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Mabuhay Thailand / Pakistan (RB27 / 02.09.2003) Länderinfos: Thailand  Länderinfos: Pakistan

Mit dem Flugzeug des Prinzen

Die Hitzewelle in der Schweiz hält an. Auch heute soll es wieder über 30 Grad werden. Dies stört mich aber kaum, denn in vier Stunden sitze ich bereits im Flugzeug. Das Vertrauen habe ich diesmal der Kuwait Airways geschenkt. Ich war noch nie in Kuweit, eine gute Gelegenheit den Flughafen kennen zu lernen. Ein Direktflug nach Bangkok wäre zwar etwas einfacher, komfortabler und vor allem schneller, für den angebotenen Preis nehme ich jedoch den Umweg über Frankfurt und die drei Stunden Aufenthalt in Kuweit gerne in Kauf. 1976 bin ich letztmals von Genf-Cointrin abgeflogen. Seither hat sich einiges verändert. Als internationaler Flughafen ist aber nicht gerade viel los. Einige wenige Passagiere irren in der Abflughalle herum. Sieht eher nach einem Provinzflughafen aus! Die Maschine der Kuwait Airways ist bereits da. An ihrer Form erkenne ich, dass es sich um eine Boeing 747-400 handelt. Der Abflug hat Verspätung. Umso weniger lang muss ich in Kuweit auf den Anschlussflug warten. Als der Flug aufgerufen wird, verlieren sich gerade einundzwanzig Passagiere im riesigen Innenleben der Economy Class. Kurz nach dem Start wechsle ich mein Sitzplatz in der Hoffnung den Mont Blanc sehen zu können. Zu spät, der Pilot hat bereits Kurs auf Nordost, Richtung Frankfurt, genommen. Anstelle der mittleren Sitzreihe 34 E-H bis 44 E-H steht eine grosse Kabine. Der Steward erklärt mir, dass sich dort das Medical Center befindet. Es handelt sich nämlich um das Flugzeug des Prinzen. Wenn dieser nicht selber auf Reise ist, vermietet er es der Fluggesellschaft. Der Flug nach Frankfurt dauert 45 Minuten. Etwa sechzig Passagiere steigen in Frankfurt zu, darunter auch eine Gruppe von Filipinas. Ach, sehen diese Frauen einfach schön aus! Ich spüre förmlich wie mein Puls höher schlägt. Wir sind wieder in der Luft. Fünf Stunden bis Kuwait. Als wir landen ist es schon dunkel. Drei Stunden warten ist noch verkraftbar. Man hat dadurch die Möglichkeit sich ein wenig die Füsse zu vertreten. Es ist auch allerlei los in dieser Halle von Babel: Araber, Thais, Inder, Filipinos, Europäer, Sikhs warten auf ihre Weiterflüge. Wie doch die Bewohner dieser Welt verschieden sind! Die verheirateten arabischen Frauen tragen ihre strenge schwarze Bekleidung mit dem Tschador, die jüngeren, westlich orientierten dagegen, sind modisch gekleidet. Welch ein Kontrast!

Entscheid

Der Start nach Bangkok erfolgt pünktlich um 23.45 Uhr. Die Maschine ist diesmal gut besetzt. Neben mir hat ein Libanese Platz genommen. Er stellt sich vor: Ahmad Hassounah. Er hat in Kuwait und Manila ein Stellenvermittlungsbüro und erklärt mir, dass er in Manila 85 Filipinas und Filipinos zu rekrutieren hat. Nach dem Mitternachtsessen ist Lichterlöschen. Ich kann einige wenige Stunden schlafen. Als ich aufwache wird unsere Position auf der Landkarte angezeigt: wir fliegen über Varanasi. Mit der Ankunft in Bangkok am späten Vormittag geht leider ein Tag verloren, denn die Schweizer Botschaft hat nur bis Mittags geöffnet. Wenn ich zu meinem Trekking nach Pakistan starten will, sollte ich mich in den nächsten Stunden dazu entscheiden, denn ich muss ja auch noch den Flug buchen. Doch es gibt nichts mehr zu entscheiden. Bereits vor meinem Abflug in Genf habe ich mich durchgerungen, dieser zu stellen. Wesentlich zu diesem Entscheid beigetragen hat der Vorschlag meiner Trekking-Agentur, allenfalls auch ein Pferd benützten zu können, sollte ich mit meinem Fuss zu grosse Probleme bekunden. Ich, der noch nie auf einem Pferd sass! Auf jeden Fall verspricht es eine lustige Angelegenheit zu werden!

Stress am Freitagmorgen

Ein Ausläufer des Taifuns Imbudo zieht seit einigen Tagen über das Land. In den ersten 24 Stunden seit meiner Ankunft regnet es fast pausenlos. Heute ist Businesstag. Vor 09.00 Uhr stehe ich bereits in der Warteschlange vor der Schweizer Botschaft. Ich muss mich anmelden und auch den Beitritt zur freiwilligen AHV einleiten. Das sind so administrative Pflichten die man einfach als Auslandschweizer erledigen muss.
Auf der pakistanischen Botschaft erteilt man mir die Auskunft, wonach es bis zu dreissig Tagen Aufenthalt kein Visum braucht. Das ist mal etwas Erfreuliches. So muss ich mir nur noch das Ticket nach Islamabad besorgen. Die Fluggesellschaft beharrt jedoch auf einem Visum! Schon wieder das gleiche Theater wie vor zwei Jahren. Die Botschaft sagt es braucht keins, die Pakistan Airlines sagt es braucht eins! Um keine Schwierigkeiten zu kriegen mache ich halt dieses „blöde“ Visum. Ich habe noch gerade eine halbe Stunde Zeit um zurück auf die Botschaft zu gehen bevor sie übers Wochenende schliesst. Am Montag soll es abholbereit sein.

Hitze

Die Wolken haben sich verzogen. Die Sonne brennt unerbittlich. Welche Hitze! Und wir haben uns in der Schweiz über einen solchen heissen Sommer beklagt! Für mich war es gerade so schön warm, aber heiss? Hier ist es heiss, oder wie soll man denn hier diese Temperaturen nennen?
Ich bin zurück im Hotel Twin Palms Lodge in Pattaya. In vier Monaten hat sich einiges geändert in Central-Pattaya: neue Bars, neue Restaurants. Aus meinem Internet an der Beach Road wurde ein 7-Eleven Laden. Meine Bank, die Thai Farmers Bank, gibt es auch nicht mehr. Sie heisst nun Kasikorn Bank. Mein Guthaben ist zum Glück noch vorhanden. Der kleine Markt beim Einkaufszentrum Tops wurde abgerissen und wird neu gebaut. Originell sieht das neue Cruise Hotel an der Soi 4 aus. Es hat die Form eines Schiffes mit einem kleinen Leuchtturm. Als neue Attraktion gilt das seit dem 4. Juli eröffnete Aquarium „Underwater World Pattaya“. Der Besucher wird durch einen hundert Meter langen Glastunnel geführt, in welchem er die atemberaubende Unterwasserwelt entdecken kann.
Um die Fortschritte nach meinem Fründenhütte-Training nicht wieder gänzlich zu verlieren, laufe ich jeden morgen früh in meinen Bergschuhen auf den Hügel des Big Buddha. Zwei Stunden hin und zurück. Immerhin, besser als nichts. Mein Fussgelenk macht mir dabei keine Probleme, aber das linke Knie! Obwohl die Ärzte bei der letztjährigen Kontrolle, trotz Röntgen und MRI, nichts Abnormales gefunden haben, verspüre ich wieder dieses leichte Stechen an der Knieinnenseite. Ob ich vielleicht nicht gescheiter schon jetzt meine erste Reitstunde nehmen sollte?


links: das neue Cruise Hotel - rechts: Hard Rock Hotel


Underwaterworld

Das Abenteuer kann beginnen

Die letzten Einkäufe sind getätigt. Nebst Ovo Sport, einem Beutel Käsefondue habe ich die Verpflegung hier noch mit einem halben Kilo Schweizer Schokolade, Mars, Snickers sowie gedörrten Mango und Ananas ergänzt. Auch die Fotoausrüstung ist komplett: 20 Dia-Filme und Ersatzbatterien. Ich bin zurück in Bangkok um das Flugticket abzuholen. Mein Rückflug von Islamabad nach Bangkok konnte in der Zwischenzeit dank der Intervention meiner Trekking Agentur für den 29. August bestätigt werden. Das ist schon mal eine positive Überraschung. Was hätte ich ansonsten bis zum 5. September in Islamabad gemacht? Ich bin startbereit. Das grosse Abenteuer kann beginnen. Da mein Flug erst um 00.45 Uhr stattfindet, versuche ich noch einige Stunden im Hotelzimmer zu entspannen. Ich bin angespannt. Mein Buddah! Wenn das nur alles gut geht! Ich bin eigentlich sehr zuversichtlich. Es ist ja keine Reise mehr ins Ungewisse wie vor zwei Jahren, als ich nach Karachi flog. Ich werde von meinem Guide Saeed am Flughafen abgeholt, kenne mich nun schon ein wenig aus und brauche mich um nichts zu kümmern. Alles wird von meiner Trekking-Agentur erledigt. Das Einzige das ich selber machen muss, ist laufen. Mein Ziel, alle 8000er zu sehen, rückt nun sehr nahe. Zum Glück gibt es nur 14 Achttausender, sonst müsste ich noch mehr solch strapaziöse Reisen unternehmen!
Etwas bleibt mir jedoch völlig rätselhaft. Der Flug mit der Pakistan Airlines soll acht Stunden dauern! Nach Karachi vor zwei Jahren benötige doch der Flug nur etwa fünf Stunden. Gibt es etwa eine Zwischenlandung? Mein Reisebüro bestätigt, dass es sich um einen Direktflug handelt. Wie kann man mit einer Zeitdifferenz von zwei Stunden um 00.45 starten und um 06.45 in Islamabad ankommen? Irgendetwas ist da faul, doch mir ist es im Prinzip egal, Hauptsache ich komme wie geplant am frühen morgen an.

Des Rätsels Lösung

Auf die Minute genau um 00.45 Uhr löst sich der aus Hong-Kong kommende Airbus 310 vom Dock. Vor dem Abflug ertönt das Gebet im Boardlautsprecher. Inshallah! Wir haben abgehoben. Unter uns die Hunderttausenden von Lichtern der thailändischen Metropole. Die Fluginformationen erscheinen am Bildschirm. Flugdauer: 8 Std 05, Distanz: 3651 km, Geschwindigkeit: 835 Std/km! Man muss kein Mathematikgenie sein um festzustellen, dass da etwas nicht stimmt. Acht Stunden x 835 Km würde ja eine Distanz von 6’680 km ergeben! Als auf der Flugkarte das Flugzeug dann noch Richtung Norden statt westlich über Myanmar und Kalkutta fliegt, bin ich völlig perplex. Kam das Flugzeug nun von Hong-Kong oder fliegen wir eventuell nach Hong-Kong? Blödsinn, dass kann doch nicht sein. Ich spüre wie die Maschine plötzlich an Höhe verliert. Eine Kontrolle auf meinem Höhenmesser bestätigt dies. Innert wenigen Minuten sind wir dreihundert Meter gesunken. Gibt es nun doch eine Zwischenlandung? Aber wo? Da käme eigentlich nur Vientiane in Laos in Frage. Aber so etwas wäre doch vorher bekannt. Oder gibt es etwa eine Notlandung? Ich rufe die Stewardess. Das Rätsel löst sich schnell auf: da die Pakistan Airlines keine Erlaubnis hat über indisches Gebiet zu fliegen, geht die Flugroute nach China um Islamabad dann von Norden anzufliegen! Der Verlust an Höhe erklärt sich durch grössere Turbulenzen, die auf einer tieferen Höhe ausgewichen werden. Somit wäre das letzte Rätsel gelöst und ich kann endlich einschlafen.


Die Flugroute von Bangkok nach Islamabad

Spektakuläre Bergwelt

Es ist 04.00 Uhr Pakistan-Zeit als mein Sitznachbar die Fensterverdunkelung öffnet. Es ist schon hell draussen. Die Sicht ist sehr klar. Schneeberge kommen ins Blickfeld. Moment mal, wir kommen von China und fliegen Islamabad von Norden an? Da sollten wir doch über das Karakorumgebirge fliegen und den K2 sehen! Ich bin hellwach. Ich erkundige mich bei einem Steward. Ja, etwa eine Stunde vor der Landung sollte der K2 auf der rechten Seite sichtbar sein. Der Stewart arrangiert mir einen Fensterplatz hinter dem Flügel um besser fotografieren zu können. Doch zuerst wird das Frühstück serviert. Sogar ein Kafferahm der Toni-Molkerei made in Switzerland ist auf dem Tablett zu finden. Erstaunlich!

Wir fliegen über zwei markante, parallel verlaufende schneebedeckte Gebirgskämme. Ich bin schon ganz aus dem „Häuschen“.
Der Steward ruft mich nun auf die linke Seite. Der K2 soll auf dieser Seite zu sehen sein! Hatte ich mir ja auch gedacht, denn ich kenne mich in der Zwischenzeit in der Geographie von Nordpakistan etwas aus. Zusammen mit dem Steward warten wir auf das grosse Ereignis. Das Gebirge wird immer wilder und dichter. In der Ferne ist eine schwarze Pyramide über den anderen Bergen zu erkennen: es ist der K2! Fantastisch. Dort werde ich, wenn alles gut geht, nächste Woche sein! Etwas weiter rechts fällt ein anderer schwarzer Gipfel auf. Es sieht aus wie die Flosse eines Haifisches die aus dem Wasser ragt! Welcher Gipfel wird das wohl sein? Es könnte der Chogolisa sein! Die Sicht auf die Berge wird in der morgendlichen Sonne immer fantastischer. Wir überfliegen die zahlreichen 7000er der Hunza Region. Fünf Minuten später kommt die ganze Pracht des Nanga Parbat aus 10'800 m Höhe in Sicht. Der Berg ist zum berühren nahe. Die Raikhot-Seite mit dem 8125 m hohen Hauptgipfel ist von der Sonne hell beleuchtet. Die Südseite, die Diamir-Flanke, liegt noch im Schatten. Mensch, war das ein Auftakt. Ein gigantisches Flugerlebnis. Kurz vor der Landung in Islamabad lässt sich der Steward mit Passagieren fotografieren und schüttelt jedem dreimal die Hände. „Das Flugzeug ist mein Zuhause und jedermann ist herzlich willkommen“ meint er zu mir. Eine so nette, freundliche Flugbegleitung habe ich bisher noch nie erlebt.


Bergkette in China


K 2 (8611 m) - Die schwarze Pyramide am Horizont


Bild links: K 2 und Chogolisa - Bild rechts: Nanga Parbat (Raikhot Seite) im Morgenlicht

Es kann losgehen!

Die Immigration ist in Rekordzeit erledigt, die Gepäckausgabe ist umso langsamer. Während ich auf meinen Rucksack warte, bringt mir der Stewart einen Dia-Film, den ich wohl in der hektischen Fotografierphase hatte fallen lassen. Bei welcher Fluggesellschaft gibt es so was? Saeed, mein Guide, erwartet mich. Es gibt eine herzliche Begrüssung. Nun kann es losgehen. Aufgrund meiner Beschwerden vor der Abreise aus der Schweiz hat meine Trekking-Agentur die Marschroute etwas abgeändert. Viele Möglichkeiten gibt es zwar nicht, denn die Lagerplätze zwischen den einzelnen Trekkingsetappen stehen im Grunde fest: nur an sehr wenigen Stellen ist Trinkwasser vorhanden und genügend ebene Stellen um die Zelte aufzustellen.

Das Programm:

Tag 01: Ankunft in Islamabad International Airport, Transfer zum Hotel,
Briefing beim Ministerium für Tourismus, Übernachtung im Hotel

Tag 02: Flug nach Skardu, Übernachtung im Hotel

Tag 03: Reservetag für Flug nach Skardu oder Fahrt auf dem Karakorum
Highway nach Chilas

Tag 04: Fahrt von Chilas nach Skardu (7-8 Std), Übernachtung im Hotel

Tag 05: Jeep-Fahrt nach Askole (6-7 Std), Übernachtung im Camp

Tag 06: Trek 3-4 Std nach Kurfong (3080 m) - Camp

Tag 07: Trek 4-5 Std von Kurfong nach Bardumal (3190 m) – Camp

Tag 08: Trek 5-6 Std von Bardumal nach Paiju (3400 m) – Camp

Tag 09: Ruhetag in Paiju

Tag 10: Trek 3-4 Std von Paiju nach Liligo (3600 m) – Camp

Tag 11: Trek 3-4 Std von Liligo nach Urdukas (4000 m) – Camp

Tag 12: Trek 6-7 Std von Urdukas nach Goro II (4300 m) – Camp

Tag 13: Trek 5-6 Std von Goro II nach Concordia (4700 m) –Camp

Tag 14: Exkursion Basislager K 2 (5135 m) - Camp

Tag 15: Trek zurück nach Goro I – Camp

Tag 16: Trek nach Liligo – Camp

Tag 17: Trek nach Paiju – Camp

Tag 18: Trek nach Jolah – Camp

Tag 19: Trek nach Askole – Camp

Tag 20: Jeep-Fahrt zurück nach Skardu – Übernachtung im Hotel

Tag 21: Flug nach Islamabad oder Busfahrt nach Chilas

Tag 22: Freier Tag in Islamabad oder Fortsetzung der Busfahrt

Tag 23: De-Briefing beim Ministerium für Tourismus, Ausflug nach Texilia

Tag 24: Abflug nach Bangkok


Rot: meine Reise von 2001
Schwarz: meine diesjährige Reise (... = mein Trekking --- = Saeeds Aufstieg

Nach einer kurzen Verschnaufpause im Hotel geht es gleich weiter. Wir müssen zum Briefing ins Ministerium für Tourismus. Für ein Trekking zum K2 braucht es eine Bewilligung und ein lizenzierter Guide. Dieser muss gewährleisten, dass die Reglemente eingehalten werden. Es darf zum Beispiel kein Holz geschlagen werden. Für die Träger müssen auch Lebensversicherungen abgeschlossen sein. Ich werde vom zuständigen Chefbeamten, Mr. Ayaz Kahn Afridi, begrüsst. Nach kurzem Interview unterschreibt er ein ganzes Bündel Papiere, ohne die wir bei den verschiedenen Polizeikontrollen unterwegs nicht durchkämen.
Inzwischen in es Mittag geworden. Es ist unheimlich heiss, wesentlicher heisser als in Bangkok. Nach dem Mittagessen im Restaurant Kabul (ein Insidertipp) falle ich im Hotelzimmer totmüde um.

Tagebuch des Trekkings:

Tag 02: Islamabad – Skardu
Tagwache 06.00 Uhr. Wenn wir Glück haben können wir heute nach Skardu fliegen. Das Wetter ist gut. Aber das will noch lange nichts heissen. Flüge nach Skardu sind infolge der meistens schlechten Wetterverhältnissen am Nanga Parbat sehr selten. Um halb acht sind wir am Domestic Airport. Das Check-in ist offen. Wir sind zuversichtlich. Eine Fokker-Maschine ist soeben aus Gilgit angekommen. Das ist ein gutes Zeichen. Die Chancen stehen gut. Saeed erklärt mir, dass er schon Flüge erlebt hat, bei welchen die Maschine zehn Minuten vor der Landung wieder umgekehrt sei!
Ich muss auf die Toilette. Anstelle unserer westlichen Pissoir finde ich eine Wand mit einem Wasserhahnen vor, darüber eine Tafel mit der Inschrift „Place for Ablation“! Platz für was? Dummerweise ist gerade niemand anwesend und um nicht etwas Falsches zu tun, benutze ich vorsichtshalber die Kabine. Wer weiss, vielleicht wäscht man sich dort die Füsse vor dem Beten. Das wäre peinlich wenn ich dort einfach hinein pinkeln würde! Das Boarden wird freigegeben. Es ist nicht mehr die jüngste Maschine, eine B 737. Mit dem Fensterplatz rechts hat es auch geklappt. Ich habe kaum Zeit das Frühstück einzunehmen, schon rückt ein Schneekoloss ins Blickfeld. Das kann nur der Nanga Parbat sein. Heute fliegen wir ihn von Süden an. Im Gegensatz zu Gestern strahlt die Diamirflanke heute im Sonnenlicht.


Der Nanga Parbat (Diamir Seite)

Kurz darauf ist auch sehr schön das Tal hinauf zur Märchenwiese zu erkennen. Der Rakaposhi soll auf der linken Seite zu sehen sein, meldet der Kapitän. Diesen werden wir dann beim Ruckflug fotografieren. Die Bergwelt wird immer imposanter. Wir biegen ins Indus-Tal ein, das für den Piloten als Wegweiser nach Skardu gilt. Wir fliegen hohen kargen Bergen zum Berühren nahe entlang. Nach vierzig Minuten macht sich plötzlich ein breites grünes Tal auf. Wir sind in der Oase Skardu angekommen. Die Maschine scheint nicht umzukehren. Wir sind uns jedoch erst sicher als sie landet. Die Temperatur ist etwas angenehmer als in Islamabad, aber immer noch 26˚ Celsius und dies auf 2300 ü.M. Die Fahrt in die 15 km entfernte Stadt gibt einen ersten Eindruck was ich wohl noch alles zu erwarten habe. Skardu ist die Hauptstadt von Baltistan und hat etwa 5'000 Einwohner die sich Baltis nennen. Die Stadt ist nicht gerade einladend. Der Bazar besteht aus einer Reihe Betonbuden entlang der Strasse. Alles ist dreckig und staubig. Die Landschaft ist geprägt durch gewaltige Erosionsflanken. Wir sind im Concordia Motel untergebracht, eine nette kleine Anlage mit einem schönen Garten mit Sicht auf den friedlich fliessenden Indus. Viele Trekking-Gruppen und Expeditionen kommen hierher. Die zahlreichen Expeditionskarten an den Anschlagbrettern zeugen davon. Die Schweizer Expeditionen von Andre Georges, Jean Troillet und Kari Kobler die vor wenigen Wochen versuchten den K2 zu besteigen, scheinen nicht hier abgestiegen zu sein.
Bereits gibt es eine erste Änderung im Fahrplan. Da unser Koch (mit dem Bus aus Islamabad unterwegs) noch nicht angekommen ist, können wir morgen nicht nach Askole weiterfahren. Das ist nicht besonders schlimm, denn mit dem heutigen Flug haben wir schon einen Tag Vorsprung auf den Marschplan.

Tag 03: Skardu
Der Koch, Mr. Aziz ist gestern am späten Nachmittag noch eingetroffen. Im Hotel herrscht ein reges Treiben. Eine Trekking-Gruppe aus Spanien und eine Expedition aus Polen sind im Hotel. Das Wetter ist auch heute wieder schön, der Flug aus Islamabad ist jedoch abgesagt worden. Mensch, haben wir Glück gehabt. Um nicht faul den ganzen Tag herumzusitzen, organisiert Saeed eine Jeep-Fahrt zum Sadpara See (2'700 m). Der See sichert die Wasserversorgung von Skardu. Bereits wurde mit dem Bau eines Staudammes begonnen der die Stadt in 2-3 Jahren mit Strom versorgen soll. Sadpara ist bekannt für seine Forellen. Die Fische haben geschmeckt, die Rückfahrt auf der sich im Bau befindlichen Strasse, ist aber die reinste Höllenfahrt.
Zurück im Hotel wird es langsam Ernst. Unser Koch hat in der Zwischenzeit auf dem Markt frisches Gemüse und drei Hühner eingekauft. Diese armen Hühner: sie werden den K2 leider nicht zu sehen bekommen! Beim betrachten des sich inzwischen angesammelten Materials wie Zelte, Kocher, Küchenmaterial, Proviant für sechzehn Tage inklusive die Träger, 75 Liter Kerosen wird mir erst richtig bewusst, dass wir eine Kleinexpedition sind. Um die ganze Ausrüstung zu tragen benötigen wir 16! Träger. Die Ausrüstung muss nun in Portionen zu 25 Kg, soviel trägt ein Träger, abgepackt werden. Der Jeep ist auch bestellt. Morgen früh geht es also los nach Askole, 147 Km, eine Fahrt die 6 bis 7 Stunden dauern soll.

Tag 04: Skardu (2300 m) – Askole (3000 m)
04.30 Uhr ist Tagwache. Wir wollen um 06.00 Uhr abfahren. Beim beladen des Jeeps entbrennt ein Palaver. Irgendwelche Probleme? Um halb sieben geht’s endlich los. Kurz nach Skardu überqueren wir die neue Brücke über den Indus. Vorsicht! Es besteht ein absolutes Fotoverbot. Der erste Streckenteil bis Eingangs Shigar ist bereits geteert. Danach beginnt die Naturstrasse die jedoch gut befahrbar ist. In Haiderabad legen wir eine kurze Teepause ein. Hier laden wir auch die ersten Träger auf. In Dassu ist die letzte Polizeikontrolle. Goldgelbe Weizen- und Gerstenfelder kontrastieren wunderschön in der öden, wüsten- und steppenartigen Landschaft. Die Aprikosenbäume sind voll von kleinen gelben Früchten. Diese werden auf den Flachdächern der Behausungen gedörrt. Ab Dassu wird der Weg immer wilder. Die schmale Strasse, teils aus mörderischen Schotter, führt durch enge Schluchten, hinauf und hinunter, über den tobenden Braldo. Der Weg entlang des  Braldo ist unglaublich. Einige Wegstücke sind in die Felsen gehauen. Um eine solche Fahrt schadlos zu überstehen braucht es ein absolutes Vertrauen in Fahrer und Fahrzeug. Einige Male stockt jedoch auch mir der Atem. Eine letzte schwankende Hängebrücke ist zu überqueren und nach 6 ½ Stunden haben wir unser Ziel Askole erreicht. Das Dorf ist durch den Fluss getrennt und befindet sich etwa fünfzig Höhenmeter oberhalb unseres Zeltplatzes auf einer Terrasse. Askole wird wegen dem Mango Gusor (6288 m), der eine Ähnlichkeit mit dem Matterhorn haben soll, in einigen Reiseberichten auch das „Zermatt von Baltistan“ genannt. Die Autoren müssen bei diesem Vergleich wohl schon unter der Höhenkrankheit gelitten haben.

Mensch, ich bin in Askole! Ich kann es kaum fassen. Für die meisten wird dieser Name recht wenig bedeuten. Als Himalaja- und Karakorum-Historiker ist Askole ein Begriff und löst beinahe Emotionen aus. Bereits 1856 war hier der Münchner Forschungsreisende Adolf Schlaginweit. Auch zwei Schweizer Bergsteiger waren schon vor mehr als Hundert Jahren hier! Matthias Zurbriggen aus Saas-Almagell begleitete 1892 eine britische Expedition zum K2. Was mich bei diesen früheren Expeditionen dabei so fasziniert, ist der Anmarsch. Zurbriggen benötigte damals fünf Monate um von London nach Askole zu gelangen! Heute ist man, sofern es mit den Flugverbindungen klappt, in drei Tagen dort! 1902 besuchte mit Dr. Jules Jacot-Guillarmod aus Genf, ein weiterer Schweizer die Hochoase.

Als wir in Askole ankommen hat sich eine ansehnliche Menge Männer des Dorfes angesammelt um als Träger engagiert zu werden. Auch wir brauchen noch etwa zehn Träger.

Es ist bedeckt, einige Regentropfen fallen. Ein heftiger Wind wirbelt Staub auf, sodass ich ins Zelt flüchten muss. In der Zwischenzeit ist auch die spanische Trekkingruppe angekommen die über den Gondoro La will. Im Verlaufe des Nachmittags kommt die Sonne wieder zum Vorschein. Einige der Träger spielen gegen Soldaten des Armeepostens Volleyball.
Um halb acht wird es dunkel. Nach dem Nachtessen im Küchenzelt hat man meistens nur noch eine Wahl: ab in den Schlafsack.
Morgen schlägt die Stunde der Wahrheit!


Bild links: Unser Camp in Askole - Bild rechts: Mango Gusor (6288 m)

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©1999-2008 Text und Foto Willy Blaser, info@willyblaser.ch