware für unser SariSari einzukaufen. Ein 50 Kg Sack Reis kostet hier 1050 Pesos. Wir müssen auch Medikamente wie Paracetamol, Neozip, Amoxilin einkaufen. Diese verkaufen wir einen Peso teurer. Auf dem Markt benötigen wir Calamansi (kleine Limes), Kamates (Tomaten), Sibujas (Zwiebeln), Lasona (Knoblauch) und Luja (Ingwer). Nur keine verderbliche Ware. Auch kleine Packungen Shampoo, Zahnpasta, Seifen und Waschpulver sind hier einige Centavos billiger.
Obwohl es in der Umgebung von Borongan sehr schöne Strände gibt, hat die Stadt touristisch bisher keinen Nutzen davon gezogen. Es gibt nur zwei Hotels, ein Neues ist im Bau. Namen von Restaurants wie „Macchu Picchu“ oder „C’est la vie“, verraten, dass es hier auch Ausländer geben muss. Einem Filipino kämen solche Namen nie in den Sinn. Wie der Name unseres Trikes: Himalayan Express…
Zurück in Maydolong erreicht uns eine gute Kunde. Wir haben wieder Elektrizität! Also, sofort meine Digitalkamera und alle Händys aufladen! Wie hilflos wir doch ohne Elektrizität sind!


Camada River


Can-Abong River


Bild links: Fischtransport - Bild rechts: Lo-Om River


Borongan


Bild links: Municipal Building - Bild mitte: die Kathedrale "Our Lady of Nativity" - Bild rechts: das modernste Einkaufszentrum von Eastern Samar


Der Markt

Besuch im Reisfeld

Heute besuchen wir „unsere“ Verwandte im Reisfeld. Zu Viert ziehen wir zunächst mit einem Trike los. Nach einer halben Stunde geht es zu Fuss weiter. Die kleine Hütte ist inmitten der Reisfelder gelegen. Es ist hier Brauch, dass der Landbesitzer (Tante Eding) vor der Ernte dem Bauern zu Essen bringt. Wir haben einen grossen Thunfisch mitgebracht. Der Empfang ist herzlich. Elad und seine Frau, Madid, entschuldigen sich, dass sie so arm sind und uns nichts anbieten können. Das Haus ist eine einfache Nipahütte. Elektrizität gibt es nicht, gekocht wird auf dem Holzfeuer. Im gemeinsamen Wohn- und Schlafzimmer wird die kleinste im Hamac hin und her geschaukelt. Sie haben drei Buben und zwei Mädchen. Die Kinder, vor allem das Mädchen, sind sehr scheu. Vermutlich haben sie noch nicht viele Ausländer gesehen. Es wird ausgiebig geplaudert. Man hat sich schon einige Zeit nicht mehr gesehen. Madid erzählt, dass sie die Absicht hat, wie ihre Schwester, in Kuwait zu arbeiten. Sie lernt dazu täglich einige Worte arabisch! Zwei Jahre Kuwait, das ist eine lange Zeit meint Elad, aber es gäbe keine andere Lösung um aus ihrer Armut herauszukommen.

Inzwischen wird das Mittagessen zubereitet. Der Reis muss geschält werden. Da kann auch ich etwas aktiv mithelfen. Anschliessend muss dieser vom Spreu getrennt werden. Dies geschieht mit einer geschickten Bewegung, wie beim Omeletten drehen, werden die Reiskörner in die Luft aufgeworfen und der Wind bläst den Spreu weg. Dies überlasse ich lieber Tante Eding, sie hat damit mehr Erfahrung als ich, ansonsten mir die wertvollen Körner noch zu Boden fallen. Der Tisch aus Bambus ist mit frischen, saftgrünen Bananenblättern gedeckt. Die Teller haben wir mitgenommen, halbierte Kokosnüsse dienen als Schale für die Soyasauce. Nach dem Mittagessen streifen wir durch die Felder. Auffällig viele Reislinge sind leer, vom Ungeziefer zerfressen. Ohne Chemikalien gäbe es noch weniger Ertrag.

In der Regel wird der Ertrag zwischen Bauer und Landbesitzer zur Hälfte geteilt. Da bei der Saat letzten Dezember, weder unser Verwandter noch Tante Eding das Geld für das Saatgut auftreiben konnte, haben wir auch hier mit 1000 Pesos ausgeholfen. Wir sollten dafür einen Viertel des Reisertrages erhalten. Wir sind daher alle gespannt, wie viele Säcke die Ernte abgeben wird.


Vorbereitung des Mittagsessen


Bild links und mitte: Calamansi (kleine Limes) - Bild rechts: Pfeffer


Zuckerrohr

Renovation unseres Hauses (Phase 3)

Parade Day und Besuch in der Schule

Sonntagsausflug auf die Insel Divinubo

Nicht viel anders als bei uns

Durch die täglichen Einnahmen unseres Sari-Sari und Trikes, habe ich beinahe den Eindruck gewonnen, dass unsere Geschäfte gut laufen. Dies ist jedoch ein trügerischer Eindruck. Da die Einnahmen, wie so üblich hier, für die täglichen Ausgaben benützt werden, ohne sich gross Gedanken über Rückstellungen und Abschreibungen zu machen, kommt die Ernüchterung spätestens am Monatsende, wenn die verschiedenen Rechnungen bezahlt werden müssen.
Nach diesem dreiwöchigen Aufenthalt in der Provinz stehe ich den Filipinos, die von uns Ausländern meisten als faul und dumm bezeichnet werden, wesentlich weniger kritisch gegenüber. Solche Pauschalisierungen werden leider fälschlicherweise immer wieder gemacht, basieren jedoch in den meisten Fällen auf einzelne, individuelle Erfahrungen. „Fuli Sieche" und „Arschlöcher“ gibt es überall auf dieser Welt, auch in der Schweiz zur Genüge. „Wir sind mit unserem einfachen Leben glücklich“, erklärte mir ein Onkel meiner Freundin. Wer kann so was bei uns, in diesem furchtbaren, ja krankhaft gestressten Leben, noch sagen? Ein einfaches Leben führen, dafür aber auch weniger Arbeiten zu müssen, hat nichts mit Faulheit zu tun. Nur wir im Westen kommen immer zu solchen Schlussfolgerungen. .
Dass wir Ausländer gegenüber den Filipinos ganz anders denken, lässt sich nicht von der Hand weisen. Wir haben jedoch keinen Grund uns deswegen Gescheiter als die Filipinos zu fühlen und diese als minderwertiger zu betrachten. Wir hatten lediglich das unheimliche Glück eine bessere Ausbildung geniessen zu dürfen, bei welcher wir gelernt haben die Fähigkeiten unseres Gehirns besser auszunützen. Doch leider ist die politische Elite in einem Entwicklungsland wie die Philippinen nicht so sehr an einer besseren Bildung interessiert: Leute mit einer besserer Bildung könnten nicht mehr so leicht manipuliert werden.
Die Zukunft in den Philippinen sieht nicht gerade rosig aus. Da ist die Korruption, welche wie ein Krebsgeschwür bis in die unterste Verwaltung des Staates unaufhaltsam wuchert, da ist der Bevölkerungswachstum der ungestoppt zunimmt (in 40 Jahren wird sich die Bevölkerung von 76 Mio. auf 142 Mio! verdoppelt haben). Gemäss Nationalem Statistikbüro waren letztes Jahr 35% der Bevölkerung 14 Jahre alt und jünger. Diese Mäuler müssen ernährt werden. Doch bereits heute kann die Eigenversorgung nicht mehr gewährleistet werden. Innerhalb von wenigen Jahren mussten die Philippinen ihre Reisimporte um 16% des inländischen Verbrauchs steigern. Ob die vielen Kinder wirklich etwas mit Kinderliebe zu tun hat, darüber habe ich mich schon mehrmals gestritten. Könnte es nicht auch einfach eine sehr egoistische Denkweise sein? Machen sich die Eltern überhaupt Gedanken was aus ihren Kindern einmal werden soll? Oder geht es schlussendlich nur darum, dass man Kinder hat um von diesen im Alter versorgt zu werden? In der Provinz mag die Welt noch in Ordnung sein, aber in der Grossstadt, in den Slums von Manila, wo Kinder keinen Pfifferling Wert sind, von den eigenen Leuten als Arbeits- und Sexsklave benützt werden, ja sogar getötet werden um ihre Organe teuer zu verkaufen...
Tragisch ist, dass Bemühungen der Regierung diesen Bevölkerungswachstum zu bändigen, durch die einflussreiche Katholische Kirche gehemmt werden (siehe auch meine Berichte Mabuhay Nr. 19 "Die Verantwortung der katholischen Kirche" und Nr. 31 "Orbis, das fliegende Augenspital". Da prangert der Herr Papst bei seiner Karfreitagsmesse in Rom Elend und Hunger auf dieser Welt an, dabei ist er, als Oberhaupt dieser Kirche, einer, wenn nicht der Hauptverantwortliche für diese Situation. Das tragischste an allem aber ist, dass es auf dieser Welt anscheinend nur Feiglinge gibt, denn niemanden wagt diesen Heuchlern die Wahrheit zu sagen.
Dies sind einige Gedanken die uns Ausländer für die Zukunft dieses Landes zu denken geben. Doch Hand aufs Herz. Machen wir uns in der Schweiz auch so viele Gedanken darüber, dass es bald nur noch „ältere“ Leute geben wird?



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©1999-2008 Text und Foto Willy Blaser, info@willyblaser.ch