| Mabuhay - Reiseberichte |
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Das Wunder von Bagan Zum Sonnenaufgang steigen wir auf die Terrasse der Mingala-zedi Pagode. Die stimmungsvolle Aussicht im morgendlichen Nebel über die mit tausenden von Monumenten übersäte Ebene von Bagan ist eindrücklich, einmalig. Die UNESCO hat Bagan zum Weltkulturerbe erklärt und nicht weniger als 2229 Ruinen offiziell registriert. Forscher schätzen die einstige Zahl der Bauten auf 12’000! Einige Tempel besitzen wunderschöne Buddhafiguren und Wandmalereien. Nach der Besichtigung der wichtigsten Heiligtümer habe ich jedoch die Nase voll und es ist mir nach dem 30. Buddha eigentlich egal ob dieser nun lächelt oder nicht oder ob nun sein Ohrläppchen bis auf die Schulter reicht. Um Maung Maung und Mi Mi nicht zu beleidigen, überlasse ich es meiner Schwester die Besichtigung mit ihnen weiterzuführen. Denn für die Beiden ist jede Buddhastatue von grosser Wichtigkeit. Mit Ehrfurcht knien sie davor und beten. Sie spenden auch jedes Mal etwas Geld. Geldspenden gehört zum Wichtigsten. Ganze Gruppen von Einheimischen sind in Bagan auf der Pilgerung unterwegs. Frauen aus dem Süden Myanmars halten gleich bündelweise 100 Kyat Noten in ihren Händen. Ich bleibe lieber draussen, um mit den Postkartenverkäuferinnen zu schwatzen. Die eine erzählt voller Stolz, dass sie sieben Sprachen sprechen kann. Ich lasse sie aufzählen. “kann Dir eine achte beibringen, Thailändisch!”, doch sie winkt ab. Tja, Thailand scheint nicht gerade so beliebt zu sein. Von den Ausschreitungen kürzlich in Phnom Penh (Kambodscha) als die thailändische Botschaft aus Wut von der Bevölkerung in Brand gesteckt wurde, gar nicht zu sprechen. Wiederum schlage ich mir eine Zehe blutig. Herrgott nochmal, kann ich eigentlich nicht barfuss gehen? Muss ich mir auch noch einen Gummischutz für meine Zehen beschaffen? Interessiert schaut die Schar von Postkartenverkäuferinnen zu, wie mich meine Schwester verarztet. Auch ein kleiner Junge mit einer klaffenden Augbrauenverletzung ist dabei. Sofort nehmen wir uns ihm an. Er hat sich die Verletzung bei einem Velozusammenprall vor einigen Stunden zugezogen. Niemand kümmert sich um ihn. Das muss doch sofort genäht werden! Wir bringen ihn zum Rotkreuzsanitätsposten. Zu einer grossen Entdeckung wird die burmesische Küche. Maung Maung empfiehlt uns heute das sog. Myanmar-Buffet mit verschiedenen Curries. Burmesische Curries sind im Vergleich mit indischen mild gewürzt, jedoch viel fettiger. Etwa 20 Schalen mit Fleisch, Gemüse und Tofu werden aufgetischt. Ein absoluter Genuss. Und erst noch billig. Selten kostet unser Essen für 2 Personen mehr als 3000 Kyats (3 US$). Am teuersten ist das Bier: 1200 Kyats für das lokale „Myanmar“. Eine Cola-Dose kostet 600 Kyat. Mit grosser Spannung warte ich auf den Sonnenuntergang. Maung Maung hat uns ein ideales Plätzchen zum Fotografieren ausgesucht. Ohne Touristen, fast ohne Touristen. Die Stimmung der spätnachmittäglichen Sonne ist fantastisch. Die roten Backsteinbauten leuchten im warmen Sonnenlicht. Als sich die Sonne am Horizont in eine dunkelrote Kugel verwandelt, ist das erhoffte Foto perfekt.
Longyi, Thanaka und Zigarren Die Pagodenbesichtigung ist zwar interessant, der direkte Kontakt mit Leuten ist es jedoch viel mehr. Wir besuchen daher den Markt. Überall gibt es Longyis zu kaufen. Wir erfahren, dass die Männer nur karierten Stoff tragen dürfen, die Frauen haben hingegen eine grössere Auswahl. Auch das Tragen ist unterschiedlich. Die Männer wickeln das Tuch anders um die Taille als die Frauen. Die Verkäuferin frägt meine Schwester, ob sie “Lady made” Longyis kaufen möchte? Verdutzt schauen wir die Verkäuferin an. “Ach, dann gibt es auch Longyis die von Männern hergestellt werden?” Die Verkäuferin ist verwirrt. Endlich begreifen wir was sie meint. Da die Asiaten den „R“ nicht aussprechen können, heisst “Lady made” eben “Ready made – fertig erstellt”! Wir krümmen uns vor Lachen. Unübersehbar in ganz Myanmar sind auch die in etwa 15 cm lange Stücke geschnittenen dünnen Stämme des Sandelholzbaumes (Limonia acidissima). Die Baumrinde wird mit Wasser auf einem Mahlstein zerrieben und ergibt eine Paste, die vollflächig, meist jedoch kreisförmig auf die Wange und die Nase aufgetragen wird. Mit ihren verschmierten Gesichtern sehen die Frauen aus als ob sie sich für den Karneval in Rio geschminkt hätten. Thanaka gilt als die Schönheitskosmetik des Landes. Eine weisse Hautfarbe ist, wie überall in Asien, schön und begehrenswert. Eine zu dunkle ist das Zeichen für harte Arbeit im Freien und Armut. Einige Frauen und Mädchen lassen sich die Paste schmuckvoll in Form eines Blattes auf die Wange malen. Die Paste wird aber nicht nur als Schmuck aufgetragen, sie dient vielmehr der Kühlung in den heissen Tagen und soll vor der Sonne schützen. Die Frauen sind besonders erfreut, wenn sich männliche Touristen für die Thanakapaste interessieren. Zum grössten Vergnügen aller lasse ich mich “bemalen”. „You, very soft skin – Sie haben eine weiche Haut“, meint die Dame, welche mir die Paste ins Gesicht einstreicht. Als Dank erwidere ich „Tschitte – Ich liebe dich!“ Es herrscht grosses Gelächter. Myanmar ist auch berühmt für seine Zigarren. Im Markt begegnen wir einigen alte Frauen, die diese, in ein Maisblatt eingewickelten Zigarren rauchen. Sie sehen aus als ob würden sie einen riesigen Joint paffen würden! “Cheeroots” heissen die grünen, kleinen Zigarren, die im ganzen Lande mit unterschiedlichen Zutaten hergestellt werden. Jede Region hat so seine eigenen Zigarren.
Vom Palmsaft zum Palmzucker Auch Bagan, unsere zweite Destination, war sehr eindrucksvoll. Der nächste Höhepunkt sollte gleich folgen. Ab Bagan fahren wir ostwärts. Die Landschaft ist geprägt durch unzählige schlanke Palmyrapalmen (Borassus flabellifer) auch Borassuspalme genannt. Die palmenförmigen Blätter in der Krone sehen wie riesige Staubwischer aus. Diese werden auch für die Herstellung von Körben und Dächer benützt. Der Palmsaft wird in den Monaten Januar bis April geerntet. Jede Palme ergibt am Tag bis zu zwanzig Liter Palmsaft. Zweimal täglich, morgens und abends, werden die runden schwarzen Eimer in der Krone ausgewechselt. Entlang der Strasse stehen Dutzende von Ständen, die ihre Produkte anbieten. Man kann den Bauern beim Einsammeln des Palmsaftes zuschauen. Als wir vor einer kleinen Bambushütte anhalten, werden frisch geerntete Erdnüsse zu Öl gepresst. Ein Ochse zieht unablässig seine Kreise und aktiviert dabei einen Mörtel. Die Leute wissen was die Touristen sehen wollen. Der Bauer hängt sich drei leere Eimer um die Hüfte und klettert mit Hilfe einer einfachen Bambusleiter leichtfüssig den Stamm hinauf. Er wechselt die Kessel aus und schneidet beim Fruchtansatz, woraus der klare Saft austritt, ein Stück weg. Der Kessel wird am Abend wieder voll sein. Zurück in der Hütte wird der Saft aufgekocht bis er kristallisiert. Es entsteht dabei eine braune Masse, die zu kleinen runden Bonbons geformt wird. Der Palmzucker wird in schmucken kleinen handgeflochtenen Körbchen zum Verkauf angeboten. Das "Zeug" ist so lecker, wir kaufen gleich die ganze Produktion auf!
Mount Popa, Sitzt der Nats Die Strasse steigt bis über 1000 M ü.M. In der Ferne erhebt sich der 1518 Meter hohe Mount Popa. Als Mt. Popa bekannt ist jedoch ein kleiner Vulkankegel am Fusse des Berges, auf dessen Gipfel eine glänzende Pagode steht. Mt. Popa ist auch die Heimat der Nats. Um den Geisterglauben zumindest zu begrenzen und in die buddhistische Kosmologie zu integrieren, wurden die Nats auf offiziell 37 beschränkt. Diese 37 Nats sind in einem kleinen Tempel zu sehen. Eine Schar von Pilgern beten die Figuren an. Eine fällt besonders auf. Es ist ein Mann auf einem Pferd, Mister Jo. Er trank gerne Alkohol, weshalb die Gläubigen ihm ab und zu eine Flasche Rum opfern! Der steile Aufstieg auf den überdachten Treppen ist wie überall von unzähligen Läden, meistens Souvenirläden für fremde wie einheimische Touristen besetzt. Es ist zwar weniger anstrengend als hinauf zum “Goldenen Felsen”, dennoch gehen die 717 Treppen “in die Knie”. Entlang des Weges tummeln sich unzählige Affen herum. Seitdem mir in Bali vor vielen Jahren ein solches "Viech" meine Brille geklaut hat, bin ich sehr misstrauisch geworden. Ab und zu werden Leute auch gebissen, was sehr gefährlich sein soll. Der Aufstieg lohnt sich schon nur wegen der schönen Aussicht auf die weite Ebene. Am Fusse der Treppe mache ich erstmals Bekanntschaft mit den Myanmar-Toiletten. Infolge eines plötzlichen unerwarteten Druckes in der Magen-Darm-Gegend muss ich dringend das WC-Häuschen aufsuchen. Als ich die Tür öffne fliegt mir zunächst ein Schwarm surrender schwarzen Fliegen entgegen. Der Gestank ist übel, doch in der Not hat man keine Wahl.... Die Weiterfahrt nach Mandalay führt über eine sehr schlechte Strasse, voller Schlaglöcher. Zeitweise fahren wir Slalom. Es gibt zwar eine neue Strasse welche parallel zur alten verläuft, diese ist aber noch nicht geteert und wird nur von Velofahrer benutzt. Maung Maung nimmts gelassen. Er scheint „happy“ und singt laut vor sich hin. Die Landschaft ist nun sehr karg. Die einzige Augenweide sind unzähligen kleinen weissen Pagoden, die überall an den Hügelketten kleben.
Die Königsstadt Mandalay Die Sonne liegt schon tief am Horizont, als wir in der zweitgrössten Stadt Myanmars, Mandalay (1 Mio Einwohner), eintreffen. Grosse Werbeplakate für chinesische Zigaretten fallen an Strassenkreuzungen auf. Es gibt auch eine Reklame für “Marble Cigarettes from Switzerland”. Maung Maung fragt mich, ob ich diese kenne? Noch nie gehört! Als er vor dem Eingang des feudalen Airport-Hotels stoppt, fragen wir uns, was hier wohl wollen! „Was? Wir sollen hier übernachten! Soll das ein Witz sein?“ Ich fühle mich in solchen “Kästen” nicht wohl. Das ist etwas für “Mehrbessere” oder solche, die es gerne sein möchten, oder für Reisegruppen. Zu viert bieten sie sich an, unser Gepäck in die Lobby zu tragen. Ich brauche doch keine Träger! Ich kann mein Gepäck selber tragen! Überall steht eine Menge Dienstpersonal umher. Die riesige Lobby ist leer. Anscheinend sind wir die einzigen Gäste! Jede unserer Bewegungen wird von 20 Augenpaaren mitverfolgt. Die denken vermutlich wir seien reiche Leute! So wie wir aber gekleidet sind, sehen wir eher wie das Gegenteil aus. Wir werden auf die erste Etage geführt. Auch hier ein riesiger Vorraum. Man könnte darin Tennis spielen. Der Teppich ist voller Falten, sodass man bei jedem Schritt zu stolpern droht. Gleich zu sechst stehen hier die Roomboys in einer Reihe und begrüssen uns mit einer Verbeugung. Das Zimmer ist eher enttäuschend, klein, voller Mücken. Im Badezimmer gibt es für die Gäste chinesische Seife, chinesische Zahnpasta und chinesische Zahnbürsten. Im abendlichen TV-Programm wird auf dem Satellitenkanal der Fussballmatch 1860 München – Bayern München übertragen. Die verehrteste Buddhafigur Beim Frühstück treffen wir auf zwei andere Gäste! Wir waren also doch nicht ganz allein. An unserem Frühstückstisch wimmelt es nur so von Moskitos. Riesige Viecher, zum Glück sind sie nicht aggressiv und begnügen sich uns anzuschauen. Schon früh herrscht in den Strassen der ehemaligen Königsstadt lärmiger Verkehr. Mandalay hat sich zu einem bedeutenden Handelsplatz und zu einem boomenden Wirtschaftszentrum entwickelt. Seit einigen Jahren floriert der Handel mit China. Viele chinesische Händler sind in der Stadt ansässig. Ich bin überrascht, wie wenig thailändische Ware in den Läden anzutreffen ist. Nur gerade das Glutamat “Ajinomoto” und Erfrischungstüchlein sind in den Regalen zu finden. Der Grund ist einleuchtend: chinesische Ware ist um die Hälfte billiger. Die Sehenswürdigkeit der Stadt ist der Königspalast, doch dieses Eintrittsgeld ersparen wir uns, da dieser vom Militär bewohnt ist und die Sehenswürdigkeiten scheinbar alle zerstört wurden. Stattdessen besichtigen wir den 3.8 Meter hohen Mahamuni-Buddha. Der Tempel gehört, nebst dem “Goldenen Felsen” und der Schwedagon Pagode zu einem der drei wichtigsten Heiligtümer des Landes. Der Besuch führt wie immer barfuss über lange überdachte Hallen mit eng aneinander gereihten Verkaufsständen. Man wähnt sich eher in einem Basar, als im heiligsten Ort des Landes. Es herrscht ein reges Treiben. Ein endloser Strom von Pilgern zieht zur grossen Buddha-Figur. Als Opfergabe kaufen die Pilger Blumensträusse aus Gladiolen, roten Rosen, gelben und weissen Chrysanthemen, Kokosnussblüten sowie Winflower Blättern. Vor dem Eingang zum Buddha werden die Besucher nach Geschlecht getrennt. Nur Männer haben direkten Zugang zum Tempel. Die Frauen müssen draussen sitzen und beten. Männliche Gläubige betreten den Altarraum und kleben der Figur Goldblättchen auf. Das Gesicht wird dabei ausgelassen. Die Buddhafigur trägt eine Krone und königlicher Schmuck. Der Körper des Buddhas ist unter den Millionen von Goldblättchen kaum mehr zu erkennen. Nach Angaben der Pagodenverwaltung kleben etwa 225 Kg Goldblättchen an der Figur. Nach unserer Rückkehr vom Altar, streichelt Maung Maung seiner Frau mit beiden Händen über die Schulter um ihr so den Segen des Buddhas weiterzugeben.
Vom grössten Buch zur längsten Teakholzbrücke der Welt Ein weiteres sehenswertes Gebäude ist die Kutho-daw-Pagode, welche mit 729 kleinen weissen Pagoden umgeben ist. Als König Mindon 1871 die 5. Buddhistische Weltsynode nach Mandalay einlud, einigten sich in deren Verlauf 2'400 Mönche auf eine einheitliche Fassung des Tipitakas (Schriften des Theravada-Buddhismus). Diese wurde anschliessend auf kleine Marmortafeln eingemeisselt, so dass die Anlage auch “grösstes Buch der Welt” genannt wird. Zu einer ganz anderen Sehenswürdigkeit kommen wir am Nachmittag. Einige Kilometer südlich der Stadt liegt die U-Bein Brücke. Aus den zurückgelassenen Pfählen der alten Hauptstadt wurde im 18. Jahrhundert ein 1,2 km langer Holzsteg über den Taungtham-See gebaut. Im Schatten riesiger Bäume schauen wir dem regen Treiben der Bevölkerung zu. Zwei Touristenbusse sind gerade angekommen. Souvenirverkäufer stürzen sich auf die Ankömmlinge. Während uns die Touristengruppe die schöne, gemütliche Stimmung mit ihrer Präsenz vermasseln, geniessen wir das Mittagessen. In der Zwischenzeit ist auch Mi Mi „aufgetaut“. Sie spricht jeden Tag etwas mehr Englisch und erzählt uns aus ihrem Privatleben.
Die Busse sind wieder weg, Bahn frei für uns. Die Holzbrücke sieht von Nahe noch viel imposanter aus. Die dicken Teakpfähle sind bis zu sechs Meter hoch. Beim näheren Betrachten sind sie allerdings nicht so vertrauenswürdig, denn viele sind morsch und werden wohl eines Tages einbrechen. Auf der Brücke herrscht reger Verkehr. Es gibt überdachte Rastplätze, wo man sich mit Getränken, Früchten und Eiskrem erfrischen kann. Auf dem See tummelt sich ein Schwarm von Zuchtenten. Ich mache Bekanntschaft mit Suu, einem zwölfjährigen Mädchen. Ein wunderschönes Thanaka-Blatt verziert ihre Wange. "Ich möchte auch so eins haben" sage ich zu ihr. Und schon packt sie die Utensilien aus und bemalt zum Gaudi der anwesenden Zuschauer mein Gesicht! Mandalays Handwerker Mandalay ist auch berühmt für seinen Marmor. Steinmetze meisseln hier Marmorblöcke zu Buddhafiguren, welche nach China und Thailand exportiert werden. Bei unserem Besuch sind nur gerade zwei Arbeiter an der Arbeit. Sie bearbeiten zuerst den Körper, das Gesicht wird zuletzt gemacht. Als nächstes wird die Figur mit Wasser und Sandstein poliert, bis sie zu ihrem Glanz kommt. Dies ist ausschliesslich eine Aufgabe der Frauen und Mädchen. Nebst Schmieden, Holzschnitzern und Seidenwebern gilt unsere Aufmerksamkeit vor allem den Goldschlägern, welche die berühmten Goldblättchen herstellen. Diese sind zwischen der 77. Und 78. Street zu Hause. Die Fabrikation dieser hauchdünnen Goldblättchen ist wirklich etwas Besonderes. Zuerst wird aus 200 Gramm Gold ein dünner Draht gezogen, der anschliessend von einer Presse zu einem 90 cm langen und 2 cm breiten Band gepresst wird. Das Band wird dann in 200 Quadrate geschnitten und zwischen ein dünnes 7cm² grosses Bambuspapier gelegt. Insgesamt 400 Goldblättchen werden auf diese Weise vorbereitet. Das ganze Bündel wird zwischen zwei Lappen Hirschleder eingewickelt und auf einen Stein gelegt. Wie ein Metronom wird dieser in gleichmässigen Schlägen während 30 Minuten durch junge schlaksige Burschen mit einem 7 kg schweren Hammer bearbeitet. Die Zeit wird mit einer Wasseruhr gemessen. Dazu wird eine Kokosnussschale mit einem kleinen Loch in einen Wassertopf gelegt. Sinkt die Schale, so sind drei Minuten vorbei. In einem separaten Raum entfernen Frauen die Goldblättchen, schneiden jedes einzelne in sechs Stück und legen sie, diesmal 1'200 Stück, wiederum zwischen das Bambuspapier. Das Paket wird nun während einer Stunde “gehämmert”. Die Goldblättchen haben jetzt die Grösse einer Münze. Zur Fertigbearbeitung werden sie in ein grösseres Bambuspapier gelegt und nochmals fünf! Stunden bearbeitet. Die Schlagmänner werden dabei alle 1½ Stunden abgelöst. Ganz zum Schluss tragen die Frauen die fertigen, federleichten Goldblättchen zum Verkauf auf quadratisches Papier auf. So etwas ist wahrlich Handarbeit!
Passhöhe Eine asphaltierte Strasse führt auf den im Norden der Stadt liegenden Mandalay-Hügel hinauf. Der Ausblick auf die Stadt ist eher enttäuschend. Ausser dem Gefängnis, welches von oben wie ein Palast aussieht, dem Golfplatz mit dem mittendrin neu erbauten Hotel Sofitel, einigen Pagoden und dem Fluss, gibt es nichts besonderes zu sehen. Anscheinend ist es viel interessanter, die Treppe mit 435 Stufen statt der riesigen Rolltreppen hinauf zur Plattform zu benützen. Eine einheimische Frau hat panische Angst sich auf die Rolltreppe zu begeben. Maung Maung meint, sie habe vermutlich eher Angst, dass sich ihr Longyi in der Treppe verfangen könnte. Zahlreiche Leute, Einheimische wie Touristen warten auf den Sonnenuntergang. In der Zwischenzeit vergnügen sich alle mit dem kleinen „weissen“ und blonden Kilian aus Frankreich. Alle Frauen wollen ihn berühren und tragen. Er ist der Star. Wir sind froh, Mandalay verlassen zu können. Auf dem Lande gefällt es uns viel besser. Der Weg zur nächsten Destination führt die gleiche mühsame Strecke zurück. Ein angenehm süsslicher Duft wie gegärter Traubensaft streichelt bei der Durchfahrt plötzlich unser Riechorgan. Was das wohl sein kann? Wir fahren an einem rotbraunen Feld vorbei. Sofort hält Maung Maung an um das Ganze näher zu betrachten. Es ist kein Feld, sondern es werden kleine Pflaumen in der Sonne getrocknet. Gleich daneben werden sie verarbeitet. Die jungen Arbeiterinnen sind über unseren Besuch erfreut und strahlen übers ganze Gesicht. Das Gebiet wird nun immer hügeliger. Die Strasse ist schmal und kurvig. Nur wenige Fahrzeuge kommen uns entgegen. Wo fährt uns Maung Maung hin? Es wird immer bergiger. Weit und breit kein Dorf. Die Strasse steigt und steigt. Nach den Angaben meiner Strassenkarte müssen die umliegenden Berge 2'300 m hoch sein. Wir erreichen eine vegetationslose Landschaft. Die Strasse führt zwischen kahlen Grashügeln hindurch. Bald sollte doch einmal die Passhöhe kommen! Nur keine Panne jetzt, Holz berühren, doch wir haben keins. Endlich geht es wieder bergabwärts. Wir kommen in riesige Bambuswälder. Die Region ist wieder zusehends bevölkert. In einem kleinen Dorf halten wir zum Mittagessen. Vor der Raststätte werden grosse leuchtende Orangen an Ständen verkauft. Jede Verkäuferin wirbt lautstark für ihre Produkte. Die Auswahl im Restaurant ist bescheiden. Fried vegetables (gebratenes Gemüse), fried noodle (gebratene Nudeln) oder Chicken Cashew-nut (Huhn mit Kaschunüssen) stehen auf der Menükarte.
Kälteste Nacht Es fällt auf, dass die Häuser dieser Gegend nicht mehr aus Bambus gebaut sind, sondern aus Backsteinen. Wir nähern uns Kalaw (1'316 m ü.M), einst eine beliebte Sommerresidenz der Briten. Das 70’000 Einwohner zählende Städtchen ist in einer Talmulde inmitten von grünen Hügeln gelegen. Wegen den zahlreichen Pinien wird die Stadt auch „Pine City“ genannt. Die Temperatur ist angenehm. Sobald die Sonne untergeht wird es jedoch kalt, verdammt kalt! Ohne Pullover, ohne Jacke und nur mit einem T-Shirt ausgerüstet, friere ich jämmerlich. Zum Glück kann mir meine Schwester ein Hemd ausleihen. Zur allgemeinen Überraschung entnehmen wir aus unserem Reiseführer, dass es hier, mitten in Myanmar, ein nepalesisches Restaurant geben soll! Tatsächlich. Das Restaurant heisst “Everest”. Es sind Nepalesen die einst den Engländern dienten und seither geblieben sind. Wir freuen uns auf diese kulinarische Abwechslung. Es gibt auch indische Spezialitäten: Chapati, Nan, Samosa! Einzig Mi Mi blickt nicht gerade überzeugt auf die Menükarte. Für einmal benötigen wir zum Übernachten keine Air-Condition. Maung Maung und Mi Mi sind mit Jacken und Mützen wie im tiefsten Winter angezogen.
8094 Buddhastatuen Die Strasse zur Tropfsteinhöhle nach Pindaya führt durch eine Bergregion. Pinien und wilde Kirschbäume blühen im Frühling. In den Gärten wachsen inmitten von Bananenstauden Karotten, Kartoffeln und Avocadobäume. Die rotbraune Erde der brachen Felder und die goldgelben Weizenfelder verwandeln die Landschaft in eine immense “Patchwork-Decke“. Einzelne Bäume wirken darin wie grüne Tupfer. An den Bergkämmen leuchten überall kleine weisse Pagoden mit ihren goldend glänzenden Spitzen. Wir begegnen einer Gruppe Palaung-Kinder, ein zur Mon-Khmer gehörendes Bergvolk, mit ihren typisch leuchtenden türkisfarbenen Handtüchern, die sie wie Turbane um den Kopf wickeln. Schon von weitem erkennt man die am Berghang klebenden, lang gezogenen Treppenaufgänge der Shwe-Umin Höhle.
Als sich vor vielen Jahren sieben Feen in der Pindaya-Höhle ausruhten, kam eine riesige Spinne und verschloss den Eingang mit einem Netz. Die Feen waren gefangen und fürchteten um ihr Leben. Ein Prinz, der auf der Jagd war, kam zufällig in die Nähe der Höhle und hörte die Hilferufe. Die älteste und klügste Fee bat ihn um Hilfe. Als Dank sollte er die jüngste und hübscheste Fee zur Frau erhalten. Mit einem Pfeilschuss tötete der Prinz die Spinne. Seither ist der Zugang zur Höhle wieder frei und entwickelte sich zu einem buddhistischen Heiligtum, in dem seit Jahrhunderten Buddhafiguren aufgestellt werden. Vom Autoparkplatz geht der Weg zu einem, in dieser Landschaft völlig unpassend, modernen Lift. Er führt vom Vorbau zum Eingang der Höhle. Der Anblick ist überwältigend. Die grössten und schönsten Buddhas befinden sich gleich beim Eingang. Eng aneinander gedrängt reichen sie bis zur Decke. Viele Figuren wurden von den Gläubigen mit Goldblättchen überzogen und glänzen im hereinfallenden Tageslicht. Ein Labyrinth von Gängen mit Buddhas verziert führt ins Innere der Höhle. Im Verlaufe der Jahrhunderte haben sich unzählige Figuren in einem grossen Durcheinander angesammelt. Die ältesten sollen aus dem 17. Jahrhundert stammen. Nach der letzten Zählung befinden sich 8'094 grosse und kleine Statuten in der Höhle und jeden Tag werden es mehr. Die Figuren sind mit dem Namen des Spenders versehen. Auch zahlreiche Ausländer, darunter auch Schweizer, haben Figuren gespendet. In einer Ecke der Höhle befinden sich die “schwitzenden Buddhas”, zwei schwarze Statuen die von kleinen Wasserperlen bedeckt sind. Dem Aberglauben nach schützen die Geister jene Personen, welche im Besitze solcher Wasserperlen sind. Die Gläubigen wischen daher die Feuchtigkeit mit einem kleinen Tüchlein auf und bewahren es auf. Im hinteren Teil beschmücken riesige Stalagmiten und Stalaktiten die riesige Höhle.
Die Schirmmacher Am Fusse der Höhle gibt es einige Familienbetriebe, die das traditionelle Shan-Handwerk ausüben. Man kann bei der Herstellung von Papier aus Maulbeerbaumrinde sowie der Fabrikation von Schirmen beiwohnen. Ich bin von der Handfertigkeit und der Cleverness der Handwerker begeistert, vor allem mit welch einfachen Mitteln sie arbeiten. Ich kann wohl im Internet einen Computer bedienen, wäre aber unfähig, einen Schirm zu konstruieren. Besonders imponierend finde ich die kleine Drehbank mit welchem das Hauptstück des Schirmes hergestellt wird. Von der Spitze eines dünnen Bambusstabes wird eine Schnur zweimal um das zu bearbeitende Holzstück gerollt und an einem Pedal festgemacht. Drückt man aufs Pedal wird die Bambusspitze nach unten gezogen, lässt man es los, geht die Schnur durch den Zug des Bambusses wieder nach oben. Indem man das Pedal wie bei den alten Nähmaschinen tritt, wird das Holzstück wie auf einer Drehbank gedreht und kann so bearbeitet werden. Genial! Noch genialer ist die Konstruktion der Haltevorrichtung, das sog. Klemmstück. Als Erinnerung stellt der Handwerker eigens ein Stück für mich her. Die Beinruderer vom Inlee-See In drei Tagen ist unsere Rundreise bereits beendet. In Heho müssen wir daher unseren Flug mit der Mandalay Airways nach Yangon bestätigen lassen. Ausgangspunkt aller Touren zum Inlee-See ist Nyaungshwe. Bevor es mit einem Boot auf einem Kanal zum See geht, ist ein Eintritt von 3 US$ zu bezahlen. Der See hat sich im Verlauf der Jahre stark zurückgezogen. Es dauert eine Weile bis wir ihn erreichen. Der See (19 km lang) ist malerisch von Bergen umrahmt. Im morgendlichen Dunst ist die ganze Ambiance noch viel mystischer. Gleich nach der Einmündung des Kanals in den See demonstrieren die “Beinruderer” ihre eigenartige Rudermethode. Da der See nicht sehr tief ist, haben die Fischer eine besondere Methode zum Fischfang erfinden müssen. Sie benützen dabei einen grossen konischen Bambuskorb. Da sie dazu beide Hände brauchen, klemmen sie das Ruder mit einem Bein ein. Durch Vorbeugen des Oberkörpers entsteht dadurch eine Ruderbewegung. Rund um den Inlee-See gibt es 37 Dörfer durch die malerische Kanäle führen. Die Häuser sind auf Pfählen gebaut.
Hauptattraktion jeder Bootsfahrt ist der “Schwimmende Markt”. Erstmals kommen wir dabei auf unserer Reise in eine Konzentration von Touristengruppen. Zu meiner grossen Enttäuschung ist es mehr ein Souvenirmarkt. Bauern sind nur wenige anzutreffen. Maung Maung erkennt sofort unser Unbehagen und weist den Bootsführer an, diesem Touristenstrom auszuweichen. Doch auch bei unserem nächsten Stopp in Daing, stürzen sich die Verkäufer auf uns: “Mister, Souvenir?”, Madam, Souvenir?” Mich ärgert vor allem was die für “Kitsch” verkaufen. Gibt es tatsächlich Touristen die so was kaufen? Anscheinend schon. Tja, nicht jedermann bringt eine Betelnuss oder eine Samenbohne als Souvenir mit nach Hause, so wie wir! Bereits leicht erregt, jagt es mir beim Besuch der Phaug Daw Pagode den “Nuggi” raus, als man schon wieder eine Extragebühr von 150 Kyats für das Fotografieren bezahlen muss. Überall immer nur Geld. Geld! Geld! Was gibt es für einen Grund, dass ich fürs Fotografieren eine Extragebühr bezahlen muss? Ich bezahle anstandslos Eintritt, sofern dieser im Verhältnis zu den Lebenskosten steht. Buddha erwartet eine Spende im Tempel, keinen „Abriss“ beim Eingang. Die Touroperators haben es in der Hand bei übertriebenen oder ungerechtfertigten Eintrittspreisen vorstellig zu werden, nötigenfalls den Besuch des betreffenden Tempels aus ihrem Programm streichen. Offenbar ist ihnen dies jedoch völlig egal, solange sie selber mit den Touristen ein gutes Geschäft machen. Auch wenn es zum guten Stil gehört in Myanmar überall Geld zu spenden, müssen es ja nicht gleich 500er Kyat- oder Dollarnoten sein, wie es viele dieser Tour-Touristen zu unserem Ärgernis tun! Wir fahren an unzähligen Pfahlhäusern vorbei. Alles ist hier auf dem Wasser gebaut: die Schule, die Post, die Läden. Eine weitere Besonderheit des Inlee-Sees sind die schwimmenden Gärten. Wild wachsende Wasserhyazinthen haben im Verlauf der Zeit einen natürlichen Teppich gebildet mit einer bis zu einen Meter tiefen Humusschicht. Diese werden in längliche Beete geschnitten, worauf Blumen, Tomaten und Blumen angepflanzt werden.
Der Tag geht glücklicherweise bei der Rückfahrt für mich doch noch sehr gut zu Ende. Dutzende von Seemöwen folgen unserem Boot mit einem Gekreische wie in Alfred Hitchcocks Film “Die Vögel”. Aus dem fahrenden Boot werfen wir ihnen Futter zu. Geschickt schnappen sie es in vollem Flug. Die Vögel fliegen knapp einen Meter über und neben uns im gleichen Tempo. Dies war nun doch noch ein lustiger Abschluss eines wiederum ereignisreichen Tages.
Am Flughafen von Heho warten wir auf den Rückflug nach Yangon. Die Maschine der Air Mandalay (ATR 72) ist bereits angekommen. Aufgrund der angegebenen Flugnummer scheint es aber, nicht “unsere” zu sein. Die Auskunft, wann unser Flug stattfindet, ist dürftig. “Later – später” ist die karge Antwort. Die erste “Ladung” Touristen ist weg. Werden wir jetzt auf die Rückkehr des Flugzeuges warten müssen? Das wird doch mindestens drei Stunden dauern! Ach, Reisen ist wirklich mühsam. Nach einer halben Stunde ertönt Motorenlärm. Eine Air Mandalay Maschine ist gelandet. Der Gepäckwagen mit meinem gelben Rucksack wird zum Flugzeug geführt. Das wird unsere Maschine sein. Eine Stunde und 15 Minuten später landen wir in Yangon. Ob wohl Maung Maung und Mi Mi in der Zwischenzeit auch heil angekommen sind? Abends treffen wir die Beiden im Hotel. Elf Tage waren wir nun zusammen unterwegs und es hat sich eine freundschaftliche Beziehung entwickelt. Am nächsten morgen ist bereits unser Flug zurück nach Bangkok. Rückblickend war es, auch Dank Maung Maung und Mi Mi, eine fantastische Reise. Wir haben dabei, trotz der politisch brisanten Lage, ein fantastisches Land mit fantastischen Leuten kennen gelernt was meine Meinung betreffend Reiseboykott nur noch zusätzlich bestätigt hat. Von den so befürchteten Mücken haben wir kaum etwas bemerkt. Meine Malaria Tabletten hatte ich schon nach vier Tagen weggeworfen.
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