Die Hitzewelle in der Schweiz hält an. Auch heute soll es wieder über 30 Grad
werden. Dies stört mich aber kaum, denn in vier Stunden sitze ich bereits im
Flugzeug. Das Vertrauen habe ich diesmal der Kuwait Airways geschenkt. Ich war
noch nie in Kuweit, eine gute Gelegenheit den Flughafen kennen zu lernen. Ein
Direktflug nach Bangkok wäre zwar etwas einfacher, komfortabler und vor allem
schneller, für den angebotenen Preis nehme ich jedoch den Umweg über Frankfurt
und die drei Stunden Aufenthalt in Kuweit gerne in Kauf. 1976 bin ich letztmals
von Genf-Cointrin abgeflogen. Seither hat sich einiges verändert. Als
internationaler Flughafen ist aber nicht gerade viel los. Einige wenige
Passagiere irren in der Abflughalle herum. Sieht eher nach einem
Provinzflughafen aus! Die Maschine der Kuwait Airways ist bereits da. An ihrer
Form erkenne ich, dass es sich um eine Boeing 747-400 handelt. Der Abflug hat
Verspätung. Umso weniger lang muss ich in Kuweit auf den Anschlussflug warten.
Als der Flug aufgerufen wird, verlieren sich gerade einundzwanzig Passagiere im
riesigen Innenleben der Economy Class. Kurz nach dem Start wechsle ich mein
Sitzplatz in der Hoffnung den Mont Blanc sehen zu können. Zu spät, der Pilot hat
bereits Kurs auf Nordost, Richtung Frankfurt, genommen. Anstelle der mittleren
Sitzreihe 34 E-H bis 44 E-H steht eine grosse Kabine. Der Steward erklärt mir,
dass sich dort das Medical Center befindet. Es handelt sich nämlich um das
Flugzeug des Prinzen. Wenn dieser nicht selber auf Reise ist, vermietet er es
der Fluggesellschaft. Der Flug nach Frankfurt dauert 45 Minuten. Etwa sechzig
Passagiere steigen in Frankfurt zu, darunter auch eine Gruppe von Filipinas.
Ach, sehen diese Frauen einfach schön aus! Ich spüre förmlich wie mein Puls
höher schlägt. Wir sind wieder in der Luft. Fünf Stunden bis Kuwait. Als wir
landen ist es schon dunkel. Drei Stunden warten ist noch verkraftbar. Man hat
dadurch die Möglichkeit sich ein wenig die Füsse zu vertreten. Es ist auch
allerlei los in dieser Halle von Babel: Araber, Thais, Inder, Filipinos,
Europäer, Sikhs warten auf ihre Weiterflüge. Wie doch die Bewohner dieser Welt
verschieden sind! Die verheirateten arabischen Frauen tragen ihre strenge
schwarze Bekleidung mit dem Tschador, die jüngeren, westlich orientierten
dagegen, sind modisch gekleidet. Welch ein Kontrast!
Entscheid
Der Start nach Bangkok erfolgt pünktlich um 23.45 Uhr. Die Maschine ist diesmal
gut besetzt. Neben mir hat ein Libanese Platz genommen. Er stellt sich vor:
Ahmad Hassounah. Er hat in Kuwait und Manila ein Stellenvermittlungsbüro und
erklärt mir, dass er in Manila 85 Filipinas und Filipinos zu rekrutieren hat.
Nach dem Mitternachtsessen ist Lichterlöschen. Ich kann einige wenige Stunden
schlafen. Als ich aufwache wird unsere Position auf der Landkarte angezeigt: wir
fliegen über Varanasi. Mit der Ankunft in Bangkok am späten Vormittag geht
leider ein Tag verloren, denn die Schweizer Botschaft hat nur bis Mittags
geöffnet. Wenn ich zu meinem Trekking nach Pakistan starten will, sollte ich
mich in den nächsten Stunden dazu entscheiden, denn ich muss ja auch noch den
Flug buchen. Doch es gibt nichts mehr zu entscheiden. Bereits vor meinem Abflug
in Genf habe ich mich durchgerungen, dieser zu stellen. Wesentlich zu diesem
Entscheid beigetragen hat der Vorschlag meiner Trekking-Agentur, allenfalls auch
ein Pferd benützten zu können, sollte ich mit meinem Fuss zu grosse Probleme
bekunden. Ich, der noch nie auf einem Pferd sass! Auf jeden Fall verspricht es
eine lustige Angelegenheit zu werden!
Stress am Freitagmorgen
Ein Ausläufer des Taifuns Imbudo zieht seit einigen Tagen über das Land. In den
ersten 24 Stunden seit meiner Ankunft regnet es fast pausenlos. Heute ist
Businesstag. Vor 09.00 Uhr stehe ich bereits in der Warteschlange vor der
Schweizer Botschaft. Ich muss mich anmelden und auch den Beitritt zur
freiwilligen AHV einleiten. Das sind so administrative Pflichten die man einfach
als Auslandschweizer erledigen muss.
Auf der pakistanischen Botschaft erteilt man mir die Auskunft, wonach es bis zu
dreissig Tagen Aufenthalt kein Visum braucht. Das ist mal etwas Erfreuliches. So
muss ich mir nur noch das Ticket nach Islamabad besorgen. Die Fluggesellschaft
beharrt jedoch auf einem Visum! Schon wieder das gleiche Theater wie vor zwei
Jahren. Die Botschaft sagt es braucht keins, die Pakistan Airlines sagt es
braucht eins! Um keine Schwierigkeiten zu kriegen mache ich halt dieses „blöde“
Visum. Ich habe noch gerade eine halbe Stunde Zeit um zurück auf die Botschaft
zu gehen bevor sie übers Wochenende schliesst. Am Montag soll es abholbereit
sein.
Hitze
Die Wolken haben sich verzogen. Die Sonne brennt unerbittlich. Welche Hitze! Und
wir haben uns in der Schweiz über einen solchen heissen Sommer beklagt! Für mich
war es gerade so schön warm, aber heiss? Hier ist es heiss, oder wie soll man
denn hier diese Temperaturen nennen?
Ich bin zurück im Hotel Twin Palms Lodge in Pattaya. In vier Monaten hat sich
einiges geändert in Central-Pattaya: neue Bars, neue Restaurants. Aus meinem
Internet an der Beach Road wurde ein 7-Eleven Laden. Meine Bank, die Thai
Farmers Bank, gibt es auch nicht mehr. Sie heisst nun Kasikorn Bank. Mein
Guthaben ist zum Glück noch vorhanden. Der kleine Markt beim Einkaufszentrum
Tops wurde abgerissen und wird neu gebaut. Originell sieht das neue Cruise Hotel
an der Soi 4 aus. Es hat die Form eines Schiffes mit einem kleinen Leuchtturm.
Als neue Attraktion gilt das seit dem 4. Juli eröffnete Aquarium „Underwater
World Pattaya“. Der Besucher wird durch einen hundert Meter langen Glastunnel
geführt, in welchem er die atemberaubende Unterwasserwelt entdecken kann.
Um die Fortschritte nach meinem Fründenhütte-Training nicht wieder gänzlich zu
verlieren, laufe ich jeden morgen früh in meinen Bergschuhen auf den Hügel des
Big Buddha. Zwei Stunden hin und zurück. Immerhin, besser als nichts. Mein
Fussgelenk macht mir dabei keine Probleme, aber das linke Knie! Obwohl die Ärzte
bei der letztjährigen Kontrolle, trotz Röntgen und MRI, nichts Abnormales
gefunden haben, verspüre ich wieder dieses leichte Stechen an der
Knieinnenseite. Ob ich vielleicht nicht gescheiter schon jetzt meine erste
Reitstunde nehmen sollte?
links: das neue Cruise Hotel - rechts: Hard Rock Hotel
Underwaterworld
Das Abenteuer kann beginnen
Die letzten Einkäufe sind getätigt. Nebst Ovo Sport, einem Beutel Käsefondue
habe ich die Verpflegung hier noch mit einem halben Kilo Schweizer Schokolade,
Mars, Snickers sowie gedörrten Mango und Ananas ergänzt. Auch die Fotoausrüstung
ist komplett: 20 Dia-Filme und Ersatzbatterien. Ich bin zurück in Bangkok um das
Flugticket abzuholen. Mein Rückflug von Islamabad nach Bangkok konnte in der
Zwischenzeit dank der Intervention meiner Trekking Agentur für den 29. August
bestätigt werden. Das ist schon mal eine positive Überraschung. Was hätte ich
ansonsten bis zum 5. September in Islamabad gemacht? Ich bin startbereit. Das
grosse Abenteuer kann beginnen. Da mein Flug erst um 00.45 Uhr stattfindet,
versuche ich noch einige Stunden im Hotelzimmer zu entspannen. Ich bin
angespannt. Mein Buddah! Wenn das nur alles gut geht! Ich bin eigentlich sehr
zuversichtlich. Es ist ja keine Reise mehr ins Ungewisse
wie vor zwei Jahren, als ich nach Karachi flog. Ich werde von meinem Guide Saeed
am Flughafen abgeholt, kenne mich nun schon ein wenig aus und brauche mich um
nichts zu kümmern. Alles wird von meiner Trekking-Agentur erledigt. Das Einzige
das ich selber machen muss, ist laufen. Mein Ziel, alle 8000er zu sehen, rückt
nun sehr nahe. Zum Glück gibt es nur 14 Achttausender, sonst müsste ich noch
mehr solch strapaziöse Reisen unternehmen!
Etwas bleibt mir jedoch völlig rätselhaft. Der Flug mit der Pakistan Airlines
soll acht Stunden dauern! Nach Karachi vor zwei Jahren benötige doch der Flug
nur etwa fünf Stunden. Gibt es etwa eine Zwischenlandung? Mein Reisebüro
bestätigt, dass es sich um einen Direktflug handelt. Wie kann man mit einer
Zeitdifferenz von zwei Stunden um 00.45 starten und um 06.45 in Islamabad
ankommen? Irgendetwas ist da faul, doch mir ist es im Prinzip egal, Hauptsache
ich komme wie geplant am frühen morgen an.
Des Rätsels Lösung
Auf die Minute genau um 00.45 Uhr löst sich der aus Hong-Kong kommende Airbus
310 vom Dock. Vor dem Abflug ertönt das Gebet im Boardlautsprecher. Inshallah!
Wir haben abgehoben. Unter uns die Hunderttausenden von Lichtern der
thailändischen Metropole. Die Fluginformationen erscheinen am Bildschirm.
Flugdauer: 8 Std 05, Distanz: 3651 km, Geschwindigkeit: 835 Std/km! Man muss
kein Mathematikgenie sein um festzustellen, dass da etwas nicht stimmt. Acht
Stunden x 835 Km würde ja eine Distanz von 6’680 km ergeben! Als auf der
Flugkarte das Flugzeug dann noch Richtung Norden statt westlich über Myanmar und
Kalkutta fliegt, bin ich völlig perplex. Kam das Flugzeug nun von Hong-Kong oder
fliegen wir eventuell nach Hong-Kong? Blödsinn, dass kann doch nicht sein. Ich
spüre wie die Maschine plötzlich an Höhe verliert. Eine Kontrolle auf meinem
Höhenmesser bestätigt dies. Innert wenigen Minuten sind wir dreihundert Meter
gesunken. Gibt es nun doch eine Zwischenlandung? Aber wo? Da käme eigentlich nur
Vientiane in Laos in Frage. Aber so etwas wäre doch vorher bekannt. Oder gibt es
etwa eine Notlandung? Ich rufe die Stewardess. Das Rätsel löst sich schnell auf:
da die Pakistan Airlines keine Erlaubnis hat über indisches Gebiet zu fliegen,
geht die Flugroute nach China um Islamabad dann von Norden anzufliegen! Der
Verlust an Höhe erklärt sich durch grössere Turbulenzen, die auf einer tieferen
Höhe ausgewichen werden. Somit wäre das letzte Rätsel gelöst und ich kann
endlich einschlafen.
Die Flugroute von Bangkok nach Islamabad
Spektakuläre Bergwelt
Es ist 04.00 Uhr Pakistan-Zeit als mein Sitznachbar die Fensterverdunkelung
öffnet. Es ist schon hell draussen. Die Sicht ist sehr klar. Schneeberge kommen
ins Blickfeld. Moment mal, wir kommen von China und fliegen Islamabad von Norden
an? Da sollten wir doch über das Karakorumgebirge fliegen und den K2 sehen! Ich
bin hellwach. Ich erkundige mich bei einem Steward. Ja, etwa eine Stunde vor der
Landung sollte der K2 auf der rechten Seite sichtbar sein. Der Stewart
arrangiert mir einen Fensterplatz hinter dem Flügel um besser fotografieren zu
können. Doch zuerst wird das Frühstück serviert. Sogar ein Kafferahm der
Toni-Molkerei made in Switzerland ist auf dem Tablett zu finden. Erstaunlich!
Wir fliegen über zwei markante, parallel verlaufende schneebedeckte Gebirgskämme. Ich bin
schon ganz aus dem „Häuschen“.
Der Steward ruft mich nun auf die linke Seite. Der K2 soll auf dieser Seite zu
sehen sein! Hatte ich mir ja auch gedacht, denn ich kenne mich in der
Zwischenzeit in der Geographie von Nordpakistan etwas aus. Zusammen mit dem
Steward warten wir auf das grosse Ereignis. Das Gebirge wird immer wilder und
dichter. In der Ferne ist eine schwarze Pyramide über den anderen Bergen zu
erkennen: es ist der K2! Fantastisch. Dort werde ich, wenn alles gut geht,
nächste Woche sein! Etwas weiter rechts fällt ein anderer schwarzer Gipfel auf.
Es sieht aus wie die Flosse eines Haifisches die aus dem Wasser ragt! Welcher
Gipfel wird das wohl sein? Es könnte der Chogolisa sein! Die Sicht auf die Berge wird in der morgendlichen Sonne immer fantastischer. Wir
überfliegen die zahlreichen 7000er der Hunza Region. Fünf Minuten später kommt die ganze Pracht des Nanga
Parbat
aus 10'800 m Höhe in Sicht. Der Berg ist zum berühren nahe. Die Raikhot-Seite
mit dem 8125 m hohen Hauptgipfel ist von der Sonne hell beleuchtet. Die
Südseite, die Diamir-Flanke, liegt noch im Schatten. Mensch, war das ein
Auftakt. Ein gigantisches Flugerlebnis. Kurz vor der Landung in Islamabad lässt
sich der Steward mit Passagieren fotografieren und schüttelt jedem dreimal die
Hände. „Das Flugzeug ist mein Zuhause und jedermann ist herzlich willkommen“
meint er zu mir. Eine so nette, freundliche Flugbegleitung habe ich bisher noch
nie erlebt.
Bergkette in China
K 2 (8611 m) - Die schwarze Pyramide am Horizont
Bild links: K 2 und Chogolisa - Bild rechts: Nanga Parbat (Raikhot Seite) im Morgenlicht
Es kann losgehen!
Die Immigration ist in Rekordzeit erledigt, die Gepäckausgabe ist umso
langsamer. Während ich auf meinen Rucksack warte, bringt mir der Stewart einen
Dia-Film, den ich wohl in der hektischen Fotografierphase hatte fallen lassen.
Bei welcher Fluggesellschaft gibt es so was? Saeed, mein Guide, erwartet mich.
Es gibt eine herzliche Begrüssung. Nun kann es losgehen. Aufgrund meiner
Beschwerden vor der Abreise aus der Schweiz hat meine Trekking-Agentur die
Marschroute etwas abgeändert. Viele Möglichkeiten gibt es zwar nicht, denn die
Lagerplätze zwischen den einzelnen Trekkingsetappen stehen im Grunde fest: nur
an sehr wenigen Stellen ist Trinkwasser vorhanden und genügend ebene Stellen um
die Zelte aufzustellen.
Das Programm:
Tag 01: Ankunft in Islamabad International Airport, Transfer zum Hotel,
Briefing beim Ministerium für Tourismus, Übernachtung im Hotel
Tag 02: Flug nach Skardu, Übernachtung im Hotel
Tag 03: Reservetag für Flug nach Skardu oder Fahrt auf dem Karakorum
Highway nach Chilas
Tag 04: Fahrt von Chilas nach Skardu (7-8 Std), Übernachtung im Hotel
Tag 05: Jeep-Fahrt nach Askole (6-7 Std), Übernachtung im Camp
Tag 06: Trek 3-4 Std nach Kurfong (3080 m) - Camp
Tag 07: Trek 4-5 Std von Kurfong nach Bardumal (3190 m) – Camp
Tag 08: Trek 5-6 Std von Bardumal nach Paiju (3400 m) – Camp
Tag 09: Ruhetag in Paiju
Tag 10: Trek 3-4 Std von Paiju nach Liligo (3600 m) – Camp
Tag 11: Trek 3-4 Std von Liligo nach Urdukas (4000 m) – Camp
Tag 12: Trek 6-7 Std von Urdukas nach Goro II (4300 m) – Camp
Tag 13: Trek 5-6 Std von Goro II nach Concordia (4700 m) –Camp
Tag 14: Exkursion Basislager K 2 (5135 m) - Camp
Tag 15: Trek zurück nach Goro I – Camp
Tag 16: Trek nach Liligo – Camp
Tag 17: Trek nach Paiju – Camp
Tag 18: Trek nach Jolah – Camp
Tag 19: Trek nach Askole – Camp
Tag 20: Jeep-Fahrt zurück nach Skardu – Übernachtung im Hotel
Tag 21: Flug nach Islamabad oder Busfahrt nach Chilas
Tag 22: Freier Tag in Islamabad oder Fortsetzung der Busfahrt
Tag 23: De-Briefing beim Ministerium für Tourismus, Ausflug nach Texilia
Nach einer kurzen Verschnaufpause im Hotel geht es gleich weiter. Wir müssen zum
Briefing ins Ministerium für Tourismus. Für ein Trekking zum K2 braucht es eine
Bewilligung und ein lizenzierter Guide. Dieser muss gewährleisten, dass die
Reglemente eingehalten werden. Es darf zum Beispiel kein Holz geschlagen werden.
Für die Träger müssen auch Lebensversicherungen abgeschlossen sein. Ich werde vom zuständigen Chefbeamten,
Mr. Ayaz Kahn Afridi, begrüsst. Nach kurzem Interview unterschreibt er ein
ganzes Bündel Papiere, ohne die wir bei den verschiedenen Polizeikontrollen
unterwegs nicht durchkämen.
Inzwischen in es Mittag geworden. Es ist unheimlich heiss, wesentlicher heisser
als in Bangkok. Nach dem Mittagessen im Restaurant Kabul (ein Insidertipp) falle
ich im Hotelzimmer totmüde um.
Tagebuch des Trekkings:
Tag 02: Islamabad – Skardu
Tagwache 06.00 Uhr. Wenn wir Glück haben können wir heute nach Skardu fliegen.
Das Wetter ist gut. Aber das will noch lange nichts heissen. Flüge nach Skardu
sind infolge der meistens schlechten Wetterverhältnissen am Nanga Parbat sehr
selten. Um halb acht sind wir am Domestic Airport. Das Check-in ist offen. Wir
sind zuversichtlich. Eine Fokker-Maschine ist soeben aus Gilgit angekommen. Das
ist ein gutes Zeichen. Die Chancen stehen gut. Saeed erklärt mir, dass er schon
Flüge erlebt hat, bei welchen die Maschine zehn Minuten vor der Landung wieder
umgekehrt sei!
Ich muss auf die Toilette. Anstelle unserer westlichen Pissoir finde ich eine
Wand mit einem Wasserhahnen vor, darüber eine Tafel mit der Inschrift „Place for
Ablation“! Platz für was? Dummerweise ist gerade niemand anwesend und um nicht
etwas Falsches zu tun, benutze ich vorsichtshalber die Kabine. Wer weiss,
vielleicht wäscht man sich dort die Füsse vor dem Beten. Das wäre peinlich wenn
ich dort einfach hinein pinkeln würde! Das Boarden wird freigegeben. Es ist
nicht mehr die jüngste Maschine, eine B 737. Mit dem Fensterplatz rechts hat es
auch geklappt. Ich habe kaum Zeit das Frühstück einzunehmen, schon rückt ein
Schneekoloss ins Blickfeld. Das kann nur der Nanga Parbat sein. Heute fliegen
wir ihn von Süden an. Im Gegensatz zu Gestern strahlt die Diamirflanke heute im
Sonnenlicht.
Der Nanga Parbat (Diamir Seite)
Kurz darauf ist auch sehr schön das Tal hinauf zur Märchenwiese zu
erkennen. Der Rakaposhi soll auf der linken Seite zu sehen sein, meldet der
Kapitän. Diesen werden wir dann beim Ruckflug fotografieren. Die Bergwelt wird
immer imposanter. Wir biegen ins Indus-Tal ein, das für den Piloten als
Wegweiser nach Skardu gilt. Wir fliegen hohen kargen Bergen zum Berühren nahe
entlang. Nach vierzig Minuten macht sich plötzlich ein breites grünes Tal auf.
Wir sind in der Oase Skardu angekommen. Die Maschine scheint nicht umzukehren.
Wir sind uns jedoch erst sicher als sie landet. Die Temperatur ist etwas
angenehmer als in Islamabad, aber immer noch 26˚ Celsius und dies auf 2300 ü.M.
Die Fahrt in die 15 km entfernte Stadt gibt einen ersten Eindruck was ich wohl
noch alles zu erwarten habe. Skardu ist die Hauptstadt von Baltistan und hat
etwa 5'000 Einwohner die sich Baltis nennen. Die Stadt ist nicht gerade
einladend. Der Bazar besteht aus einer Reihe Betonbuden entlang der Strasse.
Alles ist dreckig und staubig. Die Landschaft ist geprägt durch gewaltige
Erosionsflanken. Wir sind im Concordia Motel untergebracht, eine nette kleine
Anlage mit einem schönen Garten mit Sicht auf den friedlich fliessenden Indus.
Viele Trekking-Gruppen und Expeditionen kommen hierher. Die zahlreichen
Expeditionskarten an den Anschlagbrettern zeugen davon. Die Schweizer
Expeditionen von Andre Georges, Jean Troillet und Kari Kobler die vor wenigen
Wochen versuchten den K2 zu besteigen, scheinen nicht hier abgestiegen zu sein.
Bereits gibt es eine erste Änderung im Fahrplan. Da unser Koch (mit dem Bus aus
Islamabad unterwegs) noch nicht angekommen ist, können wir morgen nicht nach
Askole weiterfahren. Das ist nicht besonders schlimm, denn mit dem heutigen Flug
haben wir schon einen Tag Vorsprung auf den Marschplan.
Tag 03: Skardu
Der Koch, Mr. Aziz ist gestern am späten Nachmittag noch eingetroffen. Im Hotel
herrscht ein reges Treiben. Eine Trekking-Gruppe aus Spanien und eine Expedition
aus Polen sind im Hotel. Das Wetter ist auch heute wieder schön, der Flug aus
Islamabad ist jedoch abgesagt worden. Mensch, haben wir Glück gehabt. Um nicht
faul den ganzen Tag herumzusitzen, organisiert Saeed eine Jeep-Fahrt zum Sadpara
See (2'700 m). Der See sichert die Wasserversorgung von Skardu. Bereits wurde
mit dem Bau eines Staudammes begonnen der die Stadt in 2-3 Jahren mit Strom
versorgen soll. Sadpara ist bekannt für seine Forellen. Die Fische haben
geschmeckt, die Rückfahrt auf der sich im Bau befindlichen Strasse, ist aber die
reinste Höllenfahrt.
Zurück im Hotel wird es langsam Ernst. Unser Koch hat in der Zwischenzeit auf
dem Markt frisches Gemüse und drei Hühner eingekauft. Diese armen Hühner: sie
werden den K2 leider nicht zu sehen bekommen! Beim betrachten des sich inzwischen
angesammelten Materials wie Zelte, Kocher, Küchenmaterial, Proviant für sechzehn
Tage inklusive die Träger, 75 Liter Kerosen wird mir erst richtig bewusst, dass wir eine Kleinexpedition sind. Um
die ganze Ausrüstung zu tragen benötigen wir 16! Träger. Die Ausrüstung muss nun
in Portionen zu 25 Kg, soviel trägt ein Träger, abgepackt werden. Der Jeep ist
auch bestellt. Morgen früh geht es also los nach Askole, 147 Km, eine Fahrt die 6
bis 7 Stunden dauern soll.
Tag 04: Skardu (2300 m) – Askole (3000 m)
04.30 Uhr ist Tagwache. Wir wollen um 06.00 Uhr abfahren. Beim beladen des Jeeps
entbrennt ein Palaver. Irgendwelche Probleme? Um halb sieben geht’s endlich los.
Kurz nach Skardu überqueren wir die neue Brücke über den Indus. Vorsicht! Es
besteht ein absolutes Fotoverbot. Der erste Streckenteil bis Eingangs Shigar ist
bereits geteert. Danach beginnt die Naturstrasse die jedoch gut befahrbar ist.
In Haiderabad legen wir eine kurze Teepause ein. Hier laden wir auch die ersten
Träger auf. In Dassu ist die letzte Polizeikontrolle. Goldgelbe Weizen- und
Gerstenfelder kontrastieren wunderschön in der öden, wüsten- und steppenartigen
Landschaft. Die Aprikosenbäume sind voll von kleinen gelben Früchten. Diese
werden auf den Flachdächern der Behausungen gedörrt. Ab Dassu wird der Weg immer
wilder. Die schmale Strasse, teils aus mörderischen Schotter, führt durch enge
Schluchten, hinauf und hinunter, über den tobenden Braldo. Der Weg entlang des Braldo ist unglaublich. Einige Wegstücke sind in die Felsen gehauen. Um eine
solche Fahrt schadlos zu überstehen braucht es ein absolutes Vertrauen in Fahrer
und Fahrzeug. Einige Male stockt jedoch auch mir der Atem. Eine letzte
schwankende Hängebrücke ist zu überqueren und nach 6 ½ Stunden haben wir unser
Ziel Askole erreicht. Das Dorf ist durch den Fluss getrennt und befindet sich
etwa fünfzig Höhenmeter oberhalb unseres Zeltplatzes auf einer Terrasse. Askole
wird wegen dem Mango Gusor (6288 m), der eine Ähnlichkeit mit dem Matterhorn
haben soll, in einigen Reiseberichten auch das „Zermatt von Baltistan“ genannt.
Die Autoren müssen bei diesem Vergleich wohl schon unter der Höhenkrankheit
gelitten haben.
Mensch, ich bin in Askole! Ich kann es kaum fassen.
Für die meisten wird dieser Name recht wenig bedeuten. Als Himalaja- und
Karakorum-Historiker ist Askole ein Begriff und löst beinahe Emotionen aus.
Bereits 1856 war hier der Münchner Forschungsreisende Adolf Schlaginweit. Auch
zwei Schweizer Bergsteiger waren schon vor mehr als Hundert Jahren hier!
Matthias Zurbriggen aus Saas-Almagell begleitete 1892 eine britische Expedition
zum K2. Was mich bei diesen früheren Expeditionen dabei so fasziniert, ist der
Anmarsch. Zurbriggen benötigte damals fünf Monate um von London nach Askole zu
gelangen! Heute ist man, sofern es mit den Flugverbindungen klappt, in drei
Tagen dort! 1902 besuchte mit Dr. Jules Jacot-Guillarmod aus Genf, ein weiterer
Schweizer die Hochoase.
Als wir in Askole ankommen hat sich eine
ansehnliche Menge Männer des Dorfes angesammelt um als Träger engagiert zu
werden. Auch wir brauchen noch etwa zehn Träger.
Es ist bedeckt, einige Regentropfen fallen. Ein heftiger Wind
wirbelt Staub auf, sodass ich ins Zelt flüchten muss. In der Zwischenzeit ist
auch die spanische Trekkingruppe angekommen die über den Gondoro La will. Im
Verlaufe des Nachmittags kommt die Sonne wieder zum Vorschein. Einige der Träger
spielen gegen Soldaten des Armeepostens Volleyball.
Um halb acht wird es dunkel. Nach dem Nachtessen im Küchenzelt hat man meistens
nur noch eine Wahl: ab in den Schlafsack.
Morgen schlägt die Stunde der Wahrheit!
Bild links: Unser Camp in Askole - Bild rechts: Mango Gusor (6288 m)