Mabuhay - Reiseberichte
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Mabuhay Pakistan / Indien (RB13 / 01.10.2001) Länderinfos: Pakistan Länderinfos: Indien

Das Königreich Hunza

Was die Besteigung des Mount Everest für einen Alpinisten bedeutet, ist für einen Trekker die Wanderung zum Konkordiaplatz am Fusse des K2. Der absolute Höhepunkt, ein Traum. Nur zu gerne hätte ich diesen Trek an mein Nanga-Parbat Erlebnis angehängt. Ich hatte gehofft, mich unterwegs einer Gruppe anschliessen zu können, leider ergab sich dies nicht. Die finanziellen Kosten für einen Einzelgänger sowie die viel zu kurze Aufenthaltsbewilligung machten das Vorhaben zum vornherein unmöglich. So werde ich gezwungenermassen noch einmal zurück kommen müssen, aber hoffentlich dann nicht mehr alleine. Statt diesem "Königstrekk" beschloss ich eine neuntägige Entdeckungsreise entlang dem Karakorum Highway zum Kunjerab-Pass an der chinesischen Grenze zu unternehmen. Um dabei möglichst viel zu sehen und um zum Fotografieren überall anhalten zu können, bleibt mir keine andere Wahl als mir diese Rundreise etwas Kosten zu lassen. Mein Guide organisiert daher einen Jeep mit Fahrer für 40 $ pro Tag. Die Bank in Gilgit scheint nicht gerade viel vom Schweizer Franken zu halten. Für einen US Dollar gibt es 64 Rupien, für einen Schweizer Franken nur gerade deren 32!. Schon am nächsten Tag nach unserer Rückkehr von der Märchenwiese geht es frühmorgens Richtung Karimabad los. Die Reception braucht mich nicht zu wecken, denn um 04.00 Uhr reissen mich die Gebete der naheliegenden Moschee aus dem Schlaf. Ausgangs Gilgit führt die Strasse über eine schöne Hängebrücke und verschwindet danach in einem schmalen, unbeleuchteten Tunnel. Bei Rahimabad stoppen wir bei einem Denkmal, welches zu Ehren einer Gruppe Strassenarbeiter erstellt wurde die beim Bau des KKH 1972 ums Leben kam. Sie wurde während der Mittagspause von einem Felssturz verschüttet. Wir kommen recht zügig voran. Die Strasse ist in einem guten Zustand. Es herrscht kein grosser Verkehr. Nach der Durchquerung einer der zahlreichen Schluchten, glizzert in der Ferne ein unheimlich schöner Gletscherberg. Mein Guide rät mir, nicht allzu viele Fotos zu schiessen, denn es werde noch viel bessere Gelegenheiten geben. Kurz vor Skandarabad kündet eine Strassentafel den Rakaposhi-View Point an. Tatsächlich! Ein schmales Seitental gibt den Blick auf den 7788 m hohen Rakaposhi frei. Die Terasse des Restaurants bietet einen atemberaubenden Blick auf die glänzende Eiswand, dessen Gipfel fast 6000 Meter über unseren Köpfen trohnt! Welch ein Anblick.


Rakaposhi View Point

Nach Überquerung des Hunza-Flusses verlassen wir das Nagar-Tal und kommen ins Hunza-Tal. Beide Täler waren früher Königreiche. Zwischen Nagar und Hunza gab es ständig Kriege, ehe der Sohn des Mir's (König) von Hunza die Tochter des Mir's von Nagar heiratete. Kurz vor Karimabad kommt ein weiterer Siebentausender ins Blickfeld. Es ist der Diran (7270 m). In Karimabad (2500 m ü.M.) kommt es erstmals zu einer grösseren Ansammlung von Touristen. Viele Japaner sind anzutreffen. Eine Gruppe der Malaysia Petronas Adventure ist an ihren T-Shirts zu erkennen. Im Bazar gibt es zahlreiche Souvenirläden für die Touristen. Schöne Sachen, wirklich. Gefallen haben mir vor allem die Teppiche. Karimabad ist aber auch bekannt für seine Aprikosen. Ja, die ganze Stadt liegt inmitten von Aprikosenhainen. Überall werden in den Läden getrocknete Aprikosen verkauft. Es soll zwei Sorten geben: solche mit und ohne Würmer. Die getrockneten Früchte halfen früher die Hungerzeit im Frühling zu überstehen, wenn die Vorräte an Gerste und Weizen aufgebraucht waren. Auch das Innere des Kerns wird als Nuss verzehrt, die giftigen Kernsorten zu Lampenöl zerstossen. Wir besuchen einen der zahlreichen Onkel meines Guides, der einen Laden mit Waren aus China führt. Die Hauptattraktion der Stadt ist das Baltit-Fort, der frühere Sitz der Mir's. Eine steile Gasse führt zum Eingang des 600 Jahre alten Forts. In einem kleinen Hof spielen Mädchen Volleyball. Die Buben schleppen schwere Eimer voll Wasser. Wegen seinen mit Lehm verputzten Balkenkonstruktionen, erinnert das Fort ein wenig an den Potala in Lhasa. Baltit wurde in den letzten Jahren wunderschön renoviert und strahlt den Charme eines Königsitzes aus. Vom Balkon des Mirs geniesst man einen schönen Rundblick auf die Hausdächer von Karimabad und das Hunza-Tal. Kein Grund jedoch um den Touristen für das Fotografieren eine Extragebühr von 150 Rupien zu verlangen. Ich bin gerne bereit den Eintritt von 300 Rupien zu bezahlen, solche Praktiken sollten wir Touristen uns einfach nicht gefallen lassen und boykottieren, was ich auch mache. Jahrhunderte lang waren die Hunzukutzen eine Gefahr für alle, welche mit Karawanen durch das Karakorum, Hindukusch und Laddakh zogen. Sie überfielen Händler, sie versklavten die Gefangenen. Ihre Raubzüge reichten bis nach Baltistan und Turkestan. Eine Kette von Trommeln verkündete den Bauern das Eindringen von Feinden in ihr Territorium. Was Kirgisen, Turkmenen, Sikkhs und andere immer vergeblich versuchten, gelang den Briten 1891. "The Great Game" nennen Historiker die Eroberung von Hunza, als um die Jahrhundertwende just hier die Interessensphären des Zaren und des britischen Empires aufeinander stiessen. Der Mir wurde zu einer umschwärmten Schlüsselfigur der Weltpolitik. Unter Colonel Durand stürmten sie im Pfeil- und Kugelhagen der Hunzukutz die Festung. Der Mir ist in der Zwischenzeit entmachtet. Das Ende des Mirtums führte Premier Ali Bhutto herbei, als er 1974 in Gilgit den Schutzbrief des Mohammend Ali Jinnah zerriss. Der "Vater" Pakistans hatte dem Mir damals Souveränität verbrieft. Dreissig Jahre nach der Staatsgründung endete damit die Unabhängigkeit eines tüchtigen und stolzen Bergvolkes. Nebst unverschleierten Frauen ist es in Hunza auch erlaubt Alkohol zu trinken. Die Hunzukutz haben ihre eigene Sprache, das Buruschäski. Die Mehrheit der Bevölkerung gehört der schiitischen Sekte der Ismailiten an, welche Anfang des 19. Jahrhunderts aus dem Wakham einwanderte. Die Ismailis erkennen den Aga Khan als Imam. Der heutige, vierte Aga Khan heisst Karim. Der reiche Imam steckt viel Geld in Ausbildung, Medizin und Landwirtschaft. In den entlegensten Gebieten Nord-Pakistans fallen die Schilder der Aga Khan Diamond Jubilee School und der Aga Khan Health Centers auf. Die Hunzukutz sind leicht an ihrer runden, wollenen Kappe zu erkennen. Sie beten auch nicht wie die übrigen Moslems viermal am Tag, sondern nur zweimal. In Hunza und Gojal gibt es keine Moscheen, sondern Community Centers.


Karimabad (2500 m)


Balti Fort


Lady Finger (6000 m) und Hunza Peak (6270 m)

Eagle Nest - Adlerhorst

Es gibt wohl keinen spektakuläreren Ort als Duikar, etwa 500 Meter oberhalb Karimabad, um zu übernachten. Eine steile, nur mit einem Vierradantriebfahrzeug zu schaffende Strasse führt hoch hinauf über das Tal. Wir begegnen zahlreichen Frauen welche grosse Hutten gefüllt mit Gras nach Hause schleppen. Überall fallen in den Gärten grosse, knallgelbe Kalebassen auf. Die Ankunft im Hotel "Eagle Nest" ist eindrücklich. Der Eingang führt durch eine schmale Gasse von Sonnenblumen und Cosmos. Das Hotel steht inmitten von Aprikosen-, Pfirsich-, Mandel-, Walnuss-, Kirsch und Apfelbäume. Wie bei uns im Herbst ist auch hier gerade Apfelsaison. Die Bäume sind schwer beladen mit goldgelben und rotleuchtenden Früchten. Wie schön es hier im Frühling sein muss, wenn alles blüht? Das Restaurant ist in einer Veranda untergebracht. Neben einem schönen Poster des K2 hängt ein Bild vom Schloss Chillon! Auch die Zimmer sind sehr hübsch eingerichtet und dies für nicht einmal 20.- pro Tag. Die Sicht von der Terrasse auf das Tal ist absolut grandios. Tief unten windet sich der Hunza-Fluss durch sein Canyon. Die reifenden Gerstenfelder leuchten wie ein goldenes Flickwerk, gesäumt von asiatischen Weisspappeln, die wie Speerspitzen in den Himmel stechen. Die Getreideterrassen reichen weit hinauf in die Bergwände, überragt vom majestätischen Rakaposhi, der übrigens am 25. Juni 1958 erstmals durch zwei Engländer bestiegen wurde. Ein anderer Berg fällt auf. Wie ein spitzer Kegel sticht der Lady Finger oder auch Bubulimating (6000 m) genannt, empor. Greifbar nahe ist gleich daneben die Kuppe des Hunza Peaks (6270 m) und der Gipfel des Ultar II (7388 m) der bis 1996 einer der höchsten noch unbestiegenen Gipfel war. Neben dem "Eagle Nest" befindet sich auf einem Hügel der View Point. Um ja nicht den Sonnenuntergang zu verpassen, renne ich den Hügel hoch und bin oben dermassen ausgepumpt, dass ich noch eine halbe Stunde später husten muss. Der Ausblick auf die gegenüberliegende Seite des Tales ist kaum noch zu übertreffen. Während anderthalb Stunden geniesse ich die tolle Aussicht. Einzig vier Vögel mit schönen weissen Flügelenden kreisen über dem Aussichtspunkt und unterbrechen die Ruhe. Die Abendsonne verzaubert die Landschaft in ein Kaleidoskop von wechselnden Farbstimmungen. Die Sonne nähert sich immer mehr dem Lady Finger, bis sie dahinter verschwindet. Die Pyramide des Golden Peak (7028 m) oder auch Spantik (je nachdem von welcher Seite man den Berg betrachtet) sowie die angrenzenden namenlosen Gipfeln verfärben sich immer mehr goldgelb. Deshalb wohl auch sein Name. Karimabad lieg schon im Schatten. Umso schöner der Anblick des Rakaposhi der über das dunkle Tal leuchtet. Der View Point ist vor allem bekannt für die Sonnenaufgänge. Ich stehe deshalb um 05.00 Uhr auf. Als ich eine Viertelstunde später oben ankomme, warten dort bereits etwa 20 Japaner. Sie sind um 03.00 Uhr in Karimabad aufgestanden. Alle warten auf den ersten Sonnenstrahl der den Gipfel des Rakaposhi beleuchten wird. Ein älterer Japaner erzählt mir von seiner Reise nach Zermatt. Als ich ihm sage, dass ich noch nie dort war, lacht er laut. Auch er wartet gespannt auf den Sonnenaufgang und hält seine kleine Kamera bereit. Als ich ihm ein Blick durch meine Kamera mit dem aufgeschraubten 210 mm Objektiv gestate, ist er hellbegeistert. Um 05.25 Uhr ist es soweit. Die Spitze des Rakaposhi wird vom ersten Sonnenstrahl getroffen. Der Gipfel verfärbt sich rosa. Immer mehr kommt das Gipfelmassiv in die Sonne und schon bald strahlt die 20 Km Breite Eisflanke über dem noch dunklen Tal.


Aussicht von der Terrasse auf Karimabad mit dem Rakaposhi


Bild links: Golden Peak (7028 m)

Sonnenaufgang auf dem Rakaposhi (7788 m)


05.25 Uhr


05.35 Uhr


05.55 Uhr

Seiltanz

Nach diesem einmaligen Sonnenaufgang fahren wir wieder zum KKH ins Tal hinunter. Der Highway führt durch beeindruckende in die Felsen gesprengte Passagen. Ein Schaudern geht jedesmal beim Passieren der riesigen überhängenden Felsbrocken durch mein Körper. Bald darauf wird das Tal breiter. Wir erreichen das Gebiet von Gojal oder auch Upper Hunza genannt, die Heimat meines Guides. Er kennt sich hier aus wie in seiner Hosentasche. Kurz vor dem Dorf Gulmit will er mir unbedingt eine Hängebrücke zeigen. Nach kurzem Abstieg zum Fluss, stehe ich vor einer etwa 100 Meter langen Brücke, dessen schmale Holzbretter zwischen 50 cm bis einen Meter auseinanderliegen, darunter der reissende Fluss. "Was, da hinüber soll ich?" Ein wenig Erfahrung mit Hängebrücken hatte ich ja schon von meinen Trekkings in Nepal, aber wenn man ja nicht unbedingt hinüber muss, weshalb einen solchen Seiltanz wagen? Um dem Guide eine Freude zu machen, wage ich es etwa zehn Meter hinaus. Da man sich an den Seitenkabeln gut halten kann, geh ich ganz vorsichtig noch etwas weiter. Mein Guide ist bereits auf der anderen Seite angelangt. Ich bin erst in der Mitte und kämpfe um jeden Schritt. Zurück geht's schon wesentlich schneller. Statt 8 Minuten brauche ich nur noch deren 5. Mein Guide benötigte für die Traversierung 4 Minuten, ein Einheimischer sogar nur 3 Minuten. Um ein paar Erinnerungsfotos zu schiessen überqueren wir die Brücke gleich noch einmal. Stolz, diese Prüfung bestanden zu haben, fahren wir weiter nach Gulmit. Unterwegs kommt ein markanter Felskegel zum Vorschein. Ich lasse mich belehren, dass es sich nicht um den Lady Finger, sondern um den Gulmit Tower handelt. Die Unterkunft im Hotel Marco Polo ist wunderschön. Im Garten blühen Tagetes, Cosmos und viele andere Blumen. Das Dorf wird vom 6106 m hohen Tapopdan Peak dominiert, welcher wegen seinen lustigen Felsformationen auch "Kathedrale" genannt wird. Neben dem Marco Polo gibt es ein interessantes Museum, das in einem typischen Hunza-Haus untergebracht ist. Mit viel Sorgfalt wurden Gegenstände aus der Geschichte und dem täglichen Leben gesammelt.


Bild links: Tapopdan (6106 m) - Bild rechts: Gulmit Tower

Picknick in China

Heute wollen wir in China Mittagessen! Wir starten daher frühzeitig. Das Wetter ist seit Tagen wunderschön. Der Streckenteil vor Passu gehört zu den attraktivsten des ganzen KKH. Viele Postkarten und Poster zeigen diese Passage mit den schneeweissen Wänden des Ultar Peaks im Hintergrund. In Passu selber sticht die weisse Spitze des Shispers (7611 m) über die Bergkette empor. Die Strasse führt nur wenige hundert Meter am Ghulkin-Gletscher vorbei. In New-Sost resp. Afiyatabad (3100 m) ist die Immigration. Wer weiter nach China will muss hier den Ausreisestempel einholen. Wer nur einen Ausflug an die Grenze machen will, lässt sich beim Checkpoint registrieren. Afiyatabat ist kein schöner Ort, eben ein Grenzort. Viele Lastwagen stehen in der Kolonne, um vom Zoll abgefertigt zu werden. Zahlreiche Schlepper warten auf den täglichen Touristenbus aus China. Wir halten nur kurz an, um einen Tee zu trinken, denn zum Kunjerab-Pass sind es etwa noch 2 ½ Stunden. Im Hotel Sky Bridge zeigt die BBC gerade das Wetter in Nordamerika. Kurz nach Afiyatabad passieren wir den Eingang des Kunjerab-Nationalparks. Ausländer müssen 4 $ Gebühr bezahlen. Nur etwa dreihundert Meter danach ist der KSF-Checkpoint (Kunjerab Security Force), die letzte Kontrolle vor der Grenze. Der Fluss schlängelt sich nun durch eine immer enger werdende Schlucht. Es scheint einem zuweil, als ob das Tal nicht mehr weiter gehen kann. Doch irgendwie findet die Strasse immer wieder einen Weg. Strassentafeln warnen vor Erdrutschen. "Slow" mahnt eine Tafel. Eine etwa 300 Meter lange Strassenpassage ist kürzlich verschüttet worden. Ein Bulldozer ist daran die Strasse von den Felsbrocken zu befreien. Es geht immer weiter hinauf. Schwer beladene Lastwagen kraxeln die Strasse hoch. Wir begegnen auch einer Gruppe von Mountainbike Fahrern. Bei ca. 4000 m u.M. steigt die Strasse steil an. Zum Glück kann ich jederzeit meinen Fahrer bitten anzuhalten, denn unerklärlicherweise muss ich alle 10 Minuten Wasser lösen. Nach 16 Kehren wird es flacher. Kurz unterhalb des Passes kreuzen wir ein rollendes Hotel aus Deutschland. Den Kontrollschilder zu entnehmen, aus Passau. Auf der Passhöhe ist es merklich kälter. Nun, wir sind ja auch auf über 4'700 m. Es zieht ein starker Wind. Der Grenzübertritt ist nur gerade von drei pakistanischen Soldaten bewacht. Keine Chinesen weit und breit. Die chinesische Immigration ist in Pirali, rund 32 km von hier entfernt. Eine Kilometertafel weist darauf hin, dass es bis Peking nur noch 6921 Km sind. Wir unterhalten uns mit den Soldaten. Zu meiner verblüffung blättert der eine in einem Schweizer Jahreskalender 2002, der andere zeigt mir deutsche Jasskarten. Wohl Spuren des rollenden Hotels. Nach den obligaten Fotos und einem verkürzten Picknick kehren wir um. Die Rückfahrt durch die im Schatten liegende Schlucht ist bitterkalt. Ich bin froh wieder in Afiyatabad einzutreffen.


Die Spitze des Shisper (7611 m)


KKH bei Passu (im Hintergrund links der Gulmit Tower, Bildmitte der Ultar (7388 m)


Grenzposten in Afiyatabad


Mit einem Bein in China, mit dem anderen in Pakistan


Von der Grenze nach Peking sind es nur noch 6'921 Km!

Chapursan-Valley

Statt dem Kunjerab-Fluss Richtung chinesische Grenze zu folgen, folgen wir nun dem Chapursan-Fluss Richtung Westen. Das Tal welches zum berühmten Wakhan-Corridor entlang der afghanischen Grenze führt, war bis 1979 für Ausländer gesperrt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde es 1999 zur "open zone" deklariert. Da die meisten Reiseführer dies noch nicht erwähnen, kommen nur sehr wenige ausländische Touristen nach Chapursan. Der heilige Schrein von Baba Ghundi in Ziarat ist der wichtigste Ort des Tales. Jeweils in den Monaten September und Oktober pilgern Massen von Wakhi's dorthin, vor allem kinderlose Ehepaare um ihren Kinderwunsch segnen zu lassen. Die schmale Naturstrasse führt in spektakulärer Manier durch das Tal hinauf. Obwohl ich inzwischen volles Vertrauen in mein Fahrer geniesse, stockt mir den Atem einige Male als wir nur haarscharf am Abgrund vorbeifahren. Wir erreichen das Dorf Raminij (3150 m). Die goldgelben Weizenfelder kontrastieren wunderschön mit den dunkelgrünen Kartoffeläcker.


Bild rechts: das Dorf von Ispenij

Auf dem Dorfplatz in Reshit benützen die Bauern eine kleine Dröschmaschine. Auch hier oben dringt die Modernisierung vor. Bei einem weiteren Onkel meines Guides wird jedoch noch auf die alte, ursprüngliche Weise gedrescht. Fünf Esel trampeln unaufhaltsam im Kreise auf den Weizen herum. Bei Yishkuk (3450 m) führt die Strasse ganz nahe an einem Gletscher vorbei. Der Pamir Sar (7016 m) links und der Kampir Dior (7143 m) rechts, erheben sich am Horizont. Nach fünf Stunden erreichen wir Ziarat (3660 m). Die ersten Bewohner des Tales waren Wakhis. Sie lebten früher im Iran. Ihr König, Okoathasprest, war ein strenger Herrscher. Er zwang die Wakhis seine Religion anzunehmen. Diese, moslemische Schiiten, weigerten sich und flüchteten nach Afghanistan um sich schliesslich im Chapursan-Tal niederzulassen. Regelmässig kamen Prediger aus Wakhan (Afghanistan) ins Tal. So auch Asrath Baba Ghundi, der bei einem seiner Besuche verstarb. Seither wird er als Heiliger verehrt. Der Schrein ist mit zahlreichen farbigen Wimpeln geschmückt. Das Innere des Schreins darf nur in Begleitung des Aufsehers, dem Shik, besucht werden. Männer und Frauen müssen den Schrein getrennt besuchen. Im Innenraum sieht es aus, als ob ein Bett darin stehen würde. Man umrundet das "Bett" dreimal im Gegenuhrzeigersinn. Die Pilger bringen Kleidungsstücke oder spenden Geld. Umweit des Schreins befindet sich die heilige Quelle, Ab-e-shafer, deren Wasser alle Leiden heilt. Der Weg zu ihr ist links und rechts von Steinbockhörnern flankiert. Kleine Holzlatten versperren den Eingang. Mit einem Becher schöpft man das Wasser zum Trinken heraus. Viele Pilger füllen auch Flaschen ab. Wir begegnen einem Hirten aus Afghanistan. Er war soeben als Guide mit einem japanischen Filmteam in der Gegend unterwegs. Mit dem Verdienst hat er sich zwei Yaks gekauft. Er ist auf dem Heimweg. Ich frage ihn, wie lange er braucht um nach Hause zu gehen und ob er einen Pass brauche um die Grenze zu überschreiten. Er antwortet, dass er fünf Tage unterwegs sein wird. Als armer Bauer brauche er keinen Pass und er meint, dass hier oben die Grossstädte und Regierungen mit ihren Vorschriften weit weg seien. Mein Guide will mir angeben, dass die Leute hier für eine Strecke von 10 Kilometern inkl. Last nur 25 Minuten benötigen. Wenn das so wäre, rate ich ihm, diese Leute sofort für die nächsten olympischen Spiele anzumelden. Auf dem Rückweg ist vor Yishkuk ein Toyota-Minibus mit Pilgern aus Rhahimabad im Bachbett stecken geblieben. Sehr rasch entwickelt sich mit den wartenden Leuten ein lustiges Gespräch. Die Jungs welche ein wenig Englisch sprechen, freuen sich über die Unterhaltung. Als ich ihnen in meinem Reiseführer das Foto des Schreins von Ziarat zeige, macht das Buch die ganze Runde. Die Frauen berühren und küssen das Bild. Alle wollen mir die Hände schütteln. Auch eine junge Frau, die recht gut Englisch spricht, ist näher gekommen. In der Zwischenzeit versuchen die Männer den Bus aus seiner misslichen Lage zu befreien. Man versucht des Bus mit dem Jeep herauszuziehen, doch das Seil reisst. Der Bus wird nun mit gemeinsamer Kraft aus dem Bachbett gestossen. Sieben Leute stehen im eiskalten Gletscherwasser und schieben. Eins, zwei, drei. Noch einmal. Eins, zwei, drei, beim 4. Mal gelingt es den Bus zu befreien. Der obere Teil des Tales wurde früher einmal von einer Naturkatastrophe heimgesucht. Riesige Felsbrocken verwandelten das Gebiet zwischen Yishkuk und Kampir Dior in eine Steinwüste.


Ein Cousin meines Guides im Dorf Reshit


Ein anderer Cousin... (Bild links)


Fahrt nach Ziarat


Ziarat: der Schrein von Baba Ghundi


Die heilige Quelle von Ab-e-shafer

Die Sagen des Drachens und der alten Frau

Zwei wunderschöne Sagen erklären wie es zu dieser Katastrophe kam. Seit Generationen werden diese immer wieder weitergegeben. Da auch mein Guide sehr daran interessiert ist diese zu erfahren, erhalten wir die einmalige Gelegenheit, uns diese durch Muki Asmathullah in der Wakhi-Sprache erzählen zu lassen. Wir sind in seinem Haus eingeladen. Er begrüsst uns und erklärt, dass es auch für ihn eine grosse Ehre sei, mir, von so weit hergereist, die Sagen des Chapursan Tales erzählen zu dürfen. In der Zwischenzeit haben sich etliche Kinder zu uns gesellt und hören gespannt den Erzählungen zu.


Mr. Muki Asmathullah erzählt uns die beiden Sagen

Der Drachentöter von Yishkuk

Als die Wakhis im Iran von einem strengen Herrscher zum Islam gezwungen wurden, flohen sie nach Afghanistan und wanderten später nach Yishkuk im Chapursantal weiter. Dort gelangten sie bald zu Wohlstand, wurden dabei aber sehr egoistisch und undankbar. Eines Tages erschien ein Drache und forderte von ihnen regelmässig Geschenke, ansonsten werde er das Dorf zerstören. Aus lauter angst opferten sie fortan dem Drachen jede Woche einen Butterballen, einen Ochsen und ein Menschenleben. Dadurch wurde die Dorfbevölkerung stark dezimiert. Als eines Tages ein noch jüngerer Mann an der Reihe war, weigerte sich sein Frau, ihn gehen zu lassen. *Du bist noch jung und kannst noch viele Kinder zeugen. Lass mich an deiner Stelle gehen“ sagte sie. Noch während sie sich darüber stritten, meldete sich die Tochter: „Vater, Mutter! Ihr könnt noch weitere Kinder haben, lasst mich gehen!“ Nach langem zögern waren die Eltern einverstanden und liessen ihre Tochter schweren Herzens mit der Butter und dem Ochsen an Seeufer ziehen. Während sie dort auf den Drachen wartete, erschien ein Mann und erkundigte sich nach ihrem Tun. Das Mädchen erklärte dem Mann alles, Als dieser ihr vorschlug, bei ihr zu bleiben, schickte sie ihn weg, aus Angst, dass auch er vom Drachen aufgefressen würde. Aber der Mann liess sich nicht wegschicken. Er legte den Kopf in den Schoss des Mädchens und schlief ein. Gegen vier Uhr nachmittags erhob der Drachen seinen Kopf aus dem Wasser. Das Mädchen begann zu weinen und weckte mit seinen Tränen den Fremden auf. Auf die Frage, was los sei, antwortete es: „Der Drache ist gekommen und wird mich fressen, Bitte geh weg!“. Als der Drache seine Geschenke packen wollte, zog der Mann sein Schwert aus der Scheide. „Wenn du meinen Kopf abschlägst, wird ein neuer erscheinen“, warnte ihn der Drache. Aber der Mann schlug zu, der erste Kopf fiel, dann der zweite, der dritte. Nach dem siebten Kopf fiel der Drache tot um. „Nimm die Scheide meines Schwertes und geh mit der Butter und dem Ochsen nach Hause. Sollte jemanden behaupten, er habe den Drachen getötet, dann lass ihn zum Beweis sein Schwert in diese Scheide stecken“.
Als das Mädchen im Dorf auftauchte, waren die Bewohner empört. „Warum bist Du vor dem Drachen weggerannt? Dieser wird sich an uns rächen und als Strafe das Dorf vernichten!“ Das Mädchen erwiderte: „Ein Mann hat den Drachen getötet. Hier ist die Scheide seines Schwertes“. Voller Zweifel liessen sie diese Aussage überprüfen. Und wirklich: Der Drache lag tot im blutüberfüllten See. Am Abend gab es ein grosses Fest mit Gesang und Tanz. Als jeder der Drachentöter sein wollte, gab es plötzlich Streit. Da erinnerte sich das Mädchen an den Hinweis des Fremden und forderte die prahlenden Männer auf, als Beweis ihr Schwert in die mitgebrachte Scheide zu stecken. Aber kein Schwert passte. Plötzlich erblickte das Mädchen den Fremden vom See. „Dies ist der Drachentöter!“, rief es. Und siehe da, sein Schwert passte in die Scheide. Alle schämten sich. Der Mann sprach zu ihnen: „Der Drache war die gerechte Strafe für euer Handeln. Dieses Mädchen hat die Götter besänftigt, und in ihrem Namen habe ich den Drachen getötet. Wenn ihr Hilfe braucht könnt ihr mich rufen“. „Wie heisst du?“ fragten sie. „Ruf einfach Nara Haidri!“ antwortete er und verschwand.
Das Dorf blühte wieder auf, die Bevölkerung wuchs, und schon bald waren die guten Vorsätze vergessen. Als sich eines Nachts einige Männer beim Spiel amüsierten, sagte einer: „Oh! Warum rufen wir nicht zum Spass jenen Mann, der unseren Grossvätern geholfen hat?“ Gesagt getan! Kaum war der Ruf „Nara Haidri“ verhallt, erschien der Fremde und fragte nach ihrer Bitte. „Soldaten vom Dorf Punjershah sind unterwegs, um unser Dorf anzugreifen“, schwindelten die Überraschten. Aber da weit und breit keine Soldaten zu sehen waren, drohte er den Dorfbewohnern Strafe an.
Zufälligerweise war Gulbust aus Hoh in Afghanistan in Yishkuk zu Besuch. Dieser wurde vom Fremden aufgefordert, mit seinen Kühen und Ziegen wegzugehen. Gulbust verliess das Dorf und ging nach Zandkund. Als er am anderen Tag zurückkam, war das ganze Dorf mitsamt seinen 600 Häusern zerstört.


Der ausgetrocknete Drachensee

Die Geschichte der alten Frau

Die wohlhabenden Bewohner des Dorfes Spinsh führten ein sorgloses Leben. Eines Tages erschien im Dorf ein armer hungriger Mann. Er ging von Haus zu Haus und bettelte um Essen. Überall wurde er beschimpft, einige warfen ihm sogar Steine und Asche nach, einige spuckten ihn sogar an, aber niemanden gab ihm etwas zu essen. Beim vorletzten Haus wurde eine Hochzeit vorbereitet. Auf sein Betteln hin wies ihn der Hausbesitzer an: „Morgen ist Hochzeit. Da kannst du kommen.“ Der Mann liess aber nicht locker. Da wurde der Hausbesitzer wütend, ging in einen Laden und kaufte eine halbe Ziegenpfote, steckte sie dem Mann zu und sagte: „Iss und verschwinde.“ Am Dorfende wohnte die alte Binda. Als er bei ihr um Essen bettelte, reichte sie ihm in einem zerbrochenen Topf Milch und sagte: „Trink. Dies ist alles was ich besitze“. Als der Mann den Topf berührte, war er plötzlich geflickt und mit Milch gefüllt. „Ich bin satt. Bewahre alle deine Sachen im Haus auf. Übermorgen früh sollst du auf den Hügel gehen!“, und damit war er verschwunden. Am folgenden Tag waren alle im Dorf mit dem Hochzeitsfest beschäftigt. Die ganze Nacht hindurch wurde gefeiert, gesungen und getanzt, und die Leute gingen spät zu Bett. Als noch alle schliefen, begab sich die alte Frau auf den Hügel. Plötzlich erblickte sie jenen Fremden, der zwei Tage zuvor um Essen gebettelt hatte. Er kam durch das Tal und hinter ihm eine Wasserflut. Der Man schritt durch das Dorf, und die Flut deckte alles zu. Erst bei ihrem Haus stoppte sie. Land, Haus und ihr sämtliches Eigentum blieben unversehrt, das ganze übrige Gebiert wurde vernichtet.


Das Haus der alten Frau

Kamera futsch

Wir übernachten in Zood Khun (3300 m) bei einem Verwandten des Guides. Die Leute hoffen durch den Tourismus zu einer zusätzlichen Einnahmequelle zu kommen. Das Guesthouse ist sehr einfach eingerichtet. Der Boden ist mit Teppichen und einer unmenge Kissen ausgestattet. Normalerweise gibt es in Zood Khun Strom, die Hydroelectric Station wurde jedoch vor einem Monat durch Hochwasser beschädigt. Die Reparaturen sind noch im Gange. Die wunderschöne Abendstimmung veranlasst mich einige Fotos zu machen. Ich schlüpfe in meine Turnschuhe, doch kaum um die Hausecke herum, verknackse ich mir das linke Fussgelenk. Die Kamera fliegt in hohem Bogen auf die Steine. Mir hat es nichts gemacht, doch das Objektiv ist futsch. Ich wage mein Missgeschick kaum zu erzählen, denn dies könnte nach dem Besuch des Baba Ghundi Schreins als schlechtes Omen aufgefasst werden. Wiederum muss ich einen alten Mann verarzten, der am ganzen Körper Gliederschmerzen hat. Ich gebe ihm ein Panadol 500 mg. Hoffentlich ist das richtig! Nachdem wir dem ausgetrockneten Drachen-See und dem Haus der alten Dame einen kurzen Besuch abstatten verlassen wir das Chapursan-Valley. Gegen Mittag sind wir wieder in Afiyatabad.


Bei dieser Aufnahme "flog" ich auf die Nase!

Pakistan - Land der 1000 Gletscher

Im Verlaufe des Nachmittags erreichen wir das Hotel "Shisper View" zum Übernachten. Ich mache Bekanntschaft mit einem weiteren Onkel meines Guides. Ein Spanier, der mit dem Velo unterwegs ist, schaltet hier gerade einen Ruhetag ein. Auch ein Engländer der gerade aus Peking kommt, übernachtet hier. Für den vorletzten Tag meiner Rundreise hat sich mein Guide wieder etwas spezielles ausgedacht. Ich bin bei ihm zu Hause in Ghulkin eingeladen. Am nächsten Morgen fahren wir von Passu zum Borit Lake. Beim See ist ein Teehaus, das, wie könnte es anders sein, von einem weiteren Onkel geführt wird. Von dort will er mich in sein Heimatdorf auf der anderen Seite des Ghulkingletschers führen. Der Weg über den etwa 1 Km breiten Gletscher ist wie zum Nanga Parbat BC nicht allzu schwer. Zwei riesige Felsbrocken auf beiden Seiten der Gletschermoräne weisen die Richtung. Dennoch ist es ratsam, einen lokalen Führer bei sich zu haben, denn wie jeder Gletscher auf dieser Welt, bewegt sich dieser täglich, einige ja stündlich. Der Blick auf die sich eröffnende Bergwelt entzückt mich. Die Gegend des Nanga Parbat war schön, aber die Sicht auf den schwarzen Gletscher mit der überragenden Spitze des Shispers und dem Massiv des Ultar Peaks ist nicht minder fantastisch. Eines ist klar: früher oder später muss ich noch einmal hierher kommen, denn das Gebiet ist grandios. Es gibt hier fantastische Trekkings zu unternehmen, in einem Gebiet in dem sich 10 Siebentausender und unzählige Gletscher befinden, darunter auch der 56 km lange Batura-Gletscher. Wenn sich mir doch nur jemand anschliessen würde! Warum wollen alle immer nur nach Nepal? Nach zwei Stunden sind wir in Ghulkin angekommen. Ich kann meine verschwitzten Kleider wechseln und ziehe für den Besuch lange Hosen an. Ich werde vom Vater und vom älteren Bruder meines Guides herzlich begrüsst. Sofort beginne ich mit dem Vater zu fachsimpeln. Ich will von ihm wissen, wie lange er von der Raikhot-Brücke zum Beyal Camp brauchte (damals gab es noch keine Strasse). Er erzählt mir, dass er vier Stunden hinauf und zwei Stunden hinab benötigte. Wie ich, entgegne ich ihm, aber mit Jeep! Er diente damals während zwei Monaten als Postläufer und legte die Strecke alle drei Tage zurück. Nach dem Mittagessen gibt es zum Dessert gedörrte Aprikosen, Aprikosenkerne und als Delikatesse frische Pfirsiche und Birnen. Zum Übernachten bin ich wieder im "Marco Polo" in Gulmit zurück. Amüsiert schaue ich einer alten Frau zu, wie sie von einer an der Leine geführten Kuh fast umgerissen wird, als diese die Tagetes im Garten fressen will. Die Frau ist äusserst lustig bekleidet, fast wie ein Clown. Über ihren türkis-blauen Hosen trägt sie einen langen roten Pullover mit karriertem Muster und zwei grossen schwarzen Punkten, darüber ein Jupe. Ihr von zahlreichen Falten geprägtes Gesicht ist von zwei langen Zöpfen flankiert. Über dem buntbestickten "Chäppi" trägt sie einen orangen Schal.


Borit


Überquerung des Ghulkin-Gletschers. Im Hintergrund der Shisper (7611 m)

Geburtstagsgeschenk

Meine Rundreise ist beendet. Auf der Rückfahrt nach Gilgit halten wir noch einmal beim Rakaposhi View-Point an und geniessen ein letztes Mal den fantastischen Ausblick. Zurück in Gilgt ist es mit der Ruhe und dem angenehmen Klima vorbei. Mein Guide organisiert sofort die Reservation für den 1. Flug nach Islamabad. Um 04.30 Uhr ist Tagwache. Um 06.00 Uhr sind wir bereits am Flughafen. Der Himmel ist bedeckt. So kommt was kommen muss. Alle drei Flüge werden annulliert. Um 09.00 Uhr sind wir wieder im Hotel zurück. Das Ticket muss für den nächsten Tag erneut bestätigt werden. Zum Glück erledigt dies alles mein Guide. Unerklärlicherweise habe ich plötzlich Magen-und Darmprobleme. Habe ich zuviele gedörrte Aprikosen gegessen? Nachdem ein Carbolevure keine Besserung bringt, hilft die Einnahme eines Immodiums. Am nächsten Morgen stehen wir erst um 05.00 Uhr auf. Das Wetter ist besser, einzig im Gebiet des Nanga Parbats hängen noch schwarze Wolken. Während wir in der Hotel-Lobby warten, versucht mein Guide sich telefonisch beim Flughafen zu informieren. Der 1. Flug ist schon einmal verschoben. Er wird ein 2. Mal verschoben und kurz danach annulliert. Unsere Ticket gelten automatisch für den 2. Flug. Um 09.00 Uhr wird auch dieser annulliert. Ob das wohl heute noch klappen wird? Kurz vor 10.00 Uhr gibt der Flughafen grünes Licht. Also doch. Wir begeben uns zum Flughafen und checken ein. In der Abflughalle können wir es fast nicht fassen, es doch noch geschafft zu haben und somit die 16stündige Busfahrt vermeiden zu können. Doch die Freude währt kurz. Um 11.05 Uhr wird auch dieser Flug abgesagt. Sollten wir noch einen weiteren Tag warten? Und wenn sich das Wetter nicht bessert? Wir beschliessen kurzfristig mit dem Bus nach Islamabad zu fahren. Zum Glück sind zu dieser vorgerückten Tageszeit noch zwei Plätze frei. Mit einer Minute Verspätung, um 15.31 Uhr, verlässt der Bus, Gilgit. In der Gegend des Nanga Parbats ziehen dunkle Wolken auf. Bei der Raikhot-Brücke beginnt es sogar zu regnen. Um 17.00 Uhr hält der Bus zum Gebet an. Die Nacht fällt herein. Auf der Südseite des Nanga Parbat ist der Himmel klar. Der Vollmond beleuchtet die Landschaft. Wir passieren Chilas. Der Fahrer macht einige riskante Überholmanöver, etwa gar nicht zur Freude der Passagiere. Lautstark reklamieren sie und mahnen den Fahrer zur Vernunft. In Dasu gibt es Verpflegung. Die Reise durch die ganze Nacht hindurch führt in tiefe, furchterregende Schluchten. Ich kann kaum ein Auge zudrücken. Und dies an meinem Geburtstag. Da hat man wirklich nur einen einzigen Wunsch: heil anzukommen. Kurz vor 04.00 Uhr hoffe ich sehr, dass der Bus bald zum Morgengebet anhält, denn ich muss dringend auf die Toilette. Nach 16 Stunden erreichen wir Rawalpindi. Meine so schöne Vorstellung vom sauberen und ruhigen Pakistan wird brutal zerstört. Dreck und Chaos beherrschen das Strassenbild.

Nach Indien

Ich bin überglücklich, meinen 3-wöchigen Pakistanaufenthalt so gut überstanden zu haben. Es war eine absolut fantastische Rundreise in ein Gebiet, über das ich eigentlich nur sehr wenig wusste. Es gab praktisch jeden Tag einen neuen Höhepunkt. Mein wichtigstes Ziel, den Nanga Parbat, habe ich erreicht, ich verlasse jedoch Pakistan mit etwas viel wichtigerem: ich habe in Hunza und Gojal ein absolut fantastisches Gebiet mit liebenswürdigen und gastfreundlichen Leuten kennen gelernt. Ein spezieller Dank gilt meinem Guide, Saeed Akbar. Natürlich hat er auch davon profitiert, so seine Verwandten besuchen zu können, viel mehr davon profitiert habe ich jedoch selbst. Doch nun wird es Zeit für mich so schnell wie möglich nach New-Dehli zu fahren, um meine Dias entwickeln zu lassen und meine Reiseberichte zu verfassen. Um 04.00 Uhr steh ich schon wieder auf, denn ich möchte unbedingt an diesem Donnerstag in New-Delhi ankommen um am Freitag meine Post auf der Botschaft abholen zu können. Um 06.00 Uhr bin ich in Rawalpindi. Auf die Minute genau verlässt der Bus der Skyways Transport den Busterminal nach Lahore. Die 370 Km lange Fahrt kostet 150 Rupien. Auf dem Motorway M2, eine Superautobahn, mit sauberen, modernen Raststätten, erreiche ich mein Ziel nach knapp vier Stunden. Lahore, welche Erinnerungen werden da wach, als wir 1971 mit den 2 CV's auf der Fahrt nach Indien unterwegs waren! Auszug aus dem damaligen Tagebuch: 2. 12. 1971: Bei der Einfahrt von Lahore ist eine gewisse Unruhe festzustellen. Auf den Strassen fallen die vielen Militärcamions auf, man sieht auch einige Panzer. Bei den Strassenkreuzungen sind Maschinengewehre aufgestellt. Unübersehbar die riesigen Propagandaplakate mit der Aufforderung "crash India". Der normale Grenzübergang nach Amritsar ist bereits geschlossen. Die einzige noch offene Grenze ist in Hussainiwala. Abends herrscht eine unheimliche Ruhe in der Stadt, alles ist verdunkelt". Da die Grenze um 14.00 Uhr schliesst und ich keine Zeit verlieren möchte, nehme ich mir zum 30 Km entfernten Grenzposten in Wahga ein Taxi. In einem unbeschreiblichen Chaos führt die Strasse aus der Stadt. Heute ist zudem noch ein grosser Feiertag. Am 6. September 1965 gewann Pakistan den Krieg gegen Indien. Aus mir noch unerklärlichen Gründen lasse ich mir an der Grenze einen Träger aufschwatzen. Die sind ja alle so aufdringlich. Und da ich ja so schnell wie möglich die Grenzformalitäten erledigen wollte um weiter nach Delhi zu fahren, dachte ich mir, dass der Träger mir vielleicht dazu verhelfen würde. Die Beamten auf der pakistanischen Immigration scheinen nur am Geldwechsel interessiert zu sein. Da sie keine Uniformen tragen, weiss man nie, mit wem man es zu tun hat. Den Ausreisestempel erhalte ich relativ schnell. Drei Männer fordern mich recht arrogant auf, Geld zu wechseln. Als ich mich weigere, fordert mich ein Beamter in ein Nebenzimmer. "Give me 200 Rupies!" Für was frage ich ihn. "Bakshish" flüstert mein Träger. Ich will ihm 100 geben, doch er droht mir den Pass wegzunehmen. Als ich ihm dann die 200 in die Hand drücke fordert er mich auf "Go!" Ja, ich gehe schon, Du Vagant. Kaum habe ich die Immigration verlassen, erklärt mir der Träger, dass ich für die nächste Kontrolle wiederum 100 Rupien bereit halten soll! Das sind doch alles Banditen, Gauner, diese pakistanische Zöllner! Im vergleich zur indischen Seite geht hier alles freundlich und korrekt vor. Pakistan - Indien: ein ganz klares 0 -1 für Indien. Der grösste Vagant aber ist mein Träger, der sich erst mit einem fürstlichen Bakshish abwimmeln lässt. Ich bin über mich selber erbost. Am liebsten würde ich den ganzen Grenzübertritt nochmals wiederholen und denen zeigen wo sie sich ihr Bakshish hinstecken können. Von der indischen Grenze sind es 30 Kilometer bis Amritsar. Ich kann ein Pärchen dazu überreden, mit mir ein Taxi zu teilen. Auf der Fahrt erschrecke ich über eine Kilometertafel, wonach es noch 490 Kilometer bis in die indische Hauptstadt sind. Ich hatte doch vorher die Karte studiert, aber das es noch soweit ist ... Ob ich das heute wohl noch schaffe?

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©1999-2008 Text und Foto Willy Blaser, info@willyblaser.ch