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Mabuhay Indien (RB20 / 28.10.2002) Länderinfos: Indien

Sieben Wochen in Indien

Kalkutta ist schön, ich freue mich auf Kalkutta, ich liebe Kalkutta.

Sieben Wochen in Indien zu verweilen ist sehr lange. Ob ich mir da nicht wieder etwas eingebrockt habe? Die Ausgangslage für diese Reiseplanung war nicht ganz einfach. Einerseits lief meine Aufenthaltsbewilligung in Thailand Ende September aus, anderseits wollte ich Bernhard Banzhaf, der mit einer Schweizer Trekking-Gruppe am 3. November nach Darjeeling kommt, dort treffen. Nach der letztjährigen Wettererfahrung war es mir nur recht, diesmal nicht zu früh in Darjeeling zu sein. Je später umso besser. Der Flug nach Kalkutta am 25. September war daher verdammt früh. Ein Blick auf die Wetterkarte im Internet verrät nichts Gutes: in Siliguri regnet es. Ob ich nicht gescheiter schnell eine Visumreise nach Kambodscha hätte machen sollen um die Hinreise um 2-3 Wochen zu verschieben? Doch nun war gebucht, ich konnte nichts mehr ändern. Ich plane deshalb vorerst einige Tage in Kalkutta zu bleiben. Sollte das Wetter in Darjeeling nicht klar sein, würde ich die Zeit nutzen um meine journalistischen Arbeiten zu erledigen und danach für 2-3 Wochen einen Abstecher nach Nepal machen. Dort habe ich nämlich mit dem Manaslu (8163m) auch noch eine Rechnung offen. So gesehen würden die sieben Wochen Aufenthalt in Indien und Nepal zeitmässig aufgehen. Was aber, sollte es nicht nach Plan verlaufen? Dann wäre ich für den Rückflug nach Thailand bis zum 12. November blockiert. Vorsichtshalber lasse ich mich daher bei der Thai International auf die Warteliste vom 9. und 6. November sowie vom 19. Oktober setzen. Mann kann ja nie wissen!

180 Roupien

Kalkutta ist schön, ich freue mich auf Kalkutta, ich liebe Kalkutta.

Aus technischen Gründen  wird der Flug TG 317 um eine Stunde verschoben. Nach dreissig Minuten ist die Panne behoben und wir können einsteigen. Doch es gibt wieder eine Verzögerung. Weil ein Passagier an Bord fehlt, muss sein Gepäck aus Sicherheitsgründen zuerst ausgeladen werden. Auch das überstehen wir und endlich geht's los. Der Flug nach Kalkutta dauert 2 Stunden. Ich erkundige mich bei der Hostess nach den Decken. Diese sollen bei den Fluggästen sehr beliebt sein. Gemäss einer Pressemitteilung der Thai, werden davon jeden Monat 5'000! Stück geklaut, was der Fluggesellschaft einen Schaden von jährlich 15 Mio Baht verursacht.

Die Landung ist perfekt. Die Zeitverschiebung beträgt 1 1/2 Stunden. Die Wartezeit bei der Immigration ist gar nicht so schlimm. Wesentlich länger geht es bei der Gepäckausgabe. Schon fast chaotisch, wie eben in Indien. Papierkram auch beim Geldwechseln. Für einen US Dollar gibt es 47.55 Rupien, der Schweizer Franken steht mit 30.75 Rupien zu Kurs. Da wären wir also! Wie ein Trottel lasse ich mich von einem Taxifahrer wieder über's Ohr hauen. Dummerweise kann ich mich nicht mehr erinnern wieviel ich letztes Jahr von der Innenstadt zum Flughafen bezahlt habe. Der Taxifahrer versichert mir, dass er nach Taxmeter fährt. OK, da kann ja nichts mehr schief gehen. Als ich im Taxi sitze, hat es dann doch kein Taxmeter. Man zeigt mir eine offizielle Liste wonach die Fahrt in die Innenstadt 600 Rupien kosten soll. Also, damit ich mir das mal endlich hinter die Ohren schreiben kann: die Fahrt in die Stadt kostet nicht mehr als 180 Rupien! Ich sollte es doch nun bald wissen, dass die Taxis an Flughäfen, Bahnhöfen oder Schiffpiers immer sehr teuer sind. Da läuft man halt eben ein wenig weiter auf die Strasse, es gibt ja so viele Taxis.

Waschküche

Kalkutta ist schön, ich freue mich auf Kalkutta, ich liebe Kalkutta.

Das Klima ist feuchtheiss wie in einer Waschküche. Entgegen der Wettervorhersage im Internet regnet es nicht. Die Sonne scheint. Ich will zur Sudder Street. Da war ich schon letztes Mal, als ich im Fairlawn Hotel wohnte. Das Fairlawn vermag ich aber diesmal nicht mehr. Die Sudder Street ist was für Bangkok die Kao Sarn Road, ein Billighotel-Viertel für Tramper mit Restaurants, Reisebüros, Fax- und Telefon Service und Internets. Der Strassenverkehr Kalkuttas ist ein einziges Chaos. Der Lärm der Hupen ist ohrenbetäubend. Alle hupen. Vor lauter Hupen weiss man gar nicht wohin schauen. Auch mein Taxifahrer hupt, grundlos. Einfach hupen, damit Lärm gemacht wird. Er fährt mich durch schmale Gassen in denen es nach Urin stinkt. Anscheinend eine Abkürzung. Wie üblich will er mir "sein" Hotel aufschwatzen. Ich werde langsam hässig und fordere ihn auf nun auf direktem Wege in die Sudder Street zu fahren. Nebst den 600 Rupien hat er noch die Frechheit ein Backschish (Trinkgeld) zu verlangen. Ich bin noch so blöde und gebe ihm 100 Rupien. Was soll's. Dafür bin ich in der Sudder Street. Es gibt viele kleine Hotels. Der Name Abstiegsbuden würde besser dazu passen. Ich steige in der Biman Lodge für 9 US $ ab. Es ist zwar mehr ein "Loch", doch es hat Aircond, Dusche/Toilette und Fernsehen. Beim näheren betrachten des Leintuches ist es auch nicht mehr gerade das sauberste. Aber für solche Zwecke hat man ja ein Schlafsack-Leintuch bei sich. Die Dusche, das Lavabo sowie die Toilette sind zwar relativ sauber aber in einem Zustand…  Abbruchreif! Aber wir sind in Kalkutta. Schon nur eine Dusche in diesem mörderischen Klima zu haben ist ein Luxus.

Die erste Rekognoszierung endet im Zürich-Restaurant! Tja, das war nun wirklich eine freudige Überraschung. Im "Zürich" gibt es zwar kein "Züri-Geschnetzeltes", die  Speisekarte ist einfach, auf den westlichen Touristen zugeschnitten. "Zürich" ist auch ein Treffpunkt für die Ausländer. Vor dem Restaurant begegne ich auch dem  alten Sikh, jenem Taxifahrer, welcher mich letztes Jahr zum Flughafen geführt hatte.


Restaurant Zürich mit Taxifahrer Singh

Als ich ins Hotel zurückkomme herrscht bei der Reception grosse Aufregung. Im Fernsehen läuft die Übertragung des Cricket-Matches Indien gegen Australien. Alle verfolgen mit Spannung und Begeisterung das Spiel. Für einige Minuten schaue ich mit. Dass man sich für so etwas begeistern kann, bleibt  mir unverständlich. So ein doofes Spiel habe ich noch selten gesehen. Ich weiss, typisch wieder diese Vorurteile. Wenn wir Schweizer etwas nicht kennen oder nicht verstehen, ist es einfach doof und blöd. Vielleicht ist ja Cricket ganz interessant, würde man die Spielregeln kennen. Es gibt schliesslich ja auch Leute die nichts vom Fussball halten und nur den Kopf schütteln wie zehn erwachsene Männer einem kleinen Ball während 90 Minuten nachrennen!

So endet mein erster Tag in Kalkutta. Bisher war es gar nicht so schlimm.

Stadt der Widersprüche

Wer erstmals seine Füsse auf den indischen Kontinent setzt, dem sei geraten dies nicht gerade in Kalkutta zu tun, wo Indien's erschreckendes Gesicht so überaus deutlich zu Tage tritt. Dies ist nicht von mir, sondern steht in meinem Reiseführer. Weiter wird empfohlen, man soll sich Kalkutta nur nach guter Vorbereitung und bereichert durch Erfahrungen mit der fremden Welt Indiens, nähern. Der Kulturschock wäre zu gross. Kalkutta's Geschichte ist relativ kurz. Als erste hatte die Portugiesen, ausgehend von ihrer Basis in Goa, Interesse am grossen Strom im Osten, der als Verkehrs- und Handelsweg des bengalischen Tieflandes gute Geschäfte versprach. Die Handelsposten konnten sich jedoch gegen die Moguln nicht halten und mussten zu Beginn des 17. Jahrhunderts aufgegeben werden. Die Engländer hatte eine glücklichere Hand. Als der Schiffsarzt Gabriel Boughton 1636 eine Tochter Shah Jahans zu heilen vermochte, erhielt er als Gegenleistung das Privileg freien Handels in Bengalen. Mit der Gründung einer Handelsniederlassung durch die East India Company in Hugly war 1642 der Keim für die Millionenstadt Kalkutta gelegt. Der Handel florierte. Die Beziehungen zwischen den Briten und den Moguln verschlechterte sich aber drastisch und führte sogar zu einem vorübergehenden Handelsverbot. Realisierend, dass den Moguln dadurch wichtige Handelsgewinne verlustig gingen, erlaubte Aurangzeb den Engländern die Rückkehr. Die europäischen Kaufleute fassten unter ihrem Führer Job Charnock beim kleinen Dorf Kalikata 1690 erneut Fuss und bald florierte das Geschäft wieder. Die rasch wachsende Handelsstadt zog auch zahlreiche Inder an, die zunächst als Hausgehilfen Beschäftigung fanden, bald aber auch ihren eigenen, zum Teil sehr lukrativen Handel aufzogen. Der wirtschaftliche Aufschwung setzte sich auch ungehindert fort, als die East India Company 1858 mit Ernennung Indiens zum Vizekönigtum ihre politischen Privilegien verlor. Viel schwieriger war für die Kaufleute Kalkuttas die Rede König Georg V. vom 12. Dezember 1941 zu verkraften, in der er die Verlegung der Hauptstadt nach Dehli ankündigte. Die Stunde schwerster Prüfung hatte die Millionenstadt am 16. August 1946 zu bestehen, als die einen separaten Muslim-Staat forderte Awami-Liga den "Direct Action Day" ausrief. Mit Knüppeln, Steinen und Eisenstangen bewaffnete Muslime machten Jagd auf Hindus und lösten ein gegenseitiges Massaker aus, das innerhalb von 24 Stunden über 6'000 Tote forderte. Damit wurde auch der Traum Ghandis von einem Indien, in dem die beiden grossen Religionsgemeinschaften friedlich zusammenleben würden, zerschlagen.
Kalkutta, mit 10 Millionen Einwohnern, zweitgrösste Stadt Indiens, gilt heute als einer der wichtigsten Industrieschwerpunkte Indiens, als Zentrum von Kunst und Kultur und als Hochburg der Intellektuellen.

Freundliche Menschen

Ich bin gespannt, was wohl heute alles auf mich zukommen wird. Die Sudder Street ist um acht Uhr morgens relativ verkehrsfrei. Dutzende von Bettlern liegen auf dem Gehsteig und schlafen. Bei den Handwasserpumpen  versammeln sich kleine Gruppen von Leuten um sich zu waschen oder Wasser in Eimer abzufüllen. Zahlreiche Rikscha- und Taxifahrer säumen die Strasse. Jeder will dich irgendwohin bringen. Schlepper gibt es wie überall auch, aber diese sind gegenüber New-Dehli in der Minderzahl und zudem auch harmlos. Auf dem Weg zum Frühstück ins "Zürich-Restaurant" komme ich an einer kleinen Büste vorbei die an einen sehr berühmten Bewohner der Sudder Street erinnert. An der Nummer 10 wohnte hier einmal der grosse Philosoph und Dichter Rabindranath Tagore (1861-1941) der für sein Werk 1913 den Nobelpreis erhielt. Im "Zürich" erhoffe ich mir mit anderen Reisenden ins Gespräch zu kommen. Denkste! Mein "Hello" wird nicht einmal erwidert. Dann werde ich eben die Stadt auf eigene Faust entdecken, das bin ich mir ja längst gewohnt. Anfangs Sudder Street, auf Seite Maidan-Park, stehen die grossen Gebäude der Heilsarmee und des Indian Museum, das als Indiens grösstes und bestes Museum gilt. Dort sind auch die Hauslosen auf der Strasse zu Hause. Beim vorbeimarschieren sind einige Frauen aggressiv und aufsässig und fordern ein Backschisch für ihr Baby. Seit einigen Tagen ist anscheinend die Müllabfuhr nicht mehr vorbeigekommen. Es stinkt zum Himmel. Ein ganzer Müllberg hat sich inzwischen vor den Hauslosen angesammelt, die darin gemeinsam mit Hunden und Krähen nach etwas Essbarem suchen.


Rabindranath Tagore (1861-1941)

Auf meiner ersten Entdeckungstour folge ich der Chowringhee, auch Nehru Road genannt, dem Maidan Park Richtung Norden entlang. Als idealer Orientierungspunkt dient dabei der 48 Meter hohe, minarettartige Turm Sahid Minar, der 1828 zu Ehren von Sir David Ochterlony als Denkmal für den englischen Sieg über Nepal (1814-16) aufgestellt wurde. Die Nehru Road gehört mit seinen zahlreichen Kinos, Restaurants, Verwaltungsgebäuden und Einkaufszentren zu einer der geschäftigsten Strassen Kalkuttas. Mein Ziel ist das Hauptpostamt. Eigenartig, mich zieht es in einer fremden Stadt immer zuerst zur Hauptpost. Einige Male muss ich mich nach dem Weg erkundigen. Die Leute sind hilfsbereit und sehr freundlich. Die Post ist leicht an ihrem weissgetünchten und kuppelgekrönten Gebäude zu erkennen und steht am B.B.D. Bagh Platz, der als eigentliches Zentrum der Stadt gilt. Ich kann es als Briefmarkensammler nicht lassen, dem Philatelic Bureau einen Besuch abzustatten. Ich werde sehr freundlich empfangen und zum Tee eingeladen. Diese Kalkutaner erstaunen mich immer mehr! Zahlreiche Verwaltungsgebäude in viktorianischem Stil säumen den Platz. Auf deren Nordseite sticht ein Gebäude mit seiner Fassade aus rotem Backstein ins Auge. Es ist das "Writer Building". Früher wohnten hier die Angestellten der East India Company. Heute sind die Büros der Landesregierung von West-Bengalen unterbracht. Das Gebäude ist von einem Grossaufgebot von Polizisten abgesperrt. Fotografieren ist absolut verboten. Ich marschiere weiter Richtung Hugly-Fluss, zur Anlagestelle der Fähre. Eine Gruppe von Männer und Kinder seifen sich am Ufer des Flusses ein und waschen sich in der dunkelbraunen Brühe. Nicht weit davon entfernt erhebt sich die Howrah-Brücke, ein Gespinnst aus Stahlträgern, das zum Wahrzeichen Kalkuttas geworden ist. Die 655 m lange und 82 m hohe Brücke entstand zwischen 1923 und 1943 und führt zum Howrah-Bahnhof, einer der grössten Bahnhöfe Indiens. Auch hier absolutes Fotografierverbot.


Zu Besuch beim Philatelic Bureau

Auf dem Rückweg kann ich den wegweisenden Turm nicht mehr finden. Ich erkundige mich bei einer Gruppe von Verkehrspolizisten nach dem Weg zurück zur Sudder-Street. In ihren weissen Uniformen mit weissem Helm und schwarzen Stiefeln fallen sie schon von weitem auf. Mit ihren schwarzen "Gstältli" sehen sie aus wie Bayer. Es entsteht eine freundliche Diskussion. Alle sind stolz, als ich ihnen sage, dass ich die Leute in Kalkutta viel freundlicher als in New Delhi finde. Einer der Polizisten stoppt eigens für mich sogar den Verkehr damit ich ungehindert die Kreuzung überqueren kann. Kalkutta überrascht mich immer mehr. Ich komme an der St. John's Kirche vorbei. Die 1787 erbaute Kirche ist das älteste christliche Gotteshaus der Stadt. Eine Strasse weiter ist das Rathaus und das im neogotischen Stil erbaute High Court. Schon fast futuristisch angesichts des "überirdischen" Chaos, mutet die moderne Untergrundbahn an. Dass es in Kalkutta sogar eine Kunsteisbahn gibt, hätte ich nie gedacht. Was mir bei diesem ersten Ausflug auch aufgefallen ist, ich habe keine einzige heilige Kuh gesehen!

Mutter Teresa: ein Leben für die Sterbenden

Agnes Gonxha Bojaxhiu wurde am 27. August 1910 im mazedonischen Skopje geboren. Als Achtzehnjährige verliess sie ihre Heimat und Familie um dem irischen Orden der "Schwestern von Loreto" beizutreten. 1931 kam sie als Geographielehrerin nach Indien. Die ersten Jahre verbrachte sie in Darjeeling, später unterrichtete sie an der St. Mary‘s Schule in Kalkutta. 1939 wird sie deren Leiterin. Mitte der Vierzigerjahre bat sie darum die Ordenstracht ablegen zu dürfen um sich künftig den Ärmsten und Sterbenden zu widmen. Sie gründete den Orden "Missionaries of Charity - Missionarinnen der Nächstenliebe". Als Mutter Teresa wurde sie weltweit bekannt. Nebst unzähligen internationalen Ehrungen wurde ihr 1979 den Friedensnobelpreis zugesprochen. Am 5. September 1997 verstarb sie. Noch heute gilt sie nebst Mahatma Ghandi als die beliebteste Persönlichkeit Indiens.

Ihr erstes Haus, Nirmal Hriday, das Haus der Sterbenden, wurde 1952 gegründet. Es ist offen für jedermann und hat signifikanterweise keine Türen. Ein anderes Haus, Shishu Bhavan, wurde 1957 für verstossene und in den Müll geworfene Neugeborene geöffnet. Später kam das Haus für die Leprakranken dazu, welches den Orden weltbekannt machte.

Inzwischen betreut die Mission mehr als 285 Häuser und karitative Stiftungen in Indien und Übersee. Mit ihrem Orden erregte Mutter Teresa Anstoss und Ärgernis, dies vor allem bei den elitären Schichten. Ihre universale und kastensprengende Sicht von Humanität waren auf dem indischen Kontinent revolutionär. Sie tat etwas was man nicht tut. Mutter Teresa scheute selber die Körperlichkeit nicht. Sie berührte, fasste an und wusch die Krankenden und Sterbenden. Gerade die Aussätzigen fanden bei ihr Heimat, wenn auch unter armseligen Bedingungen. Diese hautnahe Humanität hatte ich auch schon im Senegal (Westafrika) erlebt, als ich dort in einer katholischen Mission zu Besuch war. Auch dort sorgten sich die Schwestern mit viel Nächstenliebe um die Armen und Kranken, doch es war nicht ohne Hintergedanken. Ihr Wirken hatte seinen Preis, nämlich dass sich Leute vom Islam zum Christentum bekehren mussten. Das ist im Orden von Mutter Teresa nicht so. Es werden alle, ungeachtet ihrer Religion aufgenommen. Bei aller Bewunderung für den Dienst an den Armen fehlt es aber auch nicht an Kritik. Ganz im Einklang mit dem Papst lehnte sie jegliche Geburtskontrolle oder Abtreibung strikte ab. Mit ihrer aufopferungsvollen Arbeit kurierte Mutter Teresa nur die Symptome, statt auch die Ursachen zu bekämpfen. Bei meinem dritten Besuch in Kalkutta war es nun fast eine Pflicht endlich dem "Haus der Sterbenden" in Kaligath (neben dem Kali-Tempel) einen Besuch abzustatten. Die Nonnen der Mission sind leicht an ihren einfachen, blaugesäumten weissen Sahris zu erkennen. Die Aufsichtsnonne führt mich in die zwei grossen nach Geschlechtern getrennte Säle. Die Luft ist trotz den riesigen Ventilatoren stockend heiss. In beiden Sälen liegen Hunderte, teils schwerkranke, teils sterbende Menschen auf einfachen Betten. Ärzte versorgen die schlimmsten Fälle. Spritzen, leere Ampullen und vereiterte Verbände liegen in einer Ecke herum. Kein schöner Anblick. Tief beeindrucken mich die Voluntäre, junge Männer und Frauen aus aller Welt. Wie sich diese den Sterbenden annehmen, diese streicheln, massieren, waschen und sie in den Tod begleiten ist schon etwas, dass man nicht so schnell vergessen kann.


Mutter Teresa (1910-1997)

Kali-Tempel

Nicht weniger eindrücklich als das "Haus der Sterbenden" ist der Besuch des Kali-Tempels, eines der wichtigsten hinduistischen Heiligtümer Kalkuttas. Er ist der Göttin Kali gewidmet. Taxifahrer Singh fährt mich dahin. Beim betrachten dieses Treibens in und um den Tempel glaubt man kaum im 21. Jahrhundert zu leben, ja man frägt sich sogar, ob wir nicht auf einem anderen Planeten sind. Ich werde von einem Guide empfangen, der mich durch die Tempelanlage führen wird. Taxifahrer Singh macht für mich den Preis von 15 Rupien aus. In einem kleinen Tempel muss ich Schuhe und Socken ausziehen und die Hände in heiligem Ganges-Wasser waschen. Ich folge den inzwischen drei Guides zu einem kuppelförmigen Gebäude. Die Strasse ist dreckig, voller Wasserpfützen. Ob man da Barfuss nicht auch leicht eine Krankheit oder eine Infektion auflesen könnte? Besser nicht daran denken. So gut wie mögliche weiche ich den pechschwarzen Pfützen aus. Zahlreiche Bettler, Frauen und Männer säumen die Strasse. Je näher wir zum Tempel kommen umso dichter wird die Menschenmenge. Alle wollen in den Tempel hinein, dessen Zugang über eine Treppe führt. Es herrscht ein unbeschreibliches Gedränge. Meine Guides bahnen mir den Weg frei. Vor dem Eingang in den Tempel drückt mir der eine Guide drei Hibiskus-Blumen in die Hand. Die eine soll Glück meiner Familie bringen, die zweite Glück auf meiner Weiterreise und die dritte habe ich nicht verstanden wofür, nur dass ich diese der Kali-Göttin zuwerfen soll. Das Gedränge die Treppe hoch ist chaotisch. Ich fühle mich mit meiner Pass- und Geldtasche auf mir auch nicht gerade wohl und bin zusätzlich vorsichtig. In einem solchen Gedränge kann einem leicht etwas geklaut werden. Ich werde von der Masse richtiggehend mitgetragen. Meine Führer stossen mich zu einem kleinen Fenster hin. Kurz sehe ich eine liegende Figur mit schwarzem Kopf: die Kali-Göttin. Ich werfe meine Blumen hinein und schon werden wir von der Masse zum Ausgang und die Treppe hinunter geschubst. Neben der Treppe ist eine Ziege angebunden. Ich verstehe nur, dass diese geopfert werden soll. In einem kleinen umzäunten Tempel befindet sich die Opferstätte. Leute knien nieder und legen ihren Kopf auf die Stelle nieder, wo der Ziege der Kopf abgeschlagen werden soll. Mein Guide erklärt mir die Handlung, doch sein Englisch ist dermassen schlecht, ich verstehe überhaupt kein Wort. Ich werde noch zu anderen Tempeln geführt. Das ganzen Handeln bleibt für mich rätselhaft und mysteriös. Ich bin froh, dass der Rundgang beendet ist. Im kleinen Tempel, in welchem ich die Schuhe hinterliess, muss ich zum Abschluss wiederum die Hände mit Ganges-Wasser waschen. Ich weiss wie Ganges-Wasser aussieht. Heilig oder nicht heilig, für mich gilt raschmöglichst zurück ins Hotel zu fahren um mir die Hände mit Waschpulver zu reinigen. Jeder der drei Guides will nun natürlich seine 15 Rupien. Taxifahrer Sing ist jedoch unnachgiebig. Es gibt 15 Rupien, keine Roupie mehr.

So vergeht ein eindrucksvoller 2. Tag.

Mit der Metro

Um ihren Höhenpunkt sichtbar zu dokumentieren, erbauten die Engländer das Victoria Memorial in einer Mischung klassischer und Mogul-Architektur. Für den Besuch benützte ich die Metro. Zu Fuss dahin wäre es auch ein wenig zu weit. Die Fahrt von der Station Park-Street zur Station Rabindra Sadan kostet 4 Rupien. Dummerweise fahre ich eine Station zu weit, sodass ich einen weiten Weg unter der glühenden Sonne zurücklaufen muss. Ich komme an der St. Paul's Kathedrale vorbei. Zwischen 1839 und 1847 in neogotischem Stil entstanden, zählt zu den wichtigsten Kirchen des Landes. Der Eingang zum Victoria Memorial wird durch eine Statue Königin Victorias bewacht. Das Memorial ist in einem wunderschön Park mit einem kleinen See gelegen. Eine kleine Oase. In der Mittagshitze erholen sich zahlreiche Einheimische unter den zahlreichen schattenbringenden Bäumen. Einige Arbeiter sind daran den Rasen zu mähen. Dabei entsteht dieser typische süssliche Duft von frisch geschnittenem Rasen. Auch das getrocknete Gras duftet angenehm, fast heimelig, als ob Heuet wäre.


Victoria Memorial

Zurück an der Sudder Street besuche ich den Markt. Ganz in der Nähe befindet sich der "New Market", ohne Zweifel eine der besten Einkaufsmöglichkeit Kalkuttas. Der aus roten Ziegelsteinen gebaute Zeitglockenturm zeugt von den alten glorreichen Zeiten. Wie meistens überall glauben die lieben, netten Verkäufer die Touristen "verarschen" zu können. Sehen wir wirklich so blöde aus?  Ich möchte für die kälteren Abende in Darjeeling eine billige, einfache Jacke für 200 - 300 Rupien kaufen. Und was wollen die mir andrehen: eine Lederjacke für 6'300 Rupien! Einige unschöne Wörter zurücklassend, laufe ich davon...

So vergeht auch mein dritter Tag in Kalkutta. Kalkutta beginnt mir sogar langsam zu gefallen! Doch für morgen ist Abreise angesagt. Wie schon letztes Jahr in New-Delhi, bin ich erstaunt, wie gut das vollcomputerisierte Reservationssystem der indischen Staatsbahnen funktioniert. Innert zehn Minuten habe ich meine Fahrkarte für den Nachtzug nach New Jaipalguri/Siliguri. Ein Platz im Schlafwagen kostet für die 569 Km lange Strecke gerade 654 Rupien (Sfr. 19.-).

Darjeeling, ich komme....

Die Taxis in Kalkutta haben keine Klimaanlage. Man fährt mit offenen Fenster. Sind die Ampeln auf rot ist es allerdings ratsam schnell das Fenster zu schliessen, ansonsten dich Kinder und Frauen mit Betteln belästigen. Sie klopfen an die Fensterscheibe: "Baba, milk for baby". Wir überqueren den Hugly-Fluss. Ich bin viel zu früh am Bahnhof Howrah. Der Zug fährt erst um 17.35 Uhr. Doch lieber etwas zu früh als im Verkehr stecken zu bleiben und dann den Zug zu verpassen. Es ist ein riesiger Bahnhof. Es geht zu wie in einem Bienenhaus. Der Station Manager weiss nicht genau auf welchem Gleis mein Zug, der Kamrup Express einfahren wird. Gleis 9 oder Gleis 8. So warte ich mal mit meinem Rucksack auf Gleis 8 neben zwei Polizisten. Hier sollte ich wenigstens sicher sein. Jedesmal wenn ein Zug einfährt, wird das Perron wie von einer unendlichen Flutwelle von Leuten überschwemmt. Nach zwei Stunden wird durch den Lautsprecher bekannt gegeben, dass mein Zug auf Gleis 8 abfahren wird. Ich wechsle hinüber. Um sicher zu sein, frage ich noch etwa fünf verschiedene Leute. Mit 20 Minuten Verspätung fährt der Zug ein. Die Wagen sind sehr schlecht angeschrieben. Auf meinen Billet steht "Klasse A3". Wiederum muss ich mich durchfragen bis ich endlich weiss, wo einsteigen. Es klappt. Mein Platz ist auch frei. Immer wieder muss ich darüber staunen wie schliesslich doch alles klappt. Meine Reisebegleiter sind wiederum nette Leute. Zwei Geschäftsherren sowie ein Ehepaar mit ihrer Tochter. Der Herr erzählt mir, dass er im Sommer in Engelberg war. Es entsteht eine freundliche Diskussion. Die Tochter, sehr hübsch, ist Englisch-Lehrerin in New-Dehli und spricht sogar etwas Deutsch. Zwischen den Stationen steigen unzählige fliegende Händler ein und aus. Es wird alles mögliche verkauft. Um 20.30 Uhr wird endlich das bestellte Nachtessen serviert. Es ist wie immer das gleiche: Gemüsesuppe, Reis, Poulet, Dal und ein Chapati. Die Leute legen sich allmählich zum schlafen hin. "Tschai, Tschai, Koffee, Tschai, Tschai" tönt es um sechs Uhr  morgens. Den Reigen der Verkäufer beginnt mit den Teeverkäufern. Vier Rupien für einen Becher. Um halb acht Uhr krieche ich aus der oberen Koje. Demnächst sollten wir bald in NJP (New Jaipalguri) ankommen. Laut Fahrplan müssten wir längst angekommen sein. Die beiden Geschäftsmänner studieren den Fahrplan und teilen mir mit, dass wir etwa drei Stunden Verspätung haben. Um 09.00 Uhr sind wir in NJP. Kurz darauf sitze ich bereits in einem TATA-Jeep nach Darjeeling. Bis der 10. und letzte Fahrgast gefunden ist, vergeht aber nochmals eine halbe Stunde. Wir fahren die direkte Route nach Kurseong, durch die Tremola (von mir so benannt). Das Wetter lässt wiederum zu wünschen übrig. Schon bald kommen wir in die ersten Nebelschwaden. Sollte sich das ganze wie letztes Jahr wiederholen? Nach vier Stunden erreichen wir Darjeeling. Die Abgase, der Lärm und der Verkehr hinauf zum Bahnhof haben ein schreckliches Ausmass angenommen. Das soll ein beliebter Erholungsort sein? Würde ich den Charme der Stadt nicht kennen, würde ich vermutlich aus diesem Chaos sogleich wieder abreisen. Und wo sind die Berge? Natürlich wieder von den Wolken verdeckt. Ich bin enttäuscht. Am Abend kommt etwas Abendrot auf. Ob das ein gutes Zeichen ist?


Zugsticket nach New Jaipalguri

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©1999-2008 Text und Foto Willy Blaser, info@willyblaser.ch