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Mabuhay Kambodscha /Vietnam (RB9 / 21.03.2001) Länderinfos: Kambodscha Länderinfos: Vietnam

Über's Ohr gehauen!

Da ich meine geplante Kambodscha- und Vietnamreise nicht wieder alleine unternehmen wollte, hatte ich letzten Herbst im Globetrotter-Reisemagazin ein Inserat für eine Reisebegleitung aufgegeben. Einige Interessentinnen hatten sich via E-mail gemeldet, und im Prinzip sollte ich Mitte Februar jemanden in Bangkok treffen. Als ich dann aber einen Monat vorher von dieser Person plötzlich nichts mehr hörte, musste ich mich entscheiden, alleine loszuziehen. Eigentlich schade, dass ich Thailand nach drei Wochen wieder verlassen wollte, wo ich doch nun mit dem Visum zwei Monate hätte bleiben können. Drei Monate nach meinem Visum-Trip stehe ich wieder an der Grenze zu Kambodscha, diesmal jedoch mit Rucksack. Das Visum gibt es noch immer für 20 $ in fünf Minuten. In der Zwischenzeit ist der grosse Triumphbogen, der den Grenzübertritt markiert, fertig gestellt. Schaut man dem ganzen Treiben an der Grenze eine Weile zu, scheint man sich ins Mittelalter zurückversetzt. Die Waren aus Thailand werden auf riesigen Karren mit Holzrädern von zwanzig Männern gezogen und gestossen und nach Kambodscha gebracht. Mit dem Übertritt nach Kambodscha gilt wiederum der Rechtsverkehr. Dass wir uns in Kambodscha befinden, verrät auch das von den Leuten getragene traditionelle karierte Tuch, das Krama. Nach Siem Raep wollen eigenartigerweise ausser zwei jungen Japanern und mir, niemand. Alle wollen nach Battambang. Für eine Fahrt hinten auf einem Isuzu Pick-up werden 12 $ und für einen Platz vorne neben dem Fahrer nochmals 12 $ verlangt. Dazu kommt noch ein angeblicher Brücken-Zoll, der auch noch einmal 12 $ kostet. Da ich von den katastrophalen Strassenverhältnissen nach Siem Raep weiss, ziehe ich es vor, vorne zu sitzen. Nach einer Stunde Wartezeit gesellt sich eine Gruppe von vier Japanern, zwei Schweden, einem Schweizer, einer Kanadierin und einer Thailänderin zu uns. Die beiden Japaner, die nur 12 $ bezahlt haben, sitzen nun plötzlich auch in der Fahrerkabine mir Air-Condition, zwei weitere Passagiere bezahlen sogar nur 6 $! Von einem Brücken-Zoll ist auch keine Rede mehr. Mit total 36 $ bin ich wohl etwas über's Ohr gehauen worden. Hätte ich mich vorher besser informiert, hätte ich wissen müssen, dass man für eine Fahrt von der Grenze nach Siem Raep zwischen 6 - 9 $ zu bezahlen hat.


Flagge von Kambodscha


Der neue Triumpfbogen

Geschichte einer Flucht

In Aranyaprathet befanden sich anfangs der 80er Jahre auch grosse Lager von kambodschanischen Flüchtlingen. Auch Frau Heng Chhit Sreng und ihre Familie, die ich später in Biel kennen lernte, lebten dort eine Zeit lang in einem Lager bevor sie von der Schweiz aufgenommen wurden. Nachdem wir gemeinsam mit Freunden den erschütternden Film "Killing Fields" gesehen hatten, erzählte sie mir ihre dramatische und nicht ungefährliche Flucht mit ihrem 2monatigen Sohn und ihren vier Töchtern Ende 1979 nach Thailand: "Zur Zeit, als die Vietnamesen anfangs Januar 1979 die Roten Khmers aus Phnom Penh vertrieben, wohnte ich mit meiner Familie in einem kleinen Dorf etwa 40-50 Km von der thailändischen Grenze entfernt. Als wir die Nachricht im Radio hörten, waren wir sehr glücklich, endlich wieder frei zu sein. Doch es kam in der Umgebung des Dorfes immer wieder zu heftigen Gefechten und Schiessereien, sodass wir an einen sicheren Ort flüchten mussten. Wie viele andere Leute hatte ich in Heng Samrin kein Vertrauen, da er früher selbst auch ein Roter Khmer war, bevor er nach Vietnam überlief. Ich hatte grosse Angst, dass man uns wieder nur falsche Hoffnungen machte. Nur zu gut konnte ich mich an all die Versprechungen erinnern, welche uns Sihanouk und Lon Nol verkündeten. So gab es nur eins, die momentane Reisefreiheit auszunützen und zu flüchten. Im November 1979 flüchteten wir dann, meine vier Töchter, Mom (19), Heng (10), Ny (8), Nat (7) und mein jüngster Sohn, Sophea (2 Monate) mit dem Allernotwendigsten mit einer kleinen Gruppe nach Thailand. Der Weg in dem von Minen übersäten Gelände war äusserst gefährlich. Viele Tote lagen bereits links und rechts des Weges. Man musste sehr vorsichtig hintereinander in den Fussstapfen des Vordermannes laufen. Ich war von der Niederkunft noch so sehr geschwächt, dass ich der Gruppe nicht folgen konnte. Wir wurden zurückgelassen und mussten die Nacht ganz alleine verbringen. Es regnete in dieser Nacht in Strömen, die Mücken plagten uns sehr. Die Kinder weinten, mein kleinster Sohn schrie, da ich keine Milch geben konnte. Zum Glück wurden wir am anderen Tag von einer nachfolgenden Gruppe eingeholt. Wir hatten nun auch kein Wasser und keine Nahrung mehr. In einem kleinen Dorf gelang es mir, im Tausch gegen einen goldenen Ring ein wenig dreckiges Wasser und altes Brot aufzutreiben. Einmal geriet unsere Gruppe auch in ein Gefecht zwischen den Roten Khmer und den Truppen Lon Nols. Dabei hätte ich fast meine Tochter Ny verloren, welche erschöpft einige hundert Meter hinter uns herlief. Ich liess meine Kinder in der Gruppe, rannte zurück und fand sie glücklicherweise heil. Am 3. Tag erreichten wir das Lager Khai Dan an der thailändischen Grenze. Ich war völlig erschöpft und brach zusammen. Am 23. Dezember 1979 holte uns dann das Internationale Rote Kreuz hinüber nach Thailand. Wir waren überglücklich, es geschafft zu haben. Da meine älteste Tochter das Glück hatte, bald darauf als Flüchtling von der Schweiz aufgenommen zu werden, stellten wir das Gesuch, ebenfalls in die Schweiz einreisen zu dürfen. Am 28. Mai 1982 trafen wir dann alle in der Schweiz ein" In der Zwischenzeit haben alle Kinder die Schulen in Biel besucht, stehen zum Teil in Ausbildung oder sind bereits verheiratet. Doch noch immer ist die Familie nicht vereint. Frau Chhit erhielt kürzlich Bericht vom IKRK, dass die Spuren ihres seit 30 Jahren vermissten ältesten Sohnes in die USA gehen und man derzeit versucht, seinen Aufenthaltsort ausfindig zu machen.


Frau Heng mit ihrem jüngsten Sohn

Auf der Nationalstrasse 6

In der Regenzeit braucht man von der thailändischen Grenze nach Siem Raep nicht selten mehr als 24 Stunden. Unser Isuzu schafft die 167 Kilometer in sechs Stunden. Sechs Stunden Slalom auf einer miserablen Strasse, die uns zu einer der berühmtesten und wichtigsten Sehenswürdigkeit nicht nur von Kambodscha, sondern vielleicht von ganz Asien führte, nach Angkor. Der Fahrer, den ich auf 19jährig schätze, jedoch schon 26 ist, stört scheinbar die Strassenverhältnisse keineswegs. Was soll's, wenn man die Strecke wie er fast täglich fährt. Singend zirkelt er den Isuzu um die unzähligen riesigen Schlaglöcher. In Sisophon, nach 50 Kilometern, halten wir kurz an, um die "Ladung" hinten zu kontrollieren. Die fünf Personen sehen schon recht durchgeschüttelt aus und sind vom Staub gezeichnet. Nun, es sind ja nur noch 117 Km zurückzulegen, das werden die wohl auch noch schaffen. Überall winken uns lächelnde Kinder zu. Unterwegs kommen uns auch allerlei Transporte entgegen, der lustigste ist derjenige einer alten Frau, die eine Sau rücklings auf dem Gepäckträger ihres Fahrrades festgebunden hat. Ab und zu wird die schnurgerade Strasse von heiklen Brückenpassagen unterbrochen. Allmählich nähert sich die Sonne in unserem Rücken der Erde. Von goldgelb verfärbt sie sich in eine dunkelrote Kugel. Plötzlich wird es dunkel. Als es plötzlich aufhört zu schütteln, weist unser Fahrer darauf hin, dass wir beim Flughafen von Siem Raep angekommen sind. Wie es so üblich ist, werden die Touristen zu einem Hotel eines Familienangehörigen oder eines Freundes gefahren. Unsere Fahrt endet im Friendly Guest House. Glücklich, den schwierigsten Teil meiner Reise hinter mich gebracht zu haben, stürme ich nicht lange herum und beziehe das vorgeschlagene Zimmer für 10 US $. Für die anderen, vor allem die Japaner, ist es zu teuer.


Meine Reise von Bangkok nach Danang und zurück


Strassenverkehr in Siem Raep


Auch der Taxi-Chauffeur muss mal...


Die Pains oder Baguettes

Das Wunder von Angkor

Im Vergleich zu Angkor erscheinen viele der Sehenswürdigkeiten, Baudenkmäler oder archäologischen Ausgrabungsstätten andernorts auf der Welt als Belanglosigkeiten. Nachdem in den vorangegangenen Jahrhunderten das Gebiet um das Mekong-Delta und die kambodschanische Zentralebene unter der Oberhoheit des Königreiches Java (im heutigen Indonesien) gestanden hatte, erklärte der am Hof der javanischen Sailendra-Dynastie geborene und aufgewachsene Khmer-Prinz Jayavarmann II die von den Khmer besiedelten Gebiete im Jahr 802 als unabhängig von Java und gründete damit das Angkor-Reich der Khmer. Angkor war vom 9. Jahrhundert bis 1431 Hauptstadt eines Reiches, das in seiner Blütezeit den grössten Teil Südost-Asiens umfasste, vom heutigen Burma bis ins heutige südliche Vietnam, von der südchinesischen Provinz Jünan bis tief in die Malaiische Halbinsel. Die Tempel von Angkor sind überwältigend, nicht verwunderlich, dass die Touristen in Massen hierher strömen. Es gibt in der Zwischenzeit Direktflüge aus Phnom Penh, Bangkok, Ho Chi Minh City und aus Singapore nach Siem Raep. Der Eintritt von 20 $ ist zwar recht teuer, aber der Besuch ist lohnenswert. Irrtümlicherweise wird häufig die gesamte Sehenswürdigkeit als Angkor Wat bezeichnet. Doch Angkor Wat ist eigentlich nur eine einzelne Tempelanlage innerhalb des Gesamtkomplexes von vielen anderen, wenn auch die beeindruckendste. Angkor wurde in einem Zeitraum von etwa 30 Jahren Mitte des 12. Jahrhunderts von König Suryavarman II gebaut. Angkor ist baulich in einem besserem Zustand als viele der anderen Tempel, dies wahrscheinlich weil er schon vor der siamesischen Eroberung im Jahr 1431 zum buddhistischen Tempel umfunktioniert und auch danach weitergeführt wurde.


Die Tempelanlage von Angkor Wat

Etwa einen Kilometer nördlich von Angkor Wat liegt Angkor Thom, die innere Königsstadt, die Ende des 12. Jahrhunderts unter der Herrschaft von König Jayavarman VII gebaut wurde, nachdem Angkor kurz zuvor von den moslemischen Chams erobert und gebranntschwarzt wurde. Die Anlage ist in Form eines Quadrates gebaut, in dessen Mitte sich die Anlage von Bayon, ein kolossaler zentraler Tempel, befindet. Angkor Thom ist von einem acht Meter hohen Wall eingegrenzt, welcher in Nord-Süd- und in Ost-West-Richtung verläuft. Jeweils genau in der Mitte jedes Walles befindet sich ein Eingangstor. Wunderschöne Fresken stellen den Kampf zwischen den Khmer und den Chams - an ihrer Kopfbedeckung zu erkennen, dar. Riesige in Stein gehauene Gesichter stellen Jayavarmann VII dar, welcher die Stadt überblickt und die Nation schützt. Der Niedergang des Angkor-Reiches dauert einige Jahrzehnte. Im Westen werden thailändische Königreiche zur dominierenden Macht, im Osten vietnamesische. Als kleiner Pufferstaat gerät Kambodscha mal in die Abhängigkeit von den Thais, mal in die Abhängigkeit von den Vietnamesen. Nachdem wieder einmal die Thais das Khmer-Reich erobert hatten, räumten die Khmer 1432 ihre Hauptstadt Angkor, welche in der Folge vom Dschungel überwuchert wird.


Die Tempelanlage von Angkor Tom

So wie der französische Naturforscher Henri Mouhot die Ruinen bei seiner Entdeckung 1860 vorfand, so präsentiert sich heute der "Dschungeltempel" Ta Phrom (siehe Foto Angkor/4). Der Tempel scheint seit über 100 Jahren einen Kampf mit der Natur zu führen. Wurzeln der riesigen Banyan-Bäume haben die Anlage befallen und halten sie im Würgegriff wie eine Anaconda ihre Beute. 1993 wurde Angkor von der UNESCO in die Liste der World Heritage aufgenommen. In den vergangenen fünf Jahren wurden mehr als 5 Mio $ jährlich für die Rettung und Restaurierungen gespendet, wobei Japan der grösste Donator war. Leider wurden die Tempel nach ihrer Entdeckung nicht vor Plünderung verschont. Auch zur Zeit der Herrschaft der Roten Khmer wurden sie stark beschädigt. Nach dem Bürgerkrieg waren Sammler aus der ganzen Welt "scharf" auf Ware von Angkor, und es entwickelte sich ein richtiger Handel. Die Kambodschaner, die dringend Geld brauchten, unterschätzten leider ihr nationales kulturelles Erbgut. Thailändische Händler, wissend um den Wert der Gegenstände, kauften diese dreckbillig und verkauften sie für ein Vermögen. Einige der schönsten Statuen konnten gerettet werden und sind heute im Nationalmuseum von Phnom Penh zu bewundern. Auf einer Fläche von ca. 230 Km2 sind etwa 50 Tempel zu besichtigen. Am besten mietet man sich für den Besuch der Anlage einen Motorradfahrer für 3 $ im Tag. Man kann auch Velos mieten, doch aufgepasst, man sollte die Hitze und die Distanzen nicht unterschätzen.


"Dschungeltempel" Ta Phrom

Das Kinderspital von Dr. Richner

Auf dem Weg nach Angkor fährt man am Kinderspital von Dr. Richner vorbei. Gleich daneben steht das kürzlich neu erstellte Hotel Sofitel. Als ich gegen 09.00 Uhr beim Südtor von Angkor Thom ankomme, bin ich enttäuscht. So viele Touristen, hauptsächlich Japaner. Erst jetzt kommt mir in den Sinn, warum mir alle Travellers am Vorabend geraten hatten, möglichst früh zu starten. Junge Postkartenverkäuferinnen stürzen sich fast agressiv auf die Neuankömmlinge und scheinen beleidigt, wenn man ihnen nichts abkauft. Als ich eine 14jährige gewohnheitshalber auf thailändisch anspreche, weist sie mich zurecht und belehrt mich, dass wir hier in Kambodscha und nicht in Thailand sind! Ich muss eine halbe Stunde warten, ehe sich die Masse verzieht und ich meine erste Foto "schiessen" kann. Viele dieser Touristen logieren in extravaganten Hotels und bezahlen für eine Übernachtung zwischen 100 und 350 $! Ein Paradox in einem so armen Land wie Kambodscha, eine Absurdität, wie es der Schweizer Arzt Dr. Beat "Beatocello" Richner, der die drei Kinderspitäler Kantha Bopha Hospitals führt, im "The Cambodia Daily" vom 26.2.2001 (siehe Foto Artikel) bezeichnet. Jährlich werden in den drei Spitälern 400'000 Konsultationen von kranken Kindern durchgeführt, 30'000 schwerkranke Kinder hospitalisiert, 3'600 chirurgische Eingriffe und 100'000 Impfungen durchgeführt. Tagtäglich werden in den Spitälern 60 Medizinstudenten sowie junge Ärzte in Pädiatrie, Kinderchirurgie und Anästhesie ausgebildet. Die Kosten betragen jährlich 9 Mio $, welche ausschliesslich durch Spenden finanziert werden. Dazu trägt Dr. Richner höchstpersönlich bei. Jeden Samstagabend organisiert er ein Konzert und spielt Cello von J.S. Bach. 50% des Budgets werden für Medikamente ausgegeben, 30% für die Löhne des 865 umfassenden kambodschanischen Personals, 20% für medizinisches Material, Sauerstoff, Strom, Wasser etc. Lediglich 5 % wird für administrative Angelegenheiten benützt. Wer mehr über die Aktivität von Dr. Richner erfahren will, suche seine Homepage www. beat-richner.ch auf.


Artikel im "The Cambodia Daily"

Das Naturwunder vom Tonle Sap

Für die Weiterreise nach Phnom Penh gibt es ausser dem Flug zwei Möglichkeiten: entweder man nimmt den Bus, der für die 315 Km in die Hauptstadt gegen 10 Stunden benötigt, oder dann die Fahrt mit dem Expressboot, welche nur sechs dauert. Scheinbar noch von der Fahrt von der thailändischen Grenze abgeschreckt, wählen die meisten der Travellers die 25 $ teure Bootsfahrt. Morgens um 06.00 Uhr werde ich von einem Pick-up abgeholt. Nachdem ich ja nach Siem Raep einen sehr teuren aber komfortablen Sitz hatte, bekomme ich nun gratis ein Muster, wie es hinten zu sitzen ist. Als Letzter Passagier werde ich einfach auf den überfüllten Pick-up obendrauf geladen. In der Regenzeit ist die Anlegestelle der Boote am Tonle Sap See etwa 12 Km von Siem Raep entfernt, in der Trockenzeit, wenn sich der See zurückbildet, geht es einige Kilometer länger. Die 3/4 Std. auf einer wiederum katastrophalen und staubigen Strasse dauert eine Ewigkeit. Noch fast unangenehmer als der Staub ist der Gestank der im Freien getrockneten Fische. Der Tonle Sap liegt ungefähr in der Mitte des Landes und misst 160 Kilometer in der Länge und 36 Kilometer in der Breite. Während der Trockenzeit hat der Tonle Sap eine Ausdehnung von 3'000 Quadratkilometern, bei einer Tiefe von nur einem Meter. Während der Regenzeit vergrössert sich die Fläche auf 10'000 Quadratkilometer. Der Tonle Sap bietet ein reichliches Angebot an Fischen. Über Jahrhunderte war es den Menschen am See möglich, zehn Tonnen Fisch auf einem Quadratkilometer zu fangen und damit die Bevölkerung zu versorgen. Die Hydrologie von See und Fluss ist ein auf der Welt einmaliges Wunder. In der Regenzeit, wenn der Mekong Hochwasser führt, kehrt die Strömung des Tonle Sap und füllt damit den See. Der See ist dann das grösste Frischwasserreservoir in ganz Südostasien. In dieser Zeit tritt er über die Ufer, dringt in die umliegenden Wälder ein und bedeckt die Reisfelder mit einem fruchtbaren Schlamm.


Auf dem Tonle Sap

Erfahrene Traveller wissen natürlich, dass man auf einem Boot nicht hinten sitzen sollte. Wie die meisten will auch ich die Fahrt auf dem Dach des Bootes geniessen. Nach einer halben Stunde Fahrt bin ich bereits klatschnass. Zum Glück dreht später der Wind. Die Fahrt war über weite Strecken ereignislos. Der See ist so gross, man wähnt sich richtiggehend auf dem Meer. Nach etwa drei Stunden Fahrt hält das Boot an und zwei Touristen steigen in ein kleineres Boot um. Wo die wohl hinwollen? Der See wird nun immer schmaler, und schon bald geht die Fahrt auf dem Fluss Richtung Phnom Penh weiter. Mitten im "Kakao" stehen die Motoren plötzlich still. Panne ? Kein Benzin mehr ? Das Boot treibt backbord auf die Böschung zu. Mit langen Bambusstangen wird es rückwärts wieder in die Mitte des Flusses gestossen. Alle schauen dem Manöver mit fragenden Blicken zu. "No problem" meint einer der Bootsjungen und effektiv, kurz darauf geht die Fahrt weiter. Scheinbar musste einer Sandbank ausgewichen werden.

Eine Passfoto und 65 $

Wie überall warten am Pier in Phnom Penh zahlreiche Schlepper auf die Touristen. Ich lasse mich in ein Hotel in der Nähe des Nationalmuseums führen. Anscheinend bin ich in einem anständigen Hotel abgestiegen (10 $), denn diesmal fragt mich kein Mensch, ob ich eine "Lady" haben möchte. Mein Aufenthalt ist von kurzer Dauer. Das Einzige, was ich benötige, ist das Visum für Vietnam sowie das Busticket für die 250 Km lange Fahrt nach Saigon. Beides ist gleich leicht zu bekommen. Minibusse fahren jeden Morgen um 07.00 für 10 $ nach Saigon. Für das Expressvisum muss ich nicht einmal ein Formular ausfüllen. Eine Passfoto und 65 $ genügen. Am nächsten Nachmittag kann ich meinen Pass auf dem Reisebüro bereits wieder abholen. So bleibt mir Zeit, die Stadt zu Fuss zu entdecken. Da ich schon zweimal hier war, kann ich mir etliche Sehenswürdigkeiten ersparen. Märkte sind jedoch immer interessant zu besuchen. Der Zentralmarkt (Psah Thmei) gilt mit seinem einmaligen architektonischen Bau als das Wahrzeichen der Stadt. Im Früchtemarkt entdecke ich auch eine neue Frucht, die Drachenfrucht.  Beliebt ist auch der russische Markt, in welchem allerlei alte Sachen zu finden sind. Beim Besichtigen der Stadt fällt auf, dass die Ministerien und alle öffentlichen Gebäude eigenartigerweise auch in französischer Sprache angeschrieben sind. Angenehm und gemütlich ist es in den zahlreichen Cafes und Restaurants an der Promenade entlang des Tonle Sap zu sitzen und dem Treiben zuzuschauen. Kinder spielen mitten in der Stadt splitternackt auf der Strasse. Obwohl der Riel die offizielle Landeswährung ist, sind die Preise ausschliesslich in US$ angegeben. Man kann aber auch ohne weiteres in thailändischen Baht bezahlen. Die Bangkok Post wird von Zeitungsjungen ausgetragen, als ob man in Thailand selber wäre.


Der Königspalast


Villa Napoleon II

Die enorme Hitze bewegt mich auch dazu, einen Strassencoiffeur aufzusuchen. Lästig sind wiederum die zahlreichen an jeder Strassenecke wartenden Motorradfahrer. Jeder will dich irgendwohin bringen und jeder weiss, wo es Bordelle hat. Dreizehn-, vierzehn-, fünfzehnjährige Mädchen werden Dir offen angeboten. Als ich erwidere, dies sei ja strafbar, meint er "kein Problem, das Bordell gehört einem Polizisten!" Da wird soviel über den Sextourismus in Thailand geschrieben und berichtet, was aber hier passiert, das ist dann echte Sexsklaverei. Abgesehen von einigen Boulevards gibt es in Phnom Penh abends keine Strassenbeleuchtung. Die Seitengassen sind stockdunkel, und man muss ständig acht geben, nicht über die zahlreichen Schlaglöcher zu stolpern. Die Ärmsten schlafen auf dem Trottoir und basteln sich Zelte aus Tüchern. Noch schnell zum Frühstück einen Cafe au lait, ein knuspriges Baguette mit Butter und Konfitüre beim Capitol Guest House und um Punkt 07.00 Uhr fahren wir los. Die Nationalstrasse Nr. 1 ist, wie nicht anders zu erwarten war, schlecht. Die sich im Bau befindliche Strasse wird nun zusehends schlechter. Es ist fast mehr eine Piste als eine Strasse. Die einzigen Strassenschilder, die ich bisher in Kambodscha erblickt hatte - "Reduce speed" - fordern den Fahrer auf, die Fahrt zu verlangsamen. Als ob man auf solchen Strassen überhaupt schneller als 30 Std/Km fahren kann! Der einzige Lichtblick dieser Fahrt sind die wunderschönen mit blühenden weissen und rosa Lotusblumen bedeckten Teiche. Nach zwei Stunden erreichen wir den Mekong-Fluss, der auf einer Fähre überquert werden muss. Die Busse stehen noch nicht still, schon rennt eine Schar von Verkäuferinnen mit gekühlten Softdrinks in Styroporboxen und mit Körben auf uns zu. Man kann kaum aus dem Bus aussteigen, dermassen herrscht ein Gedränge. Alle wollen etwas verkaufen. Nach etwa zwanzig Minuten Wartezeit ist die Fähre vom anderen Ufer angekommen. Ein Strom von Fahrzeugen, Motorrädern, Velos, Karren und Menschen zieht an uns vorbei. Auf ein Zeichen des Polizisten sind wir an der Reihe. Das Ganze dauerte knapp zehn Minuten, und schon setzen wir auf die andere Seite hinüber. Nach zwei weiteren Stunden gibt es Lunch in einem kleinen Strassenrestaurant. Als Auswahl gibt es 78 Menus, alle zum selben Preis von 1 $. Nach einer weiteren Stunde durch eine weite Landschaft von Buripalmen gelangen wir endlich an die vietnamesische Grenze.


Ich beim Coiffeur

Good afternoon Vietnam

Um 14.00 Uhr ist es soweit. Zu Fuss überquere ich die Grenze nach Vietnam. Die Grenzformalitäten halten sich im Rahmen. Dennoch braucht es ganze zwei Stunden, bis alle 49 Touristen abgefertigt sind. Wie schon beim Grenzübertritt nach Kambodscha bleibt die Zeit gleich wie in Thailand. Die Moneychangerinnen (Geldwechsler) stürzen sich auf die Neuankömmlinge. Für einen US Dollar werden 14'400 vietnamesische Dong angeboten (in Saigon gibt es 100 Dong mehr). Auf vietnamesischer Seite werden wir von neuen Bussen abgeholt. Man versichert uns, dass die Strassen in Vietnam sehr gut sind und es bis Saigon nur noch 2 1/2 Stunden dauert. In der Tat, schon nach wenigen Metern ändert sich das Bild total. Waren wir noch vor kurzem durch eine trostlose, fast menschenleere Gegend gefahren, ist auf vietnamesischer Seite Leben los. Auffallend ist der Wall von Fernsehantennen auf den Häusern. Auffallend auch, wie es gleich nach dem Grenzübertritt überall weite grüne Reis- und Maisfelder gibt. Es sei bei dieser Gelegenheit daran erinnert, dass Vietnam weltweit der zweitgrösste Reisexporteur ist. Unübersehbar auch die Frauen in ihren wunderschönen weissen traditionellen Kleidern, dem Ao Dai, sowie den konischen Hüten, den Non La.


Grenzübergang zwischen Kambodscha und Vietnam

Auf der Fahrt nach Saigon kommt uns eine Armada von Velo- und Mopedfahrer entgegen. Die Hupe unseres Busses funktioniert ununterbrochen. Auf der Strecke nach Saigon fallen auch die vielen Flaggen mit dem gelben Stern auf rotem Grund auf. Fast jedes dritte Haus ist mit der Nationalflagge Vietnams beschmückt. An den öffentlichen Gebäuden weht zusätzlich die Flagge mit Hammer und Sichel, ein unverkennbares Zeichen, dass wir uns in einem kommunistischen Land befinden. Ungewöhnlich auch die vielen Propagandatafeln an den Strassenkreuzungen. Es ist schon dunkel, als wir in der Nähe des World Hotel im Touristenviertel abgesetzt werden. Saigon oder Ho Chi Minh City (etwa 7 Mio Einwohner), wie sie heute genannt wird, ist eine faszinierende Stadt. Als Saigon 1859 von Frankreich erobert wurde, war sie später Hauptstadt der Kolonie Cochinchina. Westlich der Innenstadt, im Bezirk 5, liegt das riesige chinesische Viertel Cholon, mit etwa einer halben Million Chinesen die grösste chinesische Siedlung in Vietnam. Viele Gebäude Cholons sind in einer charakterischen Mischung aus chinesischem und französischem Stil erbaut worden. Im Bezirk 1 der Innenstadt sind ebenfalls zahlreiche Gebäude in französischer Kolonialarchitektur zu sehen, so das zwischen 1901 und 1908 erbaute Hotel de Ville, welches zum markantesten Wahrzeichen der Stadt zählt. Auch das Hauptpostamt (1866-1891) sowie die gleich nebenan stehende Cathedrale de Notre Dame (1877-1883) sind einen Besuch Wert.


Ho Chi Minh City (Saigon)


Cathedrale de Notre Dame


Bild links: Hôtel de Ville - Bild rechts: Hauptpostamt

Zur absolut faszinierendsten Sehenswürdigkeit Saigons gehört der Wiedervereinigungspalast, der Hoi Truong Thon Nhat Palast. Er ist das Gebäude - damals Unabhängigkeitspalast oder Präsidentenpalast genannt - zu dem am Morgen des 30. April 1975 die ersten kommunistischen Truppen fuhren. Nachdem die Panzer 390 und 843 der Panzerdivision 203 in einer dramatischen Szene, die von Fotoreportern festgehalten und in der ganzen Welt gezeigt wurde, das schmiedeeiserne Tor durchbrochen hatten, rannte der Kompaniekommandant des Panzers 843 in das Gelände, um auf dem Balkon des 4. Stockes die Fahne des Vietcongs zu entrollen. Um 11.30 Uhr endete an diesem Tag die Existenz der Republik Vietnam und auch ein 30jähriger grausamer Krieg. Der Palast ist aber auch wegen seiner beeindruckenden modernen Architektur und anderseits wegen des unheimlichen Gefühls, das den Besucher beim Durchschreiten der einzelnen der 95 Räume erfasst, in denen vor etwas mehr als 25 Jahren Männer eine so kolossale Macht ausübten. Am interessantesten ist wohl der Keller mit seinem Netzwerk aus Tunneln, der Telekommunikations- und Kommandozentrale. Das Gebäude ist fast im Originalzustand vom 30. April 1975 erhalten worden. In der Gartenanlage, etwas versteckt, steht der Panzer 843 sowie der Düsenjäger F5-E, mit welchem der Palast am 8. April 1975 von einem abtrünnigen Piloten der südvietnamesischen Luftwaffe bombardiert wurde.


Der Wiedervereinigungspalast

Von den zahlreichen Museen ist das Museum der Kriegsverbrechen das Museum in Saigon, das die meisten Besucher anzieht. Auf dem Museumsgelände ist verschiedenartiges US-Waffenmaterial ausgestellt, darunter auch ein F-5A Düsenjäger, ein UH-1H Transporthelikopter und eine A-1 Douglas Skyraider. Saigon gilt vor allem für viele asiatische Touristen als Einkaufsparadies. Die Chinesen sind Weltmeister im "Kopieren". Einer der beliebtesten Artikel sind CD's, welche für 1 $ verkauft werden. Meinen ersten Ausflug in die Innenstadt (immer wacker zu Fuss) muss ich nach 1 1/2 Std. abbrechen. Ein plötzlicher unheimlicher Druck im Magen-Darm-Trakt veranlasst mich, schnellstens ins Hotel zurückzukehren.


Das Kriegsmuseum: links ein F-5A, rechts ein 175 M/M Haubitz mit einer Reichweite bis zu 30 Km!


Die Guillotine


Links die CBU-55B Bombe: wenn sie explodiert zerstört sie den Sauerstoff im Umkreis von 500 Meter

Ein schrecklicher Irrtum

Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie ich und vermutlich auch die meisten von uns, 1972 die Weihnachtsbombardierungen von Nordvietnam im Fernsehen mitverfolgte und dabei dem Vorgehen der Amerikaner mit Genugtuung zustimmte. Wie sind wir doch damals und sind es wahrscheinlich heute noch in anderen Konflikten, von den Medien so einseitig und unsachlich über die wahren Gründe des Krieges orientiert worden. Dabei kämpfte Ho Chi Minh und später die Nordvietnamesen doch nur um die Unabhängigkeit ihres Landes und um das Recht, die vereinbarten Wahlen durchzuführen. Im Nachhinein sind politische Entscheide immer leicht zu kritisieren. Um das Handeln der US-Regierung besser zu verstehen, muss man sich aber auch in die damalige politische Lage der Amerikaner versetzen können, was jedoch nicht den schrecklichen Irrtum der Amerikaner entschuldigt.
Für dieses Unwissen und Unrecht gegenüber dem vietnamesischen Volk empfinde ich heute ein schlechtes Gewissen. Doch der Krieg ist vorbei, auch für die Vietnamesen.


Bild links: 30. April 1975 - Panzer 843 durchbricht das eiserne Tor zum Präsidentenpalast
Bild rechts: Das gleiche Tor heute

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