Tag 05: Askole (3000 m) – Kurfong (3080 m)
05.00 Uhr: Tagwache. Die Träger haben unter freiem Himmel
geschlafen. Heute beginnt der Ernst des Lebens! Nach dem Frühstück wird zusammengepackt. Bis wir startbereit und die
Lasten auf die Träger verteilt sind, vergehen zwei Stunden. Wir starten
gleichzeitig mit der spanischen Trekkinggruppe die in unserem Hotel in Skardu
logierte. Die heutige Etappe sollte, von der Topographie her gesehen, eigentlich
nicht allzu schwer sein. Nur achtzig Meter Höhendifferenz. Auch die Marschdauer,
mit drei bis vier Stunden angegeben, sollte kein Problem bieten. Eine
ansehnliche Kolonne von Trekker und Träger setzt sich in Marsch. Entgegen meinen
bisherigen Trekkings in Nepal steht mir diesmal ein Träger zur Verfügung. Ich
trage lediglich einen kleinen Tagesrucksack mit der Fotokamera, aber auch der
wiegt schon schwer genug. Frohen Mutes ziehe ich los. Nach Hundert Meter biegt
die Spitze der Kolonne unerwartet in ein steiles Geröllfeld ein, das zum Dorf
Askole hinauf führt. Bereits nach einer Viertelstunde bin ich völlig ausgepumpt.
Da glaubst Du einen gemütlichen Start zu haben und dann so etwas! Das fängt ja
gut an! Vor lauter Anstrengung muss ich mich fast übergeben. So eine Sch…!
Vielleicht waren die beiden Spiegeleier zum Frühstück auch nicht gerade ideal
für den Start eines Trekkings. Oben auf der Terrasse angelangt führt der Weg
durch grüne Weizenfelder ins Dorf. Hohe Pappeln zieren die Landschaft. Die
Menschen wohnen hier in furchtbar primitiven Verhältnissen. Die Wohnhäuser
bestehen aus Stein- und Lehmhütten. Wir haben das Dorf hinter uns gelassen. Der
Weg ist breit, leicht ansteigend. Der Mango Gusor liegt nun direkt gegenüber
uns. Nach 2½ Stunden erreichen wir die spektakuläre Biafo-Hängebrücke. Sie ist
zwischen zwei riesigen runden Felsbrocken angebracht und sieht ziemlich
furchterregend aus. Von meinen früheren Trekkings schon einiges gewöhnt, bietet
mir die wackelige Überquerung kein Problem.
Die Biafo-Hängebrücke
Auf der anderen Seite angelangt legen wir eine Tee- und Biskuitpause ein. Aziz
stellt uns gedörrte Aprikosen, Weintrauben und Mandeln auf. Die Aprikosen sehen
zwar schön aus, sind aber hart wie Stein. Vermutlich sind sie von der
pakistanischen Zahnärztegesellschaft gestiftet worden! Nach der Pause spüre ich
wie mein Fussgelenk langsam unbeweglich wird. Der Weg durch das breite flache
Tal ist zum Laufen nicht schwierig, ja fast eine „Autobahn“. Die Sonne drängt
immer mehr durch die Wolken. Es wird unglaublich heiss. Eine Marschstunde vor
Erreichen unseres Camps erreichen wir den Ausläufer des Biafo-Gletschers. Der
Weg führt nun auf und ab über Schotter und weicht dem linken Flussufer entlang
aus. Ich werde zusehends müder. Auch das Flussgelenk schmerzt immer mehr. Ich
komme in diesem unliebsamen Gelände kaum mehr vorwärts. Endlich, nach 4 ½
Stunden erreiche ich das Camp in Kurfong. Als ich ankomme machen sich die
Spanier zum Weitermarsch bereit. Sie haben hier ihre Mittagspause verbracht. Ich
bin froh hier bleiben zu können, viel weiter würde ich es nicht schaffen. Den
ganzen Nachmittag liege ich im Zelt, das Bein hochgelagert. Zur Behandlung
benütze ich einen Kältespray. Ich kann mein Fussgelenk kaum mehr bewegen. Eine
Stunde nach der Ankunft beträgt mein Puls noch immer 102 Schläge. Die morgige
Etappe soll auch wieder vier Stunden dauern. Wie soll ich das schaffen, wenn ich
schon jetzt meinen Fuss kaum mehr belasten kann? Ich habe den K 2 bei meinem
Anflug nach Islamabad ja schon gesehen, was will ich da erzwingen? Im Camp gibt
es auch Esel. Soll ich einen Esel für die morgige Etappe anheuern? Aber die
können Maximum Lasten bis zu fünfzig Kilos tragen. Warten wir den morgigen Tag
ab, vielleicht ist ja mein Fussgelenk bis dahin wieder besser.
Tägliche Behandlung mit Kältespray
Tag 06: Kurfong (3080 m) – Bardumal (3190 m)
05.30 Tagwache. Nach wie vor kann ich meinen Fuss kaum belasten und humple ins
Küchenzelt. Das wird ja lustig heute! Um Nachts nicht aus dem Zelt gehen zu
müssen, habe ich in eine Mineralflasche gepinkelt! Not macht erfinderisch.
Die ersten Meter sind unheimlich mühsam. Dazu gleich wieder die erste
Schwierigkeit. Um den kleinen Bach zu überqueren muss ich von Stein zu Stein
springen. Ein kleiner Balanceakt schon am frühen Morgen. Nach einer halben
Stunde geht es mit dem Marschieren überraschend gut. Der Weg ist auch heute
wieder über weite Streckenteile schön und flach. Ab und zu folgen wir über
Sandbänke dem Flussufer entlang. Dann geht es wieder über spektakuläre steile
Kornischen. Als wir wieder einmal dem Flussufer entlang durchschlängeln,
erreichen wir plötzlich eine zehn Meter breite Passage ohne Weg! Dass auch noch
Kletterpartien zu bewältigen sind, davor war nirgends die Rede. Für geübte
Kletterer ist die Passage sicher lächerlich. Für unsereins schon ein kleineres
Problem. Im ersten Augenblick weiss ich auch nicht genau wie ich diese Passage
bewältigen soll. Saeed, Aziz und die Träger sind mir dabei behilflich dem Felsen
entlang über den reissenden Bach zu klettern. Jetzt versteh ich auch weshalb die
Einheimischen keine Esel für den Transport benützen.
Das Wetter ist wiederum bedeckt. Schade, denn von den umliegenden Bergen ist
kaum etwas zu sehen. Zum Marschieren ist es jedoch angenehm. Nach zwei Stunden
führt der Weg unerwartet dem Bach Dumodo entlang links in ein Tal hinein. Saeed hatte mir doch erklärt, dass es immer geradeaus dem Braldu entlang
gehe! Zusammen mit Aziz laufen wir nun recht zügig. Nach einer weiteren halben
Stunde kommen auf der gegenüberliegenden Seite des Tales kleine Häuschen in
Sicht. Es sind die Toilettenhäuschen des Jhola-Camp. Dort haben die Spanier
gestern übernachtet, erklärt mir Aziz. Was, die sind noch so weit gelaufen? Das
ist ja wahnsinnig! Aber, heisst das, dass wir auch dort hinüber müssen? Ich
lasse mir belehren, dass wir zuerst über die sich weiter oben befindende
Hängebrücke müssen. Ach, Du Scheisse! Weshalb konnte diese Brücke nicht bei der
Einbiegung ins Tal gebaut werden? So „verlauern“ wir ja 1 ½ Stunden für nichts,
denn der ganze Weg muss auf der anderen Talseite wieder zurückgelaufen werden.
Nach 3 ½ Stunden sind wir im Jhola-Camp angekommen. Ich bin fix und fertig. Bis
zwei Stunden Marschieren geht es ganz gut, aber dann schwinden meine Kräfte
rapide. Aziz stellt wiederum Tee und Biskuits auf, doch vor lauter Erschöpfung
bringe ich fast nichts herunter. Am liebsten würde ich gleich hier übernachten.
Wir sind alleine im Camp. Das Camp wurde dieses Jahr eröffnet und bietet als
Komfort Toiletten und Duschen an. Die meisten Gruppen halten sich hier nicht
lange auf. Das Camp ist inmitten einer öden Steinwüste in der prallen Sonne gelegen.
Bis die gepflanzten Jungbäume Schatten erzeugen, werden noch einige Jahre
vergehen! Für einen Augenblick bleibt mein Blick an einem bizzar aussehenden, mit einer Schneekuppe
bedeckten Gipfel hängen. Er sieht aus wie ein riesiger Daumen. Ich möchte wissen wie der Berg heisst.
Grosses Schulterzucken. Ach, was diese Ausländer auch immer alles wissen wollen! Es
gibt hier so viele Gipfel, man kann doch nicht jeden 6000er benennen. So gebe
ich ihm den Namen "Aziz-Peak".
Im Jhola Camp...
Der Aziz-Peak der sich später als Mango Gusor (6288 m) herausstellte (Foto Frau Edda Senze, Nordhausen - DE)
Bis zum
Tagesziel in Bardumal soll es noch zwei Stunden gehen. Ich schleppe mich
förmlich vorwärts. Zum Glück habe ich meine zwei Skistöcke dabei, ohne die wäre ich
auf verlorenem Posten. Bei jeder Steigung komme ich derart in Atemnot, dass ich
schlimmere Töne als damals Emil Zatopek, die tschechische Lokomotive, von mir gebe. Ich
kann die Umgebung gar nicht mehr richtig wahrnehmen. Bei jedem Schritt muss ich
aufpassen wohin ich trete, denn jede Unebenheit zuckt im Fussgelenk. Aziz ist
vorausgegangen um die Küche aufzubauen. Nur noch Saeed ist bei mir. Ich werde
immer langsamer. Mein Fussgelenk fühlt sich an wie ein Klumpen, ohne Gefühl, wie
abgestorben. Gegen Schluss der Etappe geht es wiederum in Geröllhalden. Das ist
für mich verdammt mühsam. Ich hasse Geröllhalden, so wie ich Steintreppen hasse.
Das Camp soll nicht mehr weit sein. Das gibt mir Mut. Das letzte Teilstück dem
Flussufer entlang ist wiederum das Schwierigste des ganzen Tages. Erneut
erreiche ich das Lager mit letzter Kraft. Es folgt die gleiche Prozedur wie
gestern: Fuss hochlagern und sprayen. Ich weiss nicht wie das so weitergehen
soll. Für Etappen die mit 3-4 Stunden angegeben sind, wie heute, brauche ich 6 ½
Stunden! Für die morgige Etappe nach Paiju, die 5-6 Stunden dauern soll, brauche
ich ja 8-9 Stunden! Diese Etappe muss ich aber unbedingt schaffen, danach gibt
es einen Ruhetag. Vielleicht geht es danach mit dem Fuss besser. Was mir aber
vielmehr zu denken gibt, ist der Rückmarsch. Jeden Meter den ich weiter komme,
muss ich wieder zurück laufen. Gemäss dem Zeitplan meiner Trekking-Agentur hat
diese für den Rückmarsch weniger Zeit eingeplant als beim Aufstieg, beim
hinunterlaufen bin ja aber fast langsamer als beim hinauflaufen! Bald kommt auch
noch die Höhe dazu. Mir wäre es fast lieber auf dem Concordiaplatz keine
Übernachtung einzuplanen und dafür lieber mehr Zeit für den Abstieg zu haben.
Sollte das Wetter aber beim Erreichen des Concordiaplatzes schlecht sein, wäre
es auch frustrierend absteigen zu müssen ohne die Berge gesehen zu haben, für
welche man ja so weit her gereist ist.
Ich verbringe wiederum den ganzen Nachmittag im Zelt und rege mich über die
vielen wild herumsurrenden Fliegen auf. Das sind doch nun wirklich, nebst den
Mücken, die dümmsten Lebewesen die es gibt. Sie können es nicht lassen
einem ständig die Nase, die Ohren oder die Stirne zu
kitzeln. Was haben die in der Natur überhaupt für einen Nutzen ausser Kuhfladen
aufzufressen?
Unsere Einrichtung im Küchenzelt ist spartanisch. Wir haben keinen Tisch und
Stühle zum Essen. Da wir Europäer meist mir der asiatischen Sitzweise Mühe
bekunden, ist es für mich recht ungemütlich, ehe mir Aziz eine leere
Materialtonne als Stuhl einrichtet. Aziz, 36, kommt wie Saeed aus dem Hunza-Tal.
Von Beruf ist er Elektriker, arbeitet in der Trekking-Saison aber schon seit
einigen Jahren als Expeditionskoch. Seit drei Monaten ist er unterwegs und hat
Frau und Kind nicht mehr gesehen. Auch Mansour, der Hilfskoch, kommt aus Hunza.
Es stellt sich heraus, dass Saeed und Mansour in die gleiche Schule gingen. Eine
besondere Freundschaft verbindet daher die Beiden. Ich mag Mansour auch sehr. Um
die Abende zu verkürzen, erinnern wir uns im Küchenzelt von unseren gemeinsamen
Abenteuern am Nanga Parbat. Es gibt jedoch auch seriöse Gespräche. Saeed, der
als Erzieher von Eltern arbeitet, ist zwischendurch auch für ausländische
Fernsehteams und japanische Hilfsorganisationen als Verbindungsmann tätig. Ich
erfahre daher viel über die Bevölkerung und deren Leben.
Aziz, unser Koch
Tag 07: Bardumal (3190 m) – Paiju (3400 m)
Letzte Nacht hat es geregnet. Die Temperatur auf 3000 m Höhe ist nicht allzu
kalt. Ohne Schlafsack wäre es wohl doch ein wenig zu kühl. Mit dem Fuss geht es
überraschend gut. Vielleicht geht es nun doch wie erhofft jeden Tag etwas
besser. Der Weg ist wiederum leicht. Auf der linken Seite erscheint eine
Felsformation die den Fisistöcke ob Kandersteg gleicht. Zeitweise kann ich fast
mit den Trägern Schritt halten. Es ist erneut bedeckt. Heute und Morgen ist mir
dies ja noch egal, aber ab Übermorgen, wenn dann die grossen Berge in Sicht kommen,
wäre es schon an der Zeit, dass sich das Wetter endlich bessert. Die ersten drei Stunden fühle
ich mich gut. Gegenüber den ersten beiden Tagen führe ich in meinem
Tagesrucksack auch etwas Zwischenverpflegung mit. Regelmässig schalte ich kurze
Pausen ein und esse jeweils ein halbes Ovo Sport oder einen Schokoladeriegel.
Seit Askole folgen wir über weite Strecken dem Telefonkabel das ins Militärcamp
auf dem Concordiaplatz führt. Wir sind hier nur einige Kilometer von der
chinesischen Grenze und dem umstrittenen Kaschmir-Gebiet. Die Präsenz des
Militärs macht sich auch durch die vielen Helikopterflüge bemerkbar.
Nach der Mittagspause baue ich wie immer ab. Heute war bisher die leichteste
Etappe. Bis Paiju soll es nur noch 1½ Stunde gehen. Im Schlussteil geht es
wiederum über ein Moräne. Ein endloses rauf und runter. Weshalb ist der
schwierigste Teil immer am Schluss der Etappe? Von der Anhöhe ist der
grüne Flecken von Paiju bereits zu sehen. Bald sind wir dort. Zuerst ist aber
noch ein reissender
Bach zu überqueren. Keine leichte Sache will man mit trockenen Füssen
hinüber kommen. Aziz, Saeed und Mansour werfen grosse Steine hinein um mir die
Passage zu erleichtern. Auch dieses Hindernis bewältige ich. Saeed und Mansour
sind vorausgeeilt um die Zelte aufzubauen. Ich folge Aziz durch das Geröll. Der
Weg führt erneut den Fluss entlang. Je nach Wasserstand geht es steil
hinauf in die erodierten Flanken. Ekelhaft das Marschieren in diesen schrägen
Hängen, dazu noch in loser Erde. Man muss aufpassen nicht abzurutschen. Aziz
führt mich in eine solche Flanke hinein. Es wird immer steiler. Auf einmal
bekomme ich es mit der Angst zu tun. Nein, da hinauf geh ich auf keinen Fall
weiter. Völlig erschöpft setze ich mich auf einer winzigen Plattform, etwa
zwanzig über dem Fluss, nieder. Aziz klettert zurück. Dem Fluss entlang soll es
besser gehen, ruft er mir zu. Ich bin jedoch kraftlos, ich kann mich gar
nicht mehr erheben. Ich kann nicht einmal die Arme hochheben und mich mit den
Stöcken aufzustützen! Ich gebe Aziz das Zeichen, dass ich nicht mehr weiter
will. Aus! Fertig! Schluss! Ich mache Aziz zu verstehen, dass ich zurück will!
Doch auch ein Zurück würde ich kaum mehr schaffen. Aziz befreit mich aus meiner
misslichen Lage. Gestützt auf seinen muskulösen Oberarmen führt er mich langsam
wieder zum Ufer hinunter. Er entschuldigt sich, den falschen Weg gewählt zu
haben. Dem Fluss entlang ist es effektiv leichter. Es gibt zumindest eine
Passage. Wiederum gilt es über die aus dem Bach herausragenden Steine einen Weg
zu finden. Eine Kräftezehrende Übung. Saeed, der im Camp von einem Träger
mitbekommen hat, dass ich nicht mehr weiter will, kommt angerannt. Er nimmt mich
an der Hand und führt mich die letzten Meter hinauf auf die Anhöhe des Camps. 7½
Stunden war ich unterwegs.
Das Paiju Camp
Die Spanier haben hier heute ihren Ruhetag verbracht. Den ganzen Nachmittag
verbringe ich erschöpft in meinem Zelt. Erst gegen Abend komme ich dazu die
Umgebung zu erkunden. Das Camp ist an einem wunderschönen Platz gelegen. In den
oberen Terrassen hausen die Trekking-Gruppen, unten die Träger. Das Camp ist
sauber. Kunststück: es wurde ja auch erst letzten Juni neu eröffnet. Ich möchte
nicht wissen wie es in fünf Jahre hier aussehen wird!
Geradeaus Richtung Concordia ragen die senkrechten Wände der Trango Türme aus dem
Gletscher empor. Alles 6000er. Auf der rechten Talseite trohnt der Liligo Peak (5600 m) über das Tal. Weiter rechts ist von der vorgelagerten Bergkette, ein
Teil der Eiskarapace des Munar Peaks zu sehen.
Die Trango Türme
Der Liligo Peak (5600 m)
Tag 08: Paiju
Das System mit der Flasche hat sich gut bewährt und erspart mir nachts den
mühsamen Weg zu den Toilettenhäuschen. Aber was passieren musste, passiert: die
Flasche entgleitet mir und die Hälfe des Inhalts fliesst über den Schlafsack und
meine Notizen! Äh, was für eine Sauerei!
Heute ist Ruhetag. Ich habe mich vom gestrigen Tag noch immer nicht ganz erholt.
Wir halten Kriegsrat, denn wir müssen besprechen wie es mit den Trägern
weitergeht. Bis hierher war eigentlich der leichteste Teil des Trekks. Mit dem
Betreten des Baltoro Gletschers soll es wesentlich schwieriger werden, dazu
kommen wir in eine Höhe von über 4000 Meter. Angesichts der bisherigen drei
Etappen, muss ich wohl einsehen, dass mein Wunschtraum, den Concordiaplatz zu
erreichen, resp. alle vierzehn Achttausender zu sehen, leider nicht in Erfüllung
gehen wird. Schade. Mein Fussgelenk war ein zu grosses Handicap. Doch nicht nur
das Fussgelenk ist schuld daran, auch meine physische Verfassung war für ein
solches Trekking völlig ungenügend. Einmal zur Fründenhütte zu laufen genügt
eben nicht. Soll ich es wenigstens bis zum nächsten Camp nach Liligo versuchen?
Der nachmittägliche Ausflug Richtung Gletscher zeigt mir die Grenze klar auf.
Ich komme kaum über die erste Geröllhalde hinaus, schon bin ich wieder
ausgepumpt. So kann ich unmöglich die restlichen fünfunddreissig Kilometer über
den schuttbedeckten und zerklüfteten Gletscher bewältigen. Das ist es wohl
gewesen! Gerne wäre ich weitergegangen, aber Paiju bedeutet für mich leider
Endstation. Ich bin nicht einmal gross enttäuscht, obwohl mich dieser Trek eine
Stange Geld gekostet hat. Das andauernde schlechte Wetter hat mir den Entscheid
leichter gemacht. Eine Gruppe soeben vom Concordiaplatz zurück erzählt, dass sie
den K2 gerade zwanzig Minuten lang gesehen haben. Auf dem Concordiaplatz zu
stehen und dann die Berge nicht sehen zu können, dies wäre enttäuschend, ja
frustrierend. Wenn es unbedingt sein müsste, könnte ich den Concordiaplatz mit
allerletzter Kraft bestimmt auch erreichen, doch ich muss ja auch an den Weg
zurück denken. Nein, ich habe immer gesagt, dass ich kein Risiko eingehen will.
Meine Expedition hat ihr Ziel nicht erreicht. Aber es gibt schlimmeres im Leben.
Ich bin bis zu den Trango-Türmen gekommen. Das sind ab Askole doch immerhin
fünfunddreissig Kilometer!
Sorry, Paiju ist für mich Endstation. Im Hintergrund der Baltoro-Gletscher
Um dennoch Fotos vom K2 und den anderen 8000er zu haben, schlägt Saeed vor mit
Mansour und einem Träger hinauf zum Concordiaplatz zu gehen, während ich hier
warte. Zehn Träger können somit ausbezahlt und entlassen werden. Durch diese
Umdisponierung wird unser Zeitplan über den Haufen geworfen. Der Fahrer aus
Skardu muss uns einen Tag früher in Askole abholen.
Den Nachmittag verbringen Saeed und Aziz um das Inventar der übrig gebliebenen
Verpflegung aufzunehmen. Was auf unserer Expedition nicht mehr gebraucht wird,
wird hier für die nächste Trekkinggruppe hinterlassen.
Das letzte Huhn landet zum Nachtessen in der Pfanne von Aziz.
Tag 09: Paiju
Heute ist der 14. August, Pakistans Unabhängigkeitstag. Bereits um 04.30 Uhr
wird es im Camp lärmig. Es stinkt nach Kerosen. Eine halbe Stunde später bricht
die Expedition aus Tadjiskistan ihre Zelte ab. Saeed und Mansour sind auch schon
bereit. Sie wollen heute so weit wie möglich aufsteigen. Ich begleite sie einige
Meter und wünsche ihnen viel Glück. In vier Tagen wollen sie wieder zurück sein.
Erstmals seit meiner Abreise habe ich ernsthafte Magenprobleme. Vermutlich eine
Folge der fettigen und öligen Kost. In Camps wie Askole oder hier in Paiju, wo
es eine grosse Ansammlung von Trekker und Bergsteiger gibt, wird das tägliche
menschliche Bedürfnis zu einem echten Problem. Vor noch nicht allzu langer Zeit
soll Paiju einer offenen Toilette geglichen haben. Seit letztem Juni hat die
MGPO (Mountain & Glacier Protection Organization) das neue Camp eröffnet und
Toilettenhäuschen sowie Häuschen zum Duschen aufgestellt. Es gibt auch eine
Lavaboanlage, von der aus die Spitze des dreitausend Meter höher gelegenen Gipfels
sichtbar ist. Auch für den Abfall wurde etwas getan. Grosse Abfalleimer
sind aufgestellt. Es gibt sogar einen Incinerator. Blechdosen werden
eingesammelt und nach Askole zurückgebracht. Die Platzmiete für ein kleines
Küchenzelt beträgt 150 Rupien, für ein Zweierzelt 100 Rupien. Das Camp wird sehr
sauber gehalten. Sobald eine Trekking-Gruppe abreist wird die Plattform sofort
gereinigt.
Seit gestern ist auch Frau Dr. med. Edda Senze aus Nordhausen (Deutschland) im
Camp. Sie ist mit ihrem Guide ganz alleine unterwegs und kommt soeben vom
Concordiaplatz. Leider war ihr das Wetter nicht gut gesinnt. Tja, das Wetter.
Auch heute ist es wiederum bedeckt. Seit zehn Tagen ist es nun schon so. Um
nicht ganz aus der Übung zu kommen begleitet mich Frau Senze zum
Baltoro-Gletscher. Auf dem Rückweg beginnt es zu regnen. Weiter oben auf 4000
Meter wird es vermutlich sogar schneien. Saeed und Mansour werden es nicht
leicht haben. Sollte sich das Wetter noch mehr verschlechtern, wäre es
vernünftiger wenn die beiden umkehren. So wie sie sich jedoch vor dem Start
äussersten, sind sie fest entschlossen die Fotos der 8000er vom Concordiaplatz
aus für mich zu schiessen.
Es hat sich unter den Trägern herumgesprochen, dass ich mit meinem Fussgelenk
Probleme habe. Aziz bringt mir einen Patienten. Er hat auch Schmerzen im
Fussgelenk. Etwas Kältespray kann ja nicht schaden, oder?
Den Nachmittag verbringe ich mit dem Studium der Geschichte über die Entdeckung
und Erforschung des Karakorumgebirges. Die Gebirgskette im Norden Kaschmirs war
für London von grosser Bedeutung, denn sie stellte eine Art Puffer dar, welche
die indische Tiefebene von dem Zugriff der Chinesen und der Russen schützte. Die
britische Survey of India war daher bestrebt das Gebiet zu vermessen um eine
Karte zu erstellen. Capt. Montgomerie, Vermessungsoffizier, nahm sich dieser
Aufgabe an und sichtete 1856 aus 200 Km Entfernung im inneren Karakorum eine
Zusammenballung hoher Gipfel. Er nummerierte die erkennbar höchsten Gipfel,
insgesamt 35, mit K 1 (Masherbrum), K 2 (K 2), K 3 (Broad Peak), K 4
(Gasherbrum II, K 5 (Gasherbrum I) usw. in sein Logbuch ein. Das „K“ steht für Karakorum. Bis auf den K 1 den die einheimischen Balti Hirten Masherbrum
(Schneewand) nannten, wurden vorerst nur die K-Nummern 3, 4 und 5 benannt und
zwar mit dem Balti Namen Gasherbrum (Leuchtende Wand). Der K 2, obwohl von den
Einheimischen „Chogori“ – der grosse Berg – genannt, blieb bis heute, im
Gegensatz zum Mt. Everest, bei dem streng geometrisch klingenden Begriff. 1861
erforscht ein weiterer Vermessungsoffizier, Col. Henry Haversham Godwin-Austen
grosse Teile des westlichen Karakorums. Ihm ist die erste Beschreibung des
Zuganges zum K 2 zu verdanken. Als 1892 William Martin Conway am Ende des
Baltoro-Gletschers, jene Eisstrom-Kreuzung erreicht, erinnert ihn dies an die
Place de la Concorde in Paris. Prompt gibt er dem Namenlosen Eisplateau den
Namen „Concordia“. Soviel über die Entdeckungsgeschichte.
Es ist kühl geworden. Nach dem Nachtessen machen wir einen Besuch im
Nachbarzelt. Man kann ja nicht schon um 19.00 Uhr in den Schlafsack gehen.
Tag 10: Paiju
Die Nacht war sternenklar, mit wunderschönem Mondschein. Ich weiss dies weil ich
dreimal die Toilettenhäuschen aufsuchen musste! Für dieses „Geschäft“ gab es
keine andere Lösung! Als ich am morgen aus dem Zelt krieche ist der Himmel blau,
ohne ein Wölkchen. Ein Supertag. Der Liligo Peak sieht im Sonnenlicht noch
fantastischer aus. Mensch, welches Spektakel wohl weiter oben auf dem
Concordiaplatz heute zu sehen ist. Ich bin enttäuscht, masslos enttäuscht, hier
tatenlos warten zu müssen. Vier Tagesmärsche und ich wäre nun da oben, auf dem
schönsten Platz der Welt. Ob ich nicht doch zu früh aufgegeben habe? Das ist
nicht wie bei der Fründenhütte, wo man vierzehn Tage später wieder zurückkommen
kann. Die zahlreiche Helikopter-Flüge der Armee machen mich noch wahnsinnig. In
fünfzehn Minuten wäre ich mit einem solchen Ding am Ort meiner Träume.
Frau Dr. Senze ist weiter gezogen. Alles Gute. Es war mir ein Vergnügen Sie
kennen zu lernen. Das Camp ist wieder leer. Nur ich bin noch da, mein vierter
Tag. Bin ich etwa hier um einen Rekord für das Guiness-Buch aufzustellen? Alle
Gruppen schalten hier lediglich einen Ruhetag ein. Zum Glück habe ich wenigstens
einen schönen Ausblick auf die Umgebung. Scheinbar bin ich auch als einziger vom
Liligo Peak fasziniert, denn niemanden hat sich die Mühe genommen diesen zu
fotografieren. Es ist eben nur ein 5000er! Ich erfahre im Gespräch mit den
Trägern auch wie der Berg zu diesem Namen kam: als bei der Erstbesteigung eine
junge Frau tödlich verunfallte berichtete ein Träger im Camp „lili“ – in der
Baltisprache junge Frau bedeutend – „lili go“ – die junge Frau ist gegangen.
„Kikiriki, Kikiriki“. Ununterbrochen kräht ein Hahn. Ich habe gedacht die krähen
nur am Morgen? Ist der etwa traurig, weil es keine Hühner mehr im Camp gibt?
Langsam geht mir dieses Gekrähe auf den Wecker.
Die Farbe der umliegenden Berge wird je später der Nachmittag, immer
fantastischer. Und ich habe keine Kamera um diese einmalige Stimmung
einzufangen. Es ist zum verrückt werden! Hoffentlich kommen Die Beiden bald vom
Concordiaplatz zurück. Der Blick auf die Trango Türme ist noch gewaltiger als am
Abend meiner Ankunft. Der Liligo Peak verfärbt sich von goldgelb in rosa. Die
verzweigten Arme des Bradlo schimmern im sich reflektierenden Licht der
Bergflanke goldgelb. Um 18.30 Uhr ist Nachtessen. 19.30 Uhr bin ich schon im
Zelt.
Tag 11: Paiju
Mein 5. Tag in Paiju. Ein Träger berichtet, Saeed und Mansour hätten gestern auf
dem Concordiaplatz übernachtet. Sie wollen heute bis Urdukas absteigen. Sie
werden daher morgen zurück sein. Ob sie wohl auch von diesem Prachtstag haben
profitieren können. Am frühen Nachmittag kommt ein Sturmwind auf der den feinen
Sand herumwirbelt. Alles ist voller Sand. Sogar zwischen den Zähnen knistert es.
Eine Schweizerisch-Spanische Expedition wird angekündigt. Wir begrüssen die
Drei, sichtlich abgekämpft, und laden sie zu einem Tee ein. Wir machen
Bekanntschaft miteinander. Es sind zwei „Welsche“, Nicolas Zambetti und Denis
Burdet aus Tavannes, sowie Tony Arbones. Sie waren seit einem Monat unterwegs
und kommen gerade vom Nameless Tower (6251 m) zurück, den sie im Freien Klettern
erfolgreich bezwungen haben. Insgesamt siebzehn Tage haben sie in der Wand
verbracht! Bravo.
Um 17.30 Uhr erscheint unerwartet Mansour im Camp! Saeed sei noch etwas zurück.
Ich laufe ihm entgegen und begrüsse ihn mit Freudetränen in den Augen. Sie sind
in einem Tag von Goro I abgestiegen und waren zwölf Stunden unterwegs! Eine
grossartige Leistung!
Mansour und Saeed: die Helden des Tages
Zur Feier des Tages offeriere ich das Käsefondue, welches ich eigentlich für den
Concordiaplatz aufgespart habe. Im Camp ist es seit einer halbe Stunde sehr
ruhig geworden. Kein Hahn mehr der kräht. Dieser wird heute Abend im Kochtopf
landen.
Dank Denis sehe ich an diesem Tag auch noch den K 2! Hinter einem der bereits im
Schatten liegenden Trango Türme leuchtet zum ersten Mal die riesige Wand des
hell erleuchtenden K 2 Massivs empor! Ein Trostpflästerchen für mein
gescheitertes Vorhaben.
Zum Abendessen sind wir im Zelt der Jurassier versammelt. Es fehlt leider der
Fendant, die Kirschfläschli hätte ich aber nicht vergessen dürfen. Dennoch
„Prost zäme!“ Es wird es ein lustiger Abend. Der Koch der Schweizer hat für das
Fondue extra noch Brot gebacken. Auch unseren „Pakistanis“ scheint es zu
schmecken.
Fondue-Plausch
Tag 12 – Paiju
Nicolas, Denis und Tony sind um 6.00 Uhr weitergezogen. Saeed und Mansour haben
heute einen Ruhetag verdient. Ihr Ausflug war ein grosser Erfolg. Als sie am
zweiten Tag um 16.00 Uhr auf dem Concordiaplatz angekommen sind, soll es
geregnet haben. Von den Bergen überhaupt nichts zu sehen! Wie durch ein Wunder
habe sich das Wetter am nächsten Morgen ab 04.30 gebessert und es wurde immer
klarer. Ab 11.00 Uhr soll sich das Wetter wieder verschlechtert haben, sodass
die Beiden noch am gleichen Tag bis Goro II abstiegen. So was nennt man Timing und
Glück.
Bilder vom Aufstieg zum Concordiaplatz von Saeed Akbar
Der Paiju Peak (6610 m) vom Baltoro-Gletscher
Bild links: Westwand Gasherbrum IV (7925 m) Bild Mitte: Nordwand Masherbrum (7821 m) Bild rechts: Mitre Peak (6025 m)
Der König der Berge: K 2 (8611 m)
Zwei 8000er: links der K2, rechts der K2 und Broad Peak
Morgen werden auch wir den Rückmarsch antreten Das übrig gebliebene Material
muss gewogen und neu auf die restlichen Träger verteilt werden.
Gegen Mittag wird das Wetter wieder strahlend klar. Mensch, mit etwas Glück
werde ich „meine“ Fotos mit dem Sonnenuntergang auf dem Liligo Peak und des
goldschimmernden Flusses doch noch knipsen können.
Eine italienische Gruppe mit Frischfleisch (zwei Schafe) ist angekommen. Auch
sie wollen über den Gondoro La. Wir kommen ins Gespräch. Als ich mein Leid
klage, keine Aufnahmen vom Gasherbrum I und II zu haben, verspricht man mir ein
Foto vom Pass mit den beiden 8000er per Post zuzustellen.
Der Sonnenuntergang ist gleich phänomenal wie vor zwei Tagen. Damit habe ich
eigentlich alles erreicht was ich wollte und kann getrost den Rückmarsch nach
Askole antreten.