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Mabuhay Thailand / Myanmar (RB24 / 12.04.2003) Länderinfos: Thailand  Länderinfos: Myanmar

Besuch der Schwester

Von der Aufenthaltsbewilligung her, hätte ich noch ohne weiteres einen Monat länger in den Philippinen bleiben können. Aus Anlass zu ihrem 50. Geburtstag hat sich meine liebe Schwester entschieden eine kleine Reise zu machen um ihren Bruder in Asien zu besuchen. Toll! Wegen ihrer geplanten Ankunft anfangs Februar in Bangkok, muss ich deshalb vorzeitig abreisen, um unsere geplante Reise nach Myanmar zu organisieren.

Wieder einmal gibt es einen schmerzlichen Abschied. Die Rückkehr nach Thailand erfolgt ohne Probleme. Auf die Minute genau, um 14.20 Uhr, löst sich der Airbus der Thai International vom Dock des Terminals. Ausser, dass es unheimlich lange geht bis das Mittagessen serviert wird, ist am Flug nichts auszusetzen.

Zurück in Pattaya, ist der Preisunterschied zu Angeles was Hotels und Essen anbelangt doch merklich. Unterkünfte für 600 Baht (18 Franken) sind leicht zu finden und das Essen ist vor allem billig. Ein Café complet kostet mich 95 Rappen und ein Pfeffersteak mit Kartoffel in der Folie mit Salat, ganze drei Franken! Das einzige was in den Philippinen billiger ist, sind die Kondome. Fast sechs mal billiger!

Während in St. Moritz die Ski-Weltmeisterschaften über die Bühne gehen, finden in Japan die 1. Asiatischen Winterspiele statt. Thailand ist auch vertreten, u.a. mit einem Eishockeyteam. Im ersten Spiel verlieren sie mit 0 – 39 gegen Japan!

Die via Internet bestellten Flugbillete Bangkok – Yangon sind schnell ausgestellt. Ein empfehlenswertes Reisebüro, das German Asia Travel, im Ra Jah Hotel an der Sukhumvit, Soi 4. Seriös und kompetent. Das Visum für Myanmar dauert etwas länger, drei Arbeitstage. Das ist aber immer noch wesentlich schneller als in der Schweiz, wo man sich fast einen Monat gedulden muss! In einem Internet-Café verfolge ich auf der Homepage des Flughafen Kloten den Abflug meiner Schwester: 14:17.39 - Gestartet. Morgen um 06.00 Uhr werde ich sie hier in Empfang nehmen.

Myanmar: Besuchen oder Boykottieren?

Myanmar, grösster Drogenstaat der Welt! Myanmar, von einer Clique Tyrannen regiert! Myanmar, wo Zwangsarbeit herrscht! Was in unseren Medien doch nicht alles über dieses fremde Land geschrieben wird. Aufgrund der Situation der Menschenrechte treten diverse im Ausland ansässige Aktivistengruppen dafür ein, jede Form des Reisens nach Myanmar zu boykottieren, um das Regine zu Reformen zu zwingen. Auch Friedensnobelpreisträgerin und Führerin der Demokratiebewegung der Nationalen Liga für Demokratie, Frau Aung San Kui Suu, plädiert für einen Boykott. Sie argumentiert, dass die aus dem Tourismus ins Land kommenden Gelder direkt in die Taschen der Generäle fliessen. Aus meiner Sicht ist finde ich einen solchen Boykott als ungerechtfertigt. Gerade vom Tourismus können viele gewöhnliche Leute profitieren und jede Reduzierung führt automatisch zu einem Schrumpfen der örtlichen Verdienstmöglichkeiten.

Ich bin auch nicht ein Freund von Diktaturen und Militärregimes. Solche Regierungsformen sind für uns im Westen nicht denkbar, undemokratisch. Unsere Denkweise ist immer, dass nur dort wo Demokratie herrscht, es den Menschen besser geht. Ist dem auch so? Was hat sich z.B. seit dem Sturz von Marcos in den Philippinen verbessert? Ist es nicht so, dass es einige Länder auf dieser Welt gibt, in denen ein totales Chaos nur mit einer Diktatur verhindert werden kann?.

Gewiss, die Partei von Aung San Suu Kui hat 1989 mit 60% der Stimmen die Wahlen gewonnen. Die Militärs versuchen seither diesen Wahlerfolg ungeschehen zu machen und die Opposition auszuschalten. So etwas darf und muss sogar kritisiert werden. Es gibt überall auf der ganzen Welt viele Ungerechtigkeiten, doch nicht alle werden gleich konsequent verurteilt. Einige Länder scheinen sich alles erlauben zu können. Ich frage mich, ob sich der Aufruf von Frau Aung San Suu Kyi nicht kontraproduktiv auswirkt und schlussendlich nur der eigenen Bevölkerung schadet. Das Land “verschliesst” sich dadurch nur noch mehr. Aus derselben Überlegung ist Myanmar wohl auch Mitte 1997 als Mitglied der ASEAN-Staaten aufgenommen worden. Mit den Menschenrechten ist es auch so eine Sache. Laut Amnesty International sind es die USA welche die Liste der Länder mit den meisten Menschenrechtsverletzungen anführen! Hat deswegen schon jemanden zu einem Reiseboykott in die USA aufgerufen?

Obwohl wir im Vorfeld unserer Reise so viel Negatives über Myanmar in unseren Medien zu Lesen bekamen, haben wir uns dennoch entschlossen das Land auf eigene Faust zu entdecken, und dabei möglichst nicht-staatliche Organisationen hinter denen das Staatliche Tourismusunternehmen Myanmar Travel & Tours (MTT) steckt zu benützen. Dazu gehören unter anderem staatliche Hotels, Züge, die Myanmar Airways sowie das Luxusboot zwischen Bagan und Mandalay. Wir möchten damit die positiven Auswirkungen unseres Aufenthaltes zugunsten der Bevölkerung maximieren und die Unterstützung der Regierung so gering wie möglich zu halten.

Komisches Gefühl

Ich war schon im November 1979 kurz in Yangon. Damals durfte ich nur 7 Tage im Lande bleiben. Ich erinnere mich an die Schwedagon-Pagode, das Wahrzeichen des ganzen Landes, an die vielen prachtvollen Kolonialhäuser, den Strassenverkehr mit seinen “Oldtimern” und an das “Theater” mit der Devisenkontrolle. Was werden wir wohl diesmal antreffen? Wie sind die Hotels? Wie wird das Essen sein? Wie schwierig wird das Reisen sein? Werden wir ständig vom Militär kontrolliert werden? Was ist mit diesem Pflichtwechsel von 200 US$ bei der Ankunft? Ist es mit den Mücken wirklich so schlimm? Es soll keine Internetverbindung geben, die Handys sollen bei der Ankunft beschlagnahmt werden! Mit komischen Gefühlen warten wir auf das Besteigen der Thai International Maschine nach Yangon. Etwa gleich erging es mir als ich vor zwei Jahren nach Karachi (Pakistan) flog. Auch damals wusste ich nicht genau was mich erwartet. Viele Reisende können sich gar nicht vorstellen ihr Zuhause zu verlassen, ohne vorher am Bestimmungsort das Hotel reserviert zu haben. Wir lassen es darauf ankommen. Dies ist mein Reisestil. Unkompliziert. Etwas Spannung muss doch auch sein oder? Bis jetzt habe ich noch überall und immer ein Zimmer gefunden. Etliche Reisegruppen aus Italien, Frankreich und der Schweiz warten auf den Abflug. Alle sind “pikfein” angezogen, einige “Damen” tragen sogar „Stögelischuhe“! Ich komme mir dagegen in meinen Jeans, T-shirt und Turnschuhen fast ein wenig bauernhaft vor. Ich bin vor allem überrascht von den vielen älteren Leuten, die nach Myanmar wollen. Wie kommen die darauf ausgerechnet nach Myanmar zu Reisen? Für Altersausflüge wäre doch eher der Lago Maggiore passend!

4 Destinationen

Der Flug TG 303 mit einem Airbus 300-600 dauert 1 ½ Stunde. Wir haben kaum Zeit das Frühstück einzunehmen. Bei der Immigration kommt es zu einem kleinen Stau. Doch es geht zügig voran. Jeder Individualreisende muss 200 US$ in FEC (Foreign Exange Currency) zwangsumtauschen. Nach Händys wird nicht gefragt und auch das Gepäck wird nur oberflächlich angeschaut. Das erste Schauermärchen hat sich schon einmal als falsch erwiesen.

Solltest Du auf der Fahrt vom Flughafen in die Stadt in einem Taxi von Swallow Transport sitzen und der Fahrer zufällig Win heissen, dann ist bereits garantiert, dass dein Myanmar-Aufenthalt zum absoluten Hit wird. Nach dem Moto “fast but sure – schnell aber sicher” rast Win mit 120 Std/Km ins Stadtzentrum. Der erste Eindruck ist positiv, erstaunend. Die Strasse ist breit und sauber. Es herrscht kein reger Verkehr. Gegenüber Bangkok scheint alles viel gemächlicher zu gehen. Doch es ist Sonntag, vielleicht wird es Morgen ganz anders aussehen. Überraschenderweise sind hier fast keine Velos anzutreffen. Einige Verkehrsampeln im Stadtzentrum sind mit Zeitangaben ausgerüstet. Der Autofahrer weiss somit immer wie lange das Licht noch grün oder rot ist. Die “Oldtimer” sind aus dem Strassenbild verschwunden. Obwohl in Myanmar Rechtsverkehr herrscht, sind die meisten Fahrzeuge für den Linksverkehr konzipiert. Die einzigen Vehikel die auffallen, sind die “Monkey Busse” welche als Transportmittel dienen. Vorgesehen für 22 Passagiere sind sie meisten mit 40 Personen beladen. Die Leute hängen wie Trauben am Bus. Auch das Stadtbild hat sich seit meinem letzten Besuch stark geändert. Dennoch ist der Besuch von Yangon für den aus Bangkok ankommenden Touristen wie eine kleine Zeitreise. Der Beweis, dass die Uhren in Myanmar trotz des Fortschrittes der letzten Jahre anders laufen ist schon der Zeitunterschied von ½ Stunde zu den Nachbarländern Thailand und Bangladesh. Die Woche hat nach burmesischem Kalender zudem 8 Tage (2 x Donnerstag) sodass man hier das Jahr 1340 zählt. Im täglichen Leben wird dieser zum Glück jedoch nicht berücksichtig, was ansonsten ein „schönes“ Durcheinander gäbe!

Vertrauen

Win, unser Taxifahrer ist ein cleverer Geschäftsmann. Er versteht es, uns auf der Fahrt in die Stadt sogleich über unsere Reiseabsichten auszufragen und uns eine Tour mit Privatwagen vorzuschlagen. Weshalb nicht? Ich habe mit dieser Reiseart in Pakistan nur gute Erfahrungen gemacht, vor allem was das Fotografieren anbelangt. Zwei Stunden nach unserer Ankunft sitzen wir in der Lobby unseres Hotels vor der Landkarte Myanmars zusammen. Das Land ist riesig gross, doppelt so gross wie Deutschland und zählt 46 Mio Einwohner. Vom Norden an der chinesischen Grenze zieht es sich bis zum südlichsten Punkt fast über 2000 Km hinweg. Haben Sie gewusst, dass es sogar Schneeberge in Myanmar gibt? Ich auch nicht. Der höchste Berg, Khakaborazi (sprich Kagabujari) ist 5880 Meter hoch! Schnell liegt unser Reiseroute fest. Nichts spezielles, die klassische Myanmar Tour mit dem Besuch des Goldenen Felsen, Bagan, Mandalay und des Inlee Sees. Laut unserem Reiseführer liegt der Richtpreis für die Miete eines Taxis etwa bei 30 US$ im Tag. Win will für die vorgeschlagene Tour (11 Tage) jedoch 620 US$. Wir lassen uns belehren, dass nicht die Anzahl Tage, sondern die Anzahl Destinationen für den Preis massgebend sind. Beinahe sind wir wegen den Preisangaben in unserem Reiseführer auf das Angebot nicht eingegangen. Wir wollen ja nicht knauserig sein, doch in Asien ist es üblich um den Preis zu feilschen. Es gelingt uns nicht den Preis mehr als 20 US$ zu senken. Win bleibt „hart“. Was unser Reiseführer, Ausgabe 2001, nicht weiss, ist dass der Benzinpreis für eine Gallone (etwa 4 Liter) letztes Jahr um mehr als das dreifache gestiegen sein soll. Am meisten Kummer bereitet uns aber die Tatsache, dass wir 300 US$ als Anzahlung leisten sollen! In Indien hätte ich dazu nur müde gelacht. Win scheint mir jedoch ehrlich zu sein, so packen wir nach einigem zögern zähneknirschend die grünen Scheinchen aus. Wir unterschreiben einen Tourvertrag und Win überlässt uns als zusätzliche Garantie seinen Führerschein. Er verspricht uns morgen um 08.30 mit dem Fahrer abzuholen. Das einzige was wir können, ist ihm zu vertrauen. Die Hotelreception bescheinigt uns zur Beruhigung schon mal, dass der hinterlassene Fahrerausweis echt ist.


Unsere Reiseroute

Erster Kontakt

Unser Hotel ist in der Nähe des Bahnhofes gelegen. Zu Fuss entdecken wir die 4 Mio Stadt. Alles ist so anders, neu, fremd. Wir marschieren zur Sule-Pagode. Vor lauter schauen vergessen wir sogar die sengende Sonne. Als erstes fällt dem Neuankömmling die Bekleidung der Leute auf. Alle, Männer sowie Frauen, tragen das traditionelle “Longyi”, ein Sarong ähnliches, um die Taille gewickeltes, knöchellanges Tuch. Zu dieser typischen Bekleidung gehören auch die einheimischen Schlappen, dessen Sohle aus lokalem Gummi oder aus alten Pneu geschnitten ist. Statt eines Händys trägt fast jedermann das Lwe (sprich Luee), eine bunte Umhängetasche aus Stoff. Am meisten Erstaunen verursachen die verschmierten Gesichter der Frauen. „Was haben die denn da für ein Dreck oder Lehm ins Gesicht gestrichen?“ Es ist Thanaka, die Schönheitskosmetik der Burmesinnen. Einige Frauen schauen aus, als ob sie sich für den Karneval von Rio geschminkt hätten! Der erste Kontakt mit den Leuten ist sympathisch, herzlich und freundlich und sollte typisch für unsere ganze Reise werden. In der Sule-Pagode Pagode kommen wir ins Gespräch mit jungen Mönchen. Die Zeit vergeht viel zu schnell. Wir müssen weiter, denn wir dürfen bei unserem kurzen Aufenthalt auf keinen Fall die grosse Sehenswürdigkeit, die Schwedagon-Pagode, verpassen. Den Marsch dorthin unterschätzen wir allerdings etwas. Meine Aufmerksamkeit richtet sich nach möglichen Internets. Für einmal stimmt die Angabe im Reiseführer. Man kann wohl Mails in Hotels senden und empfangen, nicht aber über das World Wide Web (www) verfügen.
Die graziöse Silhouette der 100 Meter hohen Schwedagon Pagode ist schon von weitem zu sehen. Ganz zu oberst steht ein vergoldeter Schirm mit Edelsteinen dekoriert. Darüber weht eine metallene Fahne die mit 1090 Diamanten und 1338 weiteren Edelsteine verziert ist. Das Ende der Fahnenstange bildet eine goldene Kugel von 25 cm Durchmesser in der 4350 Diamanten, darunter ein Diamant mit 76 Karat Gewicht, eingelegt ist. Kurz vor Sonnenuntergang treffen wir bei der Pagode ein. Der südliche Eingang wird von zwei riesigen Löwenfiguren (in der burmesischen Mythologie „chinthei“ benannt) bewacht. Wie überall in den Pagoden, muss man Schuhe und Socken ausziehen. Über eine Rolltreppe gelangt der Besucher zur Terrasse wo auch gleich das Kassierhäuschen steht: der Eintritt kostet 5 US$. Der Anblick ist eindrucksvoll, überwältigend. Man weiss gar nicht richtig wo hinschauen. Ein Wald von Pagoden, Buddhafiguren und Fabelwesen. Alles ist so fremd, mystisch, faszinierend. Die Nacht fällt herein. Die Flutlichtbeleuchtung wird eingeschaltet. Vermutlich werden uns demnächst die Mücken überfallen. Meine Schwester “duscht” sich mit Mückenspray. Wir beobachten, wie viele Gläubige einen kleinen Buddha aus Alabaster mit Wasser begiessen. Ein älterer, freundlicher Herr erklärt uns den Grund. Jeder Wochentag ist einem Planeten zugeordnet. Wer z.B. am Mittwoch geboren ist, muss die Prozedur beim Planeten Merkur vollbringen. Auch wir werden dazu aufgefordert. Doch an welchem Tag bin ich geboren? Wir einigen uns auf Sonntag. Ich begebe mich zum Planeten Sonne. Für jedes Altersjahr + 1 muss ich die Figur mit einer kleinen Schale Wasser begiessen, also 55 Mal. Wie in einem Film zieht mein bisheriges Leben vorbei: 10 Wasserschalen, 20, 30, 40, 50, 55! Welch eine Wasserverschwendung.


Begegnungen in der Sule-Pagode


Begegnungen in der Sule-Pagode


Shwedagon-Pagode

Plan B

Zurück im Hotel stelle ich meiner Schwester das morgige Programm vor, sollte Win mit unserem Geld verschwunden sein. Plan B nennt man so was in den Philippinen. Um 08.30 Uhr ist noch niemand erschienen. Die Spannung steigt. Doch wir haben uns nicht getäuscht. Mit Erleichterung begrüssen wir unseren Fahrer Maung Maung (sprich Mo Mo) und seine Frau Mi Mi die als Begleiterin mitfahren wird. Bevor wir Yangon zu unserer ersten Destination, den Goldenen Felsen, verlassen, müssen wir noch Geld wechseln. Für 1 FEC gibt es 750 Kyat (sprich tschat), für 1 US$ cash deren 1050. Bei 50 US$ erhält man ein so riesiges Bündel Banknoten, dass man gar nicht weiss wohin damit! Endlich geht es los. Ausgangs Yangon will Maung Maung noch seinen “Grandfather – Grossvater” besuchen. Wir haben nichts dagegen und finden dies sei eine sympathische Geste. Kurz darauf hält er vor einem kleinen Tempel in der eine menschliche Figur steht. Er betet diese an und opfert einen Blumenkranz. Stillschweigend kommt er ans Steuer zurück, fährt einen Meter vorwärts, dann einen rückwärts und wieder vorwärts. Wir sind von dieser unerwarteten Prozedur perplex. Er hat doch gesagt, er wolle sein Grossvater besuchen! Auf der Weiterfahrt wird der Arme von Fragen bombardiert. Er erzählt uns, dass der „Grossvater“ ein Nat, ein guter Geist ist, welcher die Reisenden unterwegs beschützt. Von seinen Erklärungen über Myanmars Geisterwelt haben wir allerdings nicht wenig begriffen. Nach drei Stunden Fahrt auf Myanmars besten Strasse, erreichen wir Bago (Peru). Bago war früher eine wichtige Hafenstadt und 1365 die Hauptstadt des Monreiches. Im Laufe der Zeit ging das Meer zurück und die Stadt verlor allmählich seine Bedeutung. Das Hauptheiligtum und Wahrzeichen der Stadt ist die Shwe-maw-daw-Pagode. Da der Eintritt 10 US$ kosten soll und wir von der Zeit her etwas spät sind, verzichten wir auf einen Besuch.

Nach der Mittagspause fahren wir gleich weiter, um den Aufstieg zum “Goldenen Felsen” rechtzeitig in Angriff nehmen zu können. Unser 20jähriger Toyota-Corolla führt uns durch ein von Kanälen durchzogenes Reisanbaugebiet. Dank der Fruchtbarkeit des Gebietes sind hier 2 Reis- und meistens noch eine Erdnuss- oder Sojabohnenernte pro Jahr möglich. Die Fahrt ist abwechslungsreich. Zahlreiche Stände mit ziegelroten Töpferwaren, Liegestühle aus Bambus, handballgrosse, zitronengelbe Pomelos sowie dunkelgrünen Wassermelonen laden zum Anhalten an. Die Mangobäume biegen sich fast unter der Last der traubenförmigen kleinen Blüten. Wir fahren an Sonnenblumenfeldern vorbei. Wie farbige Tupfer in der grünen Landschaft wirken überall die leuchtend weissen, orangen- und rosafarbigen Blumen der Bougainvilla-Sträucher, feuerrote Flammenbäume, sowie die blattlosen, „nackten“ Frangipanibäume. Der erfrischende Wind wird plötzlich durch einen stinkenden Geruch abgelöst: Fische werden hier in der Sonne getrocknet. Wir kreuzen Ochsenkarren sowie mit Leuten, Körben, Säcken und Kartonschachteln vollgepferchte Lastwagen. Wir begegnen Schülern, erkennbar an ihrer Uniform mit weissen Hemden und grünen Longyis, Reisbauern und sogar einem Begräbnis. Nach sechs Stunden Fahrt sind wir in der Provinzstadt Kyaikto (sprich Tschaito) angekommen. Nach weiteren 20 Minuten erreichen wir Kimmoon Camp, das Basislager für den Aufstieg zum “Goldenen Felsen”. Junge Früchteverkäuferinnen warten darauf, den Touristen Orangen und Bananen zu horrenden Preisen zu verkaufen. Träger bieten sich an, das Gepäck auf dem ca. 12 Km langen Weg zu übernehmen. Am einfachsten auf den Berg zu gelangen, ist Platz auf der Ladefläche eines LKW’s zu nehmen. Der Preis beträgt 350 Kyats (ca. 50 Rappen), neben dem Fahrer kostet es 2000 Kyats (2 US$). Eigenartigerweise hat es meistens nur noch vorne neben dem Fahrer Platz! Die 45-minütige Fahrt durch die bergige Landschaft führt über eine asphaltierte steile Strasse. In Ya That Taung „Endstation“ müssen die Touristen aussteigen. Währenddem die Einheimischen den restlichen Weg zum Gipfel mit einem anderen LKW erreichen, müssen die Ausländer den Weg zu Fuss zurücklegen.

Steiler Aufstieg

Für ältere Touristen oder solche mit wenig Kondition werden komfortable Sänften angeboten, die von vier kräftigen Burschen getragen werden. Der Preis richtet sich nach dem Gewicht des zu Tragenden. Überzeugt, den Aufstieg ohne fremde Hilfe zu schaffen, starte ich zügigen Schrittes. Die erste Haarnadelkurve ist unheimlich steil, auch die nachfolgende. Das wird doch wohl nicht so bis zum Gipfel weitergehen? Es sind auch einige Einheimische zu Fuss unterwegs. Spielend leicht hole ich diese ein und ziehen lächelnd an ihnen vorbei. Nach zehn Minuten muss ich mein Tempo drosseln. Immer mehr komme ich in Sauerstoffschuld. Ich muss anhalten,  verschnaufen. Entgegenkommende Sänfteträger machen das Angebot mich für 4000 Kyats hinaufzutragen. Ich, als Himalaya-Erfahrener Trekker? Niemals! Ich raffe mich auf. Zahlreiche Restaurants bieten Verpflegung und Getränke an. Ein kühles Cola oder Bier wäre jetzt nicht zu verachten. Die Sonne brennt erbarmungslos. Die Steigung lässt nicht nach, im Gegenteil. Je weiter ich komme, desto steiler empfinde ich sie. Ich schalte immer öfters Ruhepausen ein. Die Waden schmerzen. Dass ich angeschlagen bin, haben anscheinend auch die Sänftenträger bemerkt. Sie wittern ein Geschäft und hoffen wohl, dass ich demnächst aufgebe! Mit leerer Sänfte begleiten sie mich. Für 3500 Kyats würden sie mich den restlichen Weg tragen. Doch ich bin hart mit mir selbst. Bald habe ich es geschafft. Der letzte Teil des Weges führt an zahlreichen Verkaufständen vorbei. Heimische Medizin, Bärenpfoten, Felle seltener Tiere, Affenblut sowie Schlangeninnereien werden angeboten. Der Weg wird flacher. Nach einer Stunde habe ich das Heiligtum auf 1100 m ü.M. erreicht.


Der "Goldene Felsen"

Kippt er oder kippt er nicht? "Angsana New"

Eine Treppe führt hinauf durch ein Torbogen zum Eingang des heiligen Ortes. Bevor ich der herrliche Ausblick von der Bergspitze aus geniessen kann, darf ich 6 US$ für den Eintritt bezahlen. Wie bei jedem Tempel und Heiligtum in Asien, müssen die Besucher die Schuhe ausziehen. Oben angelangt, ebnet eine breite, weite, wie zehn Fussballfelder grosse Terrasse aus Marmorplatten den Weg zum Goldenen Felsen. Trotz der spätnachmittäglichen Sonne, sind die Marmorplatten so heiss, dass man sich schon nur bei kurzem Stehenbleiben die Fusssohlen verbrennt. Der Spektakel der unzähligen Tempel die sich im Himmel mitten in einer wilden Landschaft von dunkelgrünen Bergen abzeichnet ist beeindruckend. Überall fallen die zahlreichen „Aquarien“, Geldboxen für die Spenden. Geld spenden ist etwas vom Wichtigsten im religiösen Leben eines Buddhisten. Durch Geldspenden erwirkt er Verdienste. Er zahlt sozusagen auf ein Konto ein, von welchem er in nächsten Leben profitieren kann. Auch der Besuch des „Goldenen Felsen“ ist für jeden Buddhist ein wichtiger Augenblick in seinem religiösen Weg. Er erhält damit aber auch die Nachsicht und der Schutz der Nats, der burmesischen Geister. Nicht ohne Emotionen selber an diesem mystischen Ort zu stehen, nähere mich dem “Goldenen Felsen”. Hätte ich nicht schon Bilder vom Felsen gesehen, würde ich beim ersten Anblick wohl erschrecken und die Leute darunter mit „Vorsicht, Felssturz!“ warnen. Dieser steht auf der vordersten Kante einer Felsenklippe und scheint wirklich jeden Augenblick in den Abgrund zu stürzen. Ein kleiner Windstoss würde genügen. Doch er steht im Gleichgewicht und dies bereits seit Jahrtausenden. Magie? Zauber? Gemäss der Legende sorgt eine Haarreliquie im kleinen Tempel auf dem Fels für die Balance. Männliche Pilger zieren den Felsen mit unzähligen Goldblättchen und stecken Banknoten unter den Felsen. Frauen ist es verboten den Felsen zu berühren.

Der kleine Tempel soll bereits zu Lebzeiten Buddhas geschaffen worden sein. Ein Einsiedler, dem Buddha eines seiner Haare geschenkt hatte, wahrte dieses als Reliquie in seinem Haarknoten auf. Er wollte diese aber nur einem Tempel geben, der auf einem Felsen stand und seinem Kopf ähnlich sah. Mit Hilfe des Königs der Nats, schaffte man einen solchen Felsen herbei und errichtete darauf der heutige Tempel.

Der Abstieg

Maung Maung mahnt uns, nicht zu spät abzusteigen. Der letzte LKW zurück nach Kimmoon fährt um 18.00 ab. Durch Filmaufnahmen für eine TV-Serie mit einer berühmten Sängerin werden wir jedoch während einer Viertelstunde aufgehalten. Zügigen Schrittes geht es hinunter. Es ist 18.07 Uhr als wir bei unserem Startpunkt zurück sind. Ein halbvoller LKW steht noch da. Glück gehabt! Wir wollen hinten einsteigen, doch dies wird uns verwehrt. Maung Maung ist erbost. Es kommt zu einem kurzen Wortgefecht. Wir dürfen den LKW nicht benützen. Der Grund ist uns nicht bekannt. Doch wir sind ja nicht blöde. Die wissen haargenau, dass wir nach Kimmoon zurück müssen und wollen natürlich, dass wir einen LKW für uns alleine mieten. Genau so ist es. 10’000 Kyats (10 US$) wollen sie! Tja, dass die Leute hier oben schon so “geschäftstüchtig” sind, hätte ich nicht erwartet. Maung Maung ist es nicht recht was da passiert. Wir bezahlen und nehmen Platz auf der Ladefläche. Nach einigen Kilometern hält der Fahrer an, um eine Gruppe Einheimische aufzuladen. Aber nein, was denkt der sich eigentlich? Lässt uns 10’000 Kyats bezahlen, um andere Leute gratis aufzuladen? Geht es dem noch? Maung Maung lässt dies die Leute auch wissen. Einige sind schon am Aussteigen, aber wir sind ja nicht so. Ein Dankeschön für das Mitnehmen hätte uns dennoch gefreut.


Orangenverkäuferin

Von Bäumen und Kulturen

Unsere erste Destination, abgesehen vom kleinen Zwischenfall bei der Rückfahrt, war ein absoluter Höhepunkt. Zu meiner Überraschung habe ich am folgenden Tag nicht einmal Muskelkater. Über den Ort Waw geht es die gleiche Wegstrecke fast bis nach Yangon zurück. Die Rückreise wird zu einer kleiner Studienreise über Myanmars Flora. Bei jedem uns unbekannten Gewächs halten wir an um uns dieses genauer anzuschauen. Maung Maung hat an unserem Interesse und Neugier auch Freude und erklärt uns alles. Wir lernen so die Kaschunussbäume kennen. Auch die schlanke Arecapalme an der die Nationaldroge des Landes, die Arecanuss, fälschlicherweise Betelnuss genant, wächst. Wir halten bei Plantagen die aussehen wie Stangenbohnen. Es handelt sich dabei um eine Betelnussblätterplantage. Die Arecanüsse werden in diese Blätter gewickelt und mit diversen Gewürzen und Kalk dann gekaut. Die Nuss enthält mehrere Giftstoffe und leicht narkotische Substanzen. Zu Mittag sind wir wieder in Bago angelangt. Auch diesmal besuchen wir die Pagode nicht, denn 10 US$ Eintritt zu verlangen, finde ich als eine “Abreisserei”. Das Touristenministerium welches diese Preise festlegt muss nicht meinen, dass alle Touristen so blöd sind. Solange jedoch die ausländischen Touroperators dagegen nichts unternehmen und den Preis einfach bezahlen, wird sich wohl nichts ändern. Stattdessen besuchen wir die etwa fünf Kilometer ausserhalb der Stadt liegende Kyaik-pun (sprich Tsachi-pun) Pagode mit vier dreissig Meter hohen Rücken an Rücken sitzenden und in jede Himmelsrichtung blickenden Buddhas.

Inzwischen sind wir auf der Nationalstrasse Nr. 2 angelangt und fahren Richtung Norden. Bis zum heutigen Etappenziel, Pyai (Prome) ist es noch ein langer Weg. Zum Glück ist die Strasse breit und in einem sehr guten Zustand. Grosse, knorplige, schattenbringende Bäume, Kokas genannt, säumen die Strasse und sorgen für etwas Abkühlung in der Mittagshitze. Wir stoppen bei einem Baumwollfeld. Es folgen Tamarind- und Eucalyptusbäume. Letztere sind an ihren schmalen Stämmen mit weisser Rinde und ihren spitzigen Blättern erkennbar. Entlang der Strecke folgen unzählige Zuckerrohrplantagen. Auch hier sind die Mangobäumen in vollen Blüten. Farbenprächtige Flammenbäume und grosse Bougainvillas zieren auch hier überall die Landschaft. Zwei ausserordentlich farbenprächtige Bäume ziehen uns besonders in den Bann: der Plossobaum (Butea monosperma) mit seinen schiffchenförmigen orangen und der Rote Baumwollbaum (Bobax malabaricum) mit seinen leuchtroten Blüten. Nach dieser ausgiebigen Florakunde nähern wir uns bei Dunkelheit dem Tagesziel, Pyai. Die Stadt liegt am Ayeyarwaddy Fluss, dem bedeutendsten Strom und Hauptverkehrsader des Landes. Eingangs Stadt leuchtet im Scheinwerferlicht das Monument von Aung San, dem Nationalhelden Myanmars (1948 ermordet), Grossvater der jetzigen Oppositionsführerin.


Bild links: Plossobaum - Bild rechts: Roter Baumwollbaum


Unterwegs...

Kein Tempolimit Innerorts

Unser Hotel “Smile” stellt sich erneut als Überraschung heraus. Ich bin erstaunt, wie gut die Hotels in der Preisklasse bis zu 20 US$ sind und dies ausserhalb der grossen Zentren. Die Konstruktion ist manchmal etwas eigenartig, dafür heisst unser Hotel wohl auch “Smile – lächeln”. Der WC-Sitz ist so tief, dass man beim Benützen jedesmal das Gefühl hat auf den Boden zu fallen, der Spiegel ist hingegen so hoch, dass man einen Stuhl braucht, um sich darin zu sehen.

Die Sehenswürdigkeit der Stadt ist die Shwe-hsan-daw-Pagode, die zu den heiligsten des Landes zählt. Von der Terrasse hat man einen herrlichen Ausblick auf die Stadt und den Ayeryarwaddy, der mit seinen 2000 Km der  längste Fluss Myanmars ist.

Die Strasse ist nicht mehr so gut, vor allem so schmal, dass sich zwei Fahrzeuge kaum kreuzen können. Bei jedem entgegenkommenden Lastwagen zuckt meine Schwester zusammen, ehe Maung Maung im allerletzten Moment ausweicht. Meistens muss er ausweichen! Da unser Toyota rechts gesteuert ist, sind die Überholmanöver meistens heikel. Mi Mi ist ihm dabei behilflich und jedes Mal wenn die Strecke frei ist ruft sie „Djo, djo! - Geh, geh!“.

Myanmar ist sehr stark vom Buddhismus geprägt. Die Religion ist allgegenwärtig. Entlang der Strasse werden die Autofahrer mit lauter Musik aus Marconi-Lautsprechern (Marconi - Erfinder des Grammophons) zum Anhalten und Geldspenden aufgefordert. Meistens geht Maung Maung nur etwas vom Gas und braust an den verdutzten jungen Mädchen mit ihren versilberten Sammelschalen vorbei. Ein einziges Mal stoppt er brüsk ab. Einmal im Jahr wird für die Nats (Geister) ein grosses Fest abgehalten. Diese seltene Gelegenheit will er uns nicht vorenthalten. Eine anschauliche Zahl Gläubiger hat sich unter einem Vorbau aus Bambus zum Beten versammelt. angesammelt. Als sich noch zwei Touristen zu ihnen gesellen, ist scheinbar die Sensation perfekt. Es herrscht ein riesiges Geschnatter und die Leute schauen uns mit Verwunderung an. Einige berühren uns mit den Händen. Maung Maung und Mi Mi machen uns den Weg frei nach vorne, wo eine mit Opferblumen beschmückte Nat Figur steht. Die ganze Ambiance ist so mystisch, dass etwelche Emotionen aufkommen. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wie die Figur eigentlich ausgesehen hat. Ich werde von einem Nokada (Tänzer) aufgefordert mitzumachen. Das Volk ist vergnügt und krümmt sich vor Lachen, als ich versuche, die graziösen Gesten nachzumachen. Wir müssen weiter. Auf halbem Weg nach Bagan erreichen wir das karge, regenarme Gebiet von Myanmar. Die farbenprächtigen Blumen werden durch Kakteen und Agavenpflanzen abgelöst. Wir fahren an Ölbohrtürmen vorbei! Tja, Myanmar wäre aufgrund seiner Bodenschätze wie Erdöl, Erdgas, Edelsteinen und Jade sehr reich. Leider ist es jedoch eines der wenigsten entwickelten Länder in der Welt. Noch in den 50er Jahren konnte das Land mit dem Nachbarland Thailand verglichen werden. Heute ist die Kindersterblichkeit höher als in Bangladesh, die Ärztedichte niedriger als in Afghanistan!

Der Verkehr auf den Strassen und in den Dörfern ist nun durch Kaleschen geprägt. Eine Innerortsgeschwindigkeit scheint es in Myanmar nicht zu geben. Maung Maung rast hupend durch die Dörfer! Die Leute stehen fahrlässig nahe am Strassenrand und weichen nur zögernd aus, als ob es ihnen nichts ausmachen würde überfahren zu werden. Es ist schon Spätnachmittag. Die Sonne neigt sich immer mehr. Es ist 17.30 Uhr. Der Himmel verfärbt sich goldgelb und rosa. Kurz bevor die Sonne den Horizont berührt, verwandelt sie sich in eine dunkelrote Kugel. Der Sonnenuntergang durch die Palmenhainen ist der krönende Höhepunkt des Tages. Wir kommen auf der schlechten Strasse nur mühsam vorwärts. Es ist schon lange dunkel als wir endlich unserer 2. Destination, Bagan, ankommen.

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©1999-2012 Text und Foto Willy Blaser, willyblaser@hotmail.com