Tag 13: Paiju – Bardumal
Ich bin schon früh wach. Um sieben bin ich für den Abmarsch bereit, doch dieser
verzögert sich. Es wird zehn vor Acht bis wir losziehen. Die Passage dem Fluss
entlang bietet dieses Mal keine Probleme. Wir lachen über den Zwischenfall von
letzter Woche. Tja, nachher ist alles immer viel lustiger. Wir kommen zum Bach.
Auf Anhieb finden wir keine geeignete Passage. Die Träger durchqueren den
knietiefen Bach. Sie werfen grosse Steine hinein um einen Steg zu bauen. Da die
Steine jeweils im Wasser versinken, versuchen sie es an einer anderen Stelle.
Erfolglos. Ein Träger bietet sich an mich hinüber zu tragen! Also nein! Soweit
sind wir noch nicht. Ich und mich tragen lassen? Einen Moment lang schaue ich
ihren vergeblichen Bemühungen zu. Aziz und ich haben in der Zwischenzeit etwas
weiter oben eine mögliche, 1½ Meter breite Passage zwischen zwei grösseren
Felsbrocken ausfindig gemacht. Doch 1½ Meter sind verdammt breit, wenn es gilt
über einen reissenden Bach zu springen. Aziz ist als Erster drüben. Nun ist es
an mir. Weitsprung ohne Anlauf. Aziz streckt mir die Hand entgegen. Der Hüpfer
gerät etwas zu kurz. Aziz fängt mich auf, verliert dadurch aber das
Gleichgewicht und fällt mit einem Bein ins Wasser. Sorry! Damit hätten wir
eigentlich die beiden schwierigsten Passagen des Tages bereits überwunden. Es
geht noch einige Male dem Fluss entlang, ansonsten ist der Weg „Autobahn“. Wie
beim Hinweg schmerzt mich mein Fussgelenk wieder nach drei Stunden Belastung,
was das Tempo unheimlich verlangsamt. Ansonsten fühle ich mich wesentlich
kräftiger als noch vor einer Woche. Nach 5½ Stunden sind wir in Bardumal.
Pause mit Saeed, meinem Guide
Tag 14: Bardumal - Kurfong
Der Kerosenkocher von Aziz ist bereits um 04.30 Uhr in Betrieb. Eine Stunde
später wird das Frühstück serviert. Es regnet. Bei solchen Bedingungen wird es
doppelt so schwierig. Was machen, wenn der Regen nicht aufhört? Einen Tag hier
verbringen? Wir beschliessen den Abmarsch vorerst zu verschieben und schlüpfen
in die Schlafsäcke zurück. Ich kann kaum vom Küchenzelt ins Zelt laufen, so
schmerzt das Fussgelenk wieder. Um halb acht lässt der Regen nach. Saeed und ich
starten als Erste. Die Träger brechen die Zelte ab. Sie werden nachkommen. Heute
steht eine Monsteretappe auf dem Programm. Es geht zu diesem „Scheissumweg“.
Nach einer Viertelstunde Marsch muss ich meine Regenpelerine ausziehen. Diese
behindert mich nur und man sieht nicht wohin man den Fuss setzt. Jedesmal wenn
wir das Flussufer erreichen, kühlt es merklich ab. Als ob wir vor einem offenen
Kühlschrank vorbeilaufen würden. Der Weg über die grossen Steine ist
anspruchsvoll und kräfteraubend. Nach der Flussbiegung wird das Tal breiter. Wir
nähern uns jener Stelle die rechts hinein ins Tal nach Johla und zur Hängebrücke
führt. Saeed erklärt mir, dass je nach Saison, wenn der Wasserstand des Flusses
tief ist, die Träger den Umweg über die Brücke auslassen und geradeaus laufen.
Nach 2 ½ Stunden erreichen wir Jhola Camp. Ein kurzer Halt um ein halbes Ovo-Sport zu
essen und es geht gleich weiter. Der "Aziz-Peak" ist diesmal in den tief
liegenden Wolken verhüllt. Pech gehabt mit der Foto. Bei der Hängebrücke machen wir eine ausgiebige
Mittagspause.
Mittagspause bei der Jhola-Brücke
Der Weg auf
der anderen Talseite entlang ist fantastisch, spektakulär. Ich habe dies beim
Hinweg gar nicht so richtig mitbekommen. Erstaunlicherweise läuft es mir heute
gut und habe keinerlei Beschwerden. Wir begegnen einer grösseren Trekkinggruppe.
Dem „Servus“ nach, Deutsche. Auch sie wollen über den Gondora-La. Die heikle
Kletterpartie steht vor uns. Doch diesmal ist es ein Kinderspiel. Durch die in
den letzten Tagen meist bedeckte Wetterlage, hat es scheinbar weniger
Schmelzwasser gegeben, wodurch der Wasserstand gesunken ist, somit können wir
über die aus dem Wasser herausragenden Felsbrocken steigen. Der grüne Fleck von
Kurfong ist zu sehen. Der Weg ist gut, je näher wir uns dem Biafo-Gletscher
nähern, desto unwegsamer wird es. Während des ganzen Tages regnet es leicht.
Angenehm zum Marschieren. Der „Motor“ wird dadurch gekühlt. Um 14.00 Uhr
erreichen wir das Camp. Sechs Stunden waren wir heute unterwegs. Die Träger
haben die Zelte bereits aufgestellt und der Tee von Aziz ist auch schon bereit.
Das war nun ein wirklich schöner Tag. Ich habe es genossen. Erstmals seit langem
verspüre ich nur leichte Beschwerden. Welch ein Wunder! Vielleicht braucht es
einfach eine gewisse Zeit bis die Sehnen meines Fusses gedehnt sind. Aber jetzt
nützt mir dies nicht mehr viel, morgen ist die letzte Etappe.
Die heikle Passage
Tag 15: Kurfong – Askole
Es hat die ganze Nacht hindurch geregnet. Es ist kalt geworden. Die Spitzen der
umliegenden Bergen sind verschneit. Aziz beginnt schon früh mit dem Kochen. Die
ersten Sonnenstrahlen beleuchten das “Matterhorn“. Um 06.00 Uhr ist Abmarsch.
Der erste Teil über die auslaufende Moräne des Gletschers ist hügelig aber gut
zum Laufen. Wir erreichen das breite Plateau welches zur Biafo-Brücke führt.
Seit langem ist das ständige Rauschen des Baches verklungen. Es ist totenstill,
nur das Klirren meiner Skistöcke ist zu hören, als ob ein Blinder unterwegs ist.
Nach 1½ Stunden sind wir bereits bei der Hängebrücke. Diesmal gibt es keinen
Halt. Wir wollen „Diretissima“ nach Askole. Noch einmal Mal führt der Weg über
spektakuläre Kornischen. Die grünen Weizenfelder von Askole sind zu sehen. Der
weg zieht sich aber endlos dahin bis wir endlich die Siedlung erreichen. Der
Abstieg ins Camp fällt mir diesmal leichter. Um 11.00 Uhr sind wir zurück. Yuhui!
Ich hab’s geschafft!
Juhui!
Wir sind
wesentlich früher als erwartet in Askole. Wenn wir das gewusst hätten,
hätten wir den Fahrer aus Skardu schon für heute bestellen können. Das Trekking
ist zwar beendet, doch Vorsicht, der schwierigste Teil steht erst vor uns. Bis
nach Islamabad kann es noch viele Überraschungen geben.
Obwohl ich mein Ziel nicht erreicht habe, war es für mich persönlich dennoch ein
erfolgreiches Trekking. Das Wetterglück stand im genau richtigen Moment auf
unserer Seite. Die Enttäuschung mein Ziel, die vier Achttausender nicht gesehen
zu haben liegt in Grenzen. Auch wenn ich den Aufstieg geschafft hätte, die
beiden Gipfel des Gasherbrum I + II hätte ich dennoch nicht gesehen! Diese sind
nämlich beide etwas versteckt! Der Gasherbrum I heisst ja auch „Hidden
Peak – versteckter Berg“. Kunststück! Dennoch, es „isch ja nur es chlises
Träumli gsi“.
Die Bergwelt im Norden Pakistans ist überwältigend. Zwölf der zwanzig höchsten
Berge der Welt, dazu mehr als Hundert 7000er, sind hier auf engsten Raum
versammelt. Auch wenn mir der majestätische Anblick der 8000er vergönnt blieb,
habe ich zumindest die gewaltigen Dimensionen des Anmarsches miterleben und
mitfühlen können. 1954, anlässlich der Erstbesteigung des K 2 brauchten die
Italiener noch einen Monat um von Skardu zum K 2 Base Camp zu gelangen. Was mir
auf dem Trekking auch aufgefallen ist, ist die Sauberkeit auf dem ganzen Weg.
Einzig in den Zwischencamps wie Kurfong und Bardumal sollten möglichst rasch
Toiletten oder zumindest Latrinen gebaut werden. Auch wenn die meisten
Trekkinggruppen dort nur einen Zwischenhalt einschalten, kann es auch dort bald
zu einem echten Problem kommen. Die täglichen menschlichen „Geschäfte“ müssen
gezwungenermassen irgendwo verrichtet werden. Tagsüber kann man sich den Ort
noch aussuchen, nachts wird es schon schwieriger. In Askole wurden die Latrinen
übrigens inmitten von Lavendelbüschen erstellt. Am hervorkommenden „Düftlein“
änderte dies jedoch wenig!
Grosses Glück hatten wir auch mit dem niedrigen Wasserstand der Bäche. Ich
möchte das Trekking nicht während der heissen Saison unternehmen. Einige
Passagen war mir schon so „kriminell“ genug.
Gegen Abend kommt unser Fahrer, Mr. Farman aus Skardu an. Unsere Rückfahrt wird
demnach morgen klappen.
Zurück in Askole Camp
Zurück in die Zivilisation
Um halb sieben sind unsere sieben Sachen im Jeep verpackt. Die Rückfahrt nach
Skardu kann beginnen. Der Himmel im Süden hellt auf. Mit etwas Glück wird das
Wetter schön und wir können sogar von Skardu nach Islamabad zurückfliegen. Dies
wäre aber so ein Glücksfall, es scheint leichter einen 6er im Lotto zu haben.
Heute ist Freitag. Vom Zeitplan her, sollte es für mich sogar möglich sein
meinen Flug nach Bangkok vom Freitag auf den Dienstag vorzuverschieben. Wir
müssen daher unbedingt am Montag zum De-Briefing im Ministerium für Tourismus in
Islamabad zurück sein.
Nach drei Stunden sind wir in Haiderabad. Unsere Träger steigen aus. Sie warten
hier um von der nächsten Trekking-Gruppe angeheuert zu werden. Wir sind zurück
in der Zivilisation. Es gibt Telefonverbindung und die Häuser sind mit
Elektrizität versehen. Licht gibt es dennoch keines: es fehlen überall die
Glühlampen!
Die Weizenfelder sind hier unten goldgelb. Überall sind die Bauern mit dem
Dröschen beschäftig. Ab Shigar regnet es. Mit dem Flug nach Islamabad wird wohl
nichts werden. Um 13.00 Uhr sind wir in Skardu zurück. Dass ich, wie die drei
Hühner, den Concordiaplatz nicht erreichen würde, hätte ich nicht gedacht!
Die umliegenden Berge sind verschneit. Im Garten ist es nicht mehr so angenehm
warm wie noch vor vierzehn Tagen. Saeed telefoniert mit der Trekking-Agentur in
Islamabad. Sie wollen versuchen meinen Flug nach Thailand für den Dienstag zu
buchen, heisst es.
Nach dreizehn Tagen im Zelt wieder einmal in einem Bett zu schlafen ist ganz
ungewohnt. Ich schlafe denn auch schlecht. Dieses Bett würde ich aber auch
keinem Paar empfehlen, denn bei der kleinsten Bewegung knattert es! Welche
Zimmer-Nummer war das nun schon wieder?
Samstagmorgen 06.00 Uhr: ich bin hellwach. Das Wetter ist wunderschön.
Flugwetter! Beim Frühstück machen wir Bekanntschaft mit Frau Kyoko Endo. Sie
arbeitet für den „Himalayan Green Club“ der seit 1993 im oberen Baltistan
zahlreiche Programme wie medizinische Versorgung, Bildung, Aufforstung,
Wasserversorgung und Solarenergie durchführt. Sie erzählt uns, dass der Club
bereits neun Schulen gebaut und über 20'000 Bäume, Aprikosen, Äpfel, Birken,
Pappeln und Wachholderbäume gepflanzt hat. Im Verlaufe des Gespräches stellt
sich heraus, dass sie auch Bergsteigerin ist und 1974 Expeditionsleiterin der 1.
Frauen-Expedition im Himalaja war. Anlässlich dieser Expedition (Manaslu/Nepal)
erreichte die erste Frau einen 8000er Gipfel. 1993 war sie auch
Expeditionsmitglied zum Broad Peak und 1998 zum Gasherbrum II. Sie war bei der
ersten Expedition vom erbärmlichen Zustand der Wachholderbäume derart betroffen
(eine Folge des Abholzens durch Expeditionen und Trekking-Gruppen), dass sie
jene Organisation gründete.
Sie erzählt von ihrer Besteigung mit 62 Jahren des Koser Gunge über eine neue
Route und zeigt mir dabei Expeditionsberichte über die Erstbesteigung von 1899.
„Aber, da ist ja ein Bild von Matthias Zurbriggen aus Saas-Almagell?“ rufe ich
erstaunt aus. „Yes, this is Zurbriggen who first reached the peak.“ Na sowas,
eine Japanerin die Zurbriggen kennt!
Wir erfahren, dass der Flug aus Islamabad annulliert wurde. Mensch, was brauchen
die denn für ein Flugwetter? Also, wenn man bei solchen Bedingungen nicht
fliegen kann, wann dann sonst? Das Problem scheint anderswo zu bestehen,
vermutlich beim Nanga Parbat. Somit bleibt uns eigentlich nur noch der Sonntag
als Flugtag übrig. Die Flugtickets müssen wieder umgebucht werden. Zum Glück
habe ich damit nichts zu tun. Das ist Saeeds Aufgabe. Wir sind aber nur auf den
Warteliste. Langsam können wir uns schon moralisch auf eine Monsterfahrt mit dem
Bus nach Islamabad vorbereiten.
Begegnung mit Frau Kyoko Endo
Flug oder Busfahrt?
Sonntagmorgen: das Wetter ist wiederum fantastisch. Dies nützt uns jedoch
nichts, denn wir figurieren nach wie vor auf der Warteliste. Keine Chance auf
einen Flug! Somit ist der Fall klar. Wir müssen mit dem Bus zurück. Oh herje!
Vorerst müssen wir allerdings noch ein Busbillet auftreiben. Wenigsten erfahre ich
etwas Positives an diesem frühen Morgen: mein Flug nach Thailand konnte für den
Dienstag gebucht werden. Zum Glück! Was hätte ich bis Freitag in Islamabad gemacht?
Mit Glück ergattert Saeed die beiden letzten Tickets nach Islamabad. 10.30 Uhr
soll Abfahrt sein. Bis alle eintreffen wird es 11 Uhr. Ich
weiss nicht wie weit fortgeschritten die Forscher bereits mit dem Klonen von
Menschen sind, einer der Busfahrer gleicht mit seiner rundglatzigen Stirn und
den grossen Brillen mit der feinen schwarzen Fassung meinem früheren
Reisekollegen René Peiry wie zwei Eier. Wären wir nicht in Nordpakistan, ich
hätte schwören können es sei der Peiry!
Nach zehn Minuten Fahrt
hält der Bus schon wieder an: Tankstelle. Um 12 Uhr passieren wir den Flughafen.
Es hätte mich Wunder genommen ob heute ein Flugzeug gelandet ist! Am Ende der Skardu-Ebene beendet der Indus seinen friedlichen Verlauf. Während den nächsten
5½ Stunden folgt die asphaltierte Strasse dem wilden, schäumenden, tobenden
Fluss entlang. Kurz vor Erreichen des KKH (Karakorum Highways) überragt ein
gewaltiges Schneemassiv die erodierten Bergflanken: es ist der Haramosh (7409
m).
Endlich haben wir den KKH erreicht. Ab nun ist es für mich kein Neuland mehr
(siehe Reisebericht 13). Die Sonne steht tief am Horizont. Mit etwas Glück kann
ich vielleicht noch einen schönen Schnappschuss vom Nanga Parbat schiessen.
Zunächst halten wir in Jaglot zur Teepause. Bei der Strassentafel „Killer
Mountain“ angekommen, ist vom Nanga Parbat nichts zu sehen. Das wäre ja auch ein
Wunder gewesen. Das ganze Bergmassiv ist in den Wolken verhüllt. Rote Zelte am
Strassenrand fallen unweit der Raikhot-Brücke auf. Saeed erklärt mir, dass es
sich um chinesische Ingenieure handelt die neue Brücken bauen werden. Wir
überqueren die Raikhot-Brücke. Erinnerungen werden wach. Vor zwei Jahren sind
wir von hier mit dem Jeep hinauf nach Tato zur Märchenwiese gefahren. Dies ist
heute nicht mehr möglich. Ein Erdbeben hat letzten Dezember die Strasse
vollständig zerstört. Auch der KKH wurde vom Erdbeben arg in Mitleidenschaft
gezogen. Auf mehreren Kilometern wurde die Strasse verschüttet und war während
drei Monaten unterbrochen. Die betroffene Stelle ist inzwischen passierbar, die
Strasse ist jedoch noch in einem erbärmlichen Zustand. In der Zwischenzeit ist
es dunkel geworden. In Chilas gibt es den obligatorischen Halt zum Nachtessen.
Wir fahren durch die Provinz Kohistan. Bei einem Teestop steht neben dem
Restaurant ein Waffenladen mit Kalaschnikovs! Die hiesigen Bewohner sind sehr
kriegerisch, erklärt mir Saeed. Nach dem 11. September sollen sich viele den
Taliban in Afghanistan angeschlossen haben.
Entgegen meiner Fahrt vor zwei Jahren ist es draussen stockdunkel. Die
schwindelerregenden Abgründe sind damit nicht sichtbar. Dennoch kann ich kein
Auge zudrücken. Um den Fahrer wach zu halten ertönt laute pakistanische Musik.
Endlich, gegen Mitternacht schaltet der Fahrer das Tape aus. Welche Wohltat für
meine westlichen Ohren!
Um halb fünf hält der Bus an. Pipi-Stop denke ich. Alle Männer steigen aus. Ich
folge ihnen. Man muss meistens nie fragen wo die Toiletten sind, nur den Leuten
nachlaufen. Sie begeben sich jedoch zu einer kleinen Kapelle zum Morgengebet.
Oha, das ist wohl nicht der richtige Ort für mich! Zurück im Bus geht es mit der
Musik wieder los. Musik? Was heisst da Musik! Ein Gejaule mit Tambouren und
Flötenklängen. Eine so monotone und unmelodiöse Musik habe ich noch selten
gehört.
Schon die ganze Nacht bekunden die beiden Fahrer Mühe mit der Kupplung. In der
nächsten Stadt halten wir an um die Reparatur vorzunehmen. Nach einer Stunde
sind wir noch immer dort. Es ist schon 07.00 Uhr und bis Islamabad bzw.
Rawalpindi geht es mindestens noch drei Stunden. Wir machen uns langsam Sorgen,
denn das Ministerium für Tourismus hat nur bis 14.00 Uhr geöffnet. Nach einer
weiteren Stunde ist die Panne behoben. Es geht weiter. Der Verkehr ist
schrecklich. Eselskarren, Fahrräder, Traktoren, Lastwagen, Busse blockieren die
Strasse. Ein Chaos. Zum 100. Mal legt der Fahrer die gleiche Kassette ein. Ich
kann diese Musik bald nicht mehr hören! Es ist unerträglich heiss. Alles ist
furchtbar staubig und dreckig. „Texila“ wird auf einer Strassentafel
angekündigt. Bis Rawalpindi kann es somit nicht mehr allzu weit sein. Nach etwas
mehr als 24 Stunden haben wir es geschafft. Mit dem Taxi nun schnell ins Hotel,
Duschen und ab ins Ministerium für das De-Briefing.
Botschaft des Ministeriums für Tourismus
Mr. Sadruddin von unserer Trekking-Agentur erwartet uns bereits vor dem grossen
Bürogebäude. Freundlich empfängt uns Mr. Ayaz Khan Afridi zum De-Briefing. Der
Zweck dieses Besuches ist quasi ein Abmelden vom Trekking, bei welchem der
Leader der Expedition seine Bemerkungen kundtun kann. Ich profitiere von dieser
Gelegenheit und stelle Herrn Afridi einige Fragen:
Herr Afridi, mit dem 50. Jubiläum der Erstbesteigung des K 2 erwarten sie wohl
nächstes Jahr viele italienische Bergsteiger und Trekker?
„Ja, wir hoffen auf eine Zunahme von italienischen Besuchern, möchten aber
alle recht herzlich in unserem Lande willkommen heissen. Mit der Zunahme
ausländischer Touristen kann unsere Regierung auch effizienter gegen den
Terrorismus kämpfen.“
Welche Botschaft möchten Sie meinen Lesern mitgeben?
„Sagt ihnen, dass die Leute nichts zu befürchten haben. Wenn im Süden des
Landes Zwischenfälle passieren denken die Leute sofort, dass ganz Pakistan
gefährlich ist. Dem ist nicht so. Der Norden ist anders und für Bergsteiger und
Trekker sehr sicher.“
Ich bin
während dieses Trekkings von der Sauberkeit entlang des Weges und in den Camps
überrascht worden.
"Ja, vor
allem die Mountain & Glacier Protection Organization (MGPO) hat sehr gute Arbeit
geleistet. Die zunehmende militärische Präsenz auf dem Gletscher macht uns
jedoch Sorgen. Wir werden auch mit dem Militär ernsthaft über
Umweltverschmutzung diskutieren müssen.
Gibt es im Jubiläumsjahr Erleichterungen für die Bergsteiger?
„Ja, bereits zum 50. Jubiläum der Erstbesteigung des Nanga Parbat haben wir
dieses Jahr die Gipfelgebühren bis zu 50% reduziert. Gipfel unter 6500 m sind
sogar gratis. Diese Regelung gilt auch für nächstes Jahr“.
Vielen Dank
Positive Erfahrung
Zurück im Hotel werde ich von der Müdigkeit überfallen und schlafe ein. Abends
sind wir mit Saeed vom Chef der Trekking Agentur NORTH Trekking, Mr. Isaq Ali,
zum Nachtessen eingeladen. Dass es in Islamabad solch noble Restaurants gibt,
hätte ich nicht gedacht. Das Steak mushroom hat ihn sicher eine Stange
gekostet, doch ich war ja auch ein guter Kunde.
Da mein Flug nach Bangkok erst um 10.45 stattfindet, kann ich bis 06.30 Uhr
ausschlafen.
Wie schon bei meinem ersten Besuch vor zwei Jahren, verlasse ich Pakistan mit guten Erfahrungen. Auch auf diesem Trek
habe ich wiederum liebenswürdige, gastfreundliche und hilfsbereite Menschen
kennen gelernt. Schade, dass viele Leute bei uns schon nur beim Wort „Pakistan“
abwinken. Auch Bergliebhaber. Dabei ist die Bergwelt hier doch so fantastisch,
noch fantastischer als in Nepal.
Ob es denn nicht gefährlich ist, ist die meiste Frage. Wo ist es heute in der
Welt nicht gefährlich? Passieren kann überall etwas. Obwohl ich aufgrund meiner
bisherigen Erfahrungen und im direkten Kontakt mit den Leuten nur Positives
berichten kann, verstehe ich die Bedenken der Leute welche noch nie dort waren.
Die Männer mit ihren dunklen Gesichtern und ihren grossen Bärten flössen Angst
ein. Das war auch schon früher so, als die Spanier die Inka- und Maya-Reiche
eroberten. Die bösen Männer dieser Welt die man uns zudem ständig im TV zeigt,
sehen auch gleich aus mit die meisten der Männer hier. Es wimmelt nur so von Bin
Ladens. Dabei sind es so friedliche Menschen. Wir im Westen haben zudem meistens
die Tendenz Leute, die nicht gleich aussehen und nicht wie wir angezogen sind,
als minderwertig zu betrachten. Ein Pakistani in westlicher Kleidung ist eher
einer der unsrigen, der gleiche in seinem traditionellen Shalwar Kameez wird
dagegen als Analphabet, ungebildet angeschaut. Diese Vorurteile abzubauen wird
nicht leicht sein solange uns die Medien nur immer Böses aus Pakistan oder
anderen Ländern berichten. Es wird sich jedoch auch kaum etwas ändern solange
wir im Westen unsere Überheblichkeit gegenüber anderen Ländern mit anderen
Sitten nicht aufgeben.
Mr. Isaq Ali, Manager der NORTH-Trekking Agentur
Als Trost zum
missglückten Projekt "14x8000 m" schenkte mir die Swiss-Spanish
Trango-Expedition dieses Bild mit dem Ausblick vom Gipfel des Nameless Tower (6251 m)
Foto: Denis Burdet
Bangkok auf Umwegen
Es ist Dienstagmorgen. Ich bin am Flughafen. Das einchecken klappt für
pakistanische Verhältnisse recht gut. Auf den Informationstafel sehe ich, dass
der heutige Flug nach Skardu wieder annulliert wurde! Welch ein Glück, dass es
bei uns bereits beim ersten Anlauf geklappt hat.
Das Gebet im Airbus 310 ist schon längst erfolgt, doch wir stehen noch immer am
gleichen Fleck. Der Kapitän meldet sich. Wegen eines Defektes am Boardcomputer
müssen wir wieder zurück in die Transithalle. Vielleicht besser so! Mit 1¾
Stunden Verspätung heben wir schliesslich ab. Der Fotoapparat ist bereit. Von
den Bergen ist jedoch diesmal nichts, gar nichts zu sehen.
Mit Interesse verfolge ich die Fluginformationen. Die Zeit am Ankunftsort wird
mit drei Stunden Zeitdifferenz angegeben! Was ist denn nun wieder los? Mit
Bangkok sind es doch nur zwei Stunden! Einmal mehr gibt es eine Überraschung.
Ich erfahre, dass wir zuerst nach Hong-Kong fliegen! Ich sitze beim Notausgang
und kann daher die Füsse ausstrecken. Dreimal innert fünf Stunden erscheinen
drei Fluggäste vor mir und breiten ein Tuch zum Beten aus. Ich frage sie ob den
die Richtung nach Mekka auch stimme! Darauf zeigt mir der eine einen kleinen
Kompass. Beim letzten Gebets mussten sie allerdings etwas pressieren, denn es
ertönte das Signal zum anschnallen da das Flugzeug heftig durchgeschüttelt
wurde. Um 21.00 Uhr Lokalzeit landen wir in Hong-Kong. Ich war noch nie auf dem
neuen Flughafen. Man sieht allerdings nicht viel. Eine Putzequipe reinigt das
Flugzeug. Es ist 02.05 Uhr
Lokalzeit als ich wieder in Thailand zurück bin.