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Flucht aus der Hitze
Jeden Tag wird es heisser, beinahe
unerträglich. 38 Grad ist gestern in Bangkok gemessen worden! Hier an der Küste
ist es durch die ständige Brise einige Grade kühler. Doch auch so ist es kaum
auszuhalten. Bereits 09.00 Uhr morgens brennt die Sonne unerbittlich. Auch
Bundespräsident Joseph Deiss wird bei seinem Staatsbesuch unter diesem Klima
gelitten haben. Bei seinem Treffen mit Ministerpräsident Thaksin ist das
Kopieren von Schweizer Markenuhren ein wichtiges Gesprächsthema. Deiss, in
Begleitung eines Direktor der Firma Rolex, soll dabei seine Besorgnis über die
vielen Urheberrechtsverletzungen in Thailand geäussert haben. Der thailändische
Handelsminister versichert, den Kampf gegen diesen unerlaubten Handel
weiterzuführen. Die Forderung von Deiss: „Keine Fälschungen bitte, sonst kaufen
wir euch keinen Reis mehr ab!“
Bis zu meinem Rückflug in die Schweiz
sind es noch 14 Tage. Vierzehn Tage bei einer so brütenden Hitze auszuharren ist
nicht lustig. Ich buche deshalb meinen Flug um. Freiwillig früher von Thailand
in die Schweiz zurückzukehren, so was hat auch Seltenheitswert! Der Flug mit der
Kuwait Airlines über Kuwait, Frankfurt und Genf scheint ziemlich ausgebucht zu
sein. Während einer Woche bin ich auf der Warteliste, doch schliesslich kommt
das OK für den 30. März. Endlich kann ich mich in einigen Tagen dieser Gluthitze
entziehen!
Der Abflug ist um 03.00 Uhr, mitten in der Nacht. Da der letzte Minibus zum
Flughafen Bangkok in Pattaya um 18.00 Uhr startet, bin ich bereits um 22.00 Uhr
dort. Lieber zu früh als zu spät! Dann machen es wir uns bis zum Abflug auf
einem Sessel etwas gemütlich. Denkste! Die Abflughalle platzt aus allen Nähten.
Chinesen überall, wo das Auge hinreicht! Mit Müh und Not finde ich einen
Sitzplatz. Diese führen ein so ein lautes Geschnatter, ich flüchte in den
Terminal 2 hinüber. Auch dort ist es nicht viel besser. Zumindest finde ich drei
freie Stühle um mich hinlegen zu können. Es ist höchste Zeit bekommt Bangkok
einen neuen Flughafen. Die Sitze sind derart unbequem, schon nach einer
Viertelstunde habe ich Rückenschmerzen. Dennoch gelingt es mir etwas zu dösen.
Als ich nach Mitternacht erwache, sind die Chinesen verschwunden! Die leere
Abflughalle sieht fast gespenstig aus. Um 01.00 Uhr geht der Check-in Schalter
der Kuwait-Airlines auf. Somit kann ich wenigstens schon mal meine 23 Kilos
Gepäck aufgeben. Der Beamte bei der Passkontrolle hat keine Einwände, dass ich
das Land verlasse und gibt mir den Pass samt Ausreisestempel mit einem
freundlichen lächeln zurück. Alles klar für den Abflug.
Weshalb ich so lange auf der Warteliste stand ist mir nun klar. Das Flugi ist
bis auf den letzten Platz besetzt. Die Maschine, einen Airbus A-340 kommt aus
Manila. Die Hoffnung neben einer hübschen Filipina zu sitzen erfüllt sich
wiederum nicht. Diesbezüglich habe ich chronisches Pech! Fast auf die Minute
genau rollen wir zur Startbahn. Der Start klappt reibungslos und nach wenigen
Minuten verschwinden wir in der finsteren Nacht über dem Leuchtermeer von
Bangkok.
 Transithalle in Kuwait
Eine Stunde vor der Landung in Kuwait gibt es das Frühstück. Meine Uhr zeigt
08.00, Bangkok-Zeit an. Hier ist es 05.00 Uhr. Welcome in Kuwait! Die
Transithalle ist menschenleer. Der Weiterflug nach Frankfurt und Genf ist erst
um 11.30 Uhr. Fünfeinhalb Stunden Wartezeit, das ist doch ziemlich lang. Im
Gegensatz zu Bangkok sind die Sessel hier wesentlich angenehmer, halbe Sofas!
Nach drei Stunden des Wartens, meldet sich ein Knurren im Magen. Zeit, um den
Verpflegungsbon einzulösen. Vom Restaurant im 1. Stock hat man einen guten Blick
aufs Flugfeld. Es herrscht kein reger Betrieb. Lediglich drei Maschinen der
Kuwait-Airlines sind auf dem Tarmac parkiert. Langsam füllt sich die
Abflughalle. Vor dem Gate 19 bildet sich eine lange Kolonne. Endlich können wir
boarden. Zuerst sind jedoch die üblichen Sicherheitskontrollen zu passieren. Das
Handgepäck durch das X-Ray Gerät und die Passagiere durch die Security Türe. Als
ich diese betrete, piepst es! Vermutlich das Portemonnaie, was könnte es sonst
sein. Prothesen oder andere Implantate habe ich ja keine! Beim zweiten Versuch
klappt es. Die Maschine ist wiederum sehr gut besetzt, mehrheitlich arabische
Passagiere. Wollen die etwa alle nach Genf? Mit einer Viertelstunde Verspätung
heben wir ab. Die Flugroute führt direkt auf Baghdad zu! Auch das noch!
Schlussendlich fliegen wir etwas östlich an der irakischen Hauptstadt vorbei,
Richtung Türkei. Obwohl wir mit einer Geschwindigkeit von 975 Km/Std unterwegs
sind, scheint mir der Flug über die Türkei unendlich lang. Tja, die Türkei ist
ein riesiges Land, erstreckt es sich doch von Westen nach Osten auf über 1600
Kilometer. Das Mittagessen verkürzt die Zeit. Unter uns erscheint eine
schneebedeckte Berglandschaft: die Karpaten. Kurz vor 16 Uhr nähern wir uns
Frankfurt. Dem aufmerksamen Passagier fällt auf, dass der Pilot eine grosse
Schleife um die Stadt fliegt. Gibt es ein Problem? Fehlalarm. Minuten später ist
der touch down. Zu meiner grossen Freude steigen alle Araber hier aus. Etwa zwei
Dutzend Passagiere bleiben für den Weiterflug nach Genf sitzen. Ich wechsle
meinen Sitzplatz auf die linke Seite. Mit etwas Glück kann ich den Mont Blanc
vielleicht diesmal beim Anflug auf Genf sehen. Nach einer Stunde Zwischenhalt
starten wir zur Schlussetappe. Mit der erhofften Sicht wird leider nichts. Ein
riesiges Wolkenmeer schwebt unter uns und verhindert jegliche Sicht. Schade.
Plötzlich, als ob jemanden einen Vorhang gezogen hätte, sind die Wolken wie
weggeblasen! Fast direkt unter mir ein kleiner tiefblauer rechteckiger See. Als
Erstes kommt mir der Murtensee in Sinn. Ja, das muss der Murtensee sein. Und da,
ein Oval, eine Rennbahn! Klar, das ist Muntelier, das Pferdesportzentrum. Zehn
Minuten später sind wir über der Stadt Lausanne. Die Sicht ist nicht so klar,
doch der Gipfel des Mont-Blanc mit seinen 4807 m ist gut zu erkennen. Um 18.55
Uhr bin ich bei schönstem Wetter in der Schweiz zurück. In Bangkok habe ich
meine Mutter abgeholt, diesmal holt sie mich ab. Kommt es zu einem neuen Kapitel
„Der verlorene Sohn"? Kaum, wie könnte man sich im Flughagen Genf-Cointrin
verirren?
Ferienstress
Vor einigen Tagen noch in der Gluthitze
von Thailand und nun so prächtiges Frühlingswetter. Leider schlägt das Wetter um
und es beginnt zu schneien. Dies hätte nicht unbedingt sein müssen, ich weiss,
wie Schnee aussieht. Nach neun Monaten T-Shirt und Shorts bekundet mir die
Umstellung auf lange Hosen und Pullover am meisten Mühe.
Obwohl ich mich jedes Mal freue nach Hause zu kommen, ist es für mich nicht
unbedingt eine „leichte" Zeit. Drei Monate ohne Libido auszukommen ist gar nicht
etwa so lustig. Ich tröste mich damit, dass es Kollegen gibt, die das ganze Jahr
ohne leben müssen! Ab dem ersten Tag meiner Ankunft stehe ich zudem „unter"
Druck möglichst alles so rasch wie möglich aufzuarbeiten, was sich in den
letzten neun Monaten angesammelt hat und alles für die nächsten neun Monate zu
planen und vorzubereiten. Entgegen dem Glauben vieler meiner Freunde und
Kollegen bin ich hier nicht etwa in einem Ferienlager. Es ist eher ein
Arbeitslager! Arbeitstage bis zu 14 Stunden stehen auf der Tagesordnung. Bis die
800 Dias ausgewählt und eingereiht sind, das Fotoalbum nachgeführt und meine
Homepage überarbeitet ist, sind schon drei Wochen vergangen.
     Prächtiges Frühlingswetter

Durch die vielen negativen Nachrichten
der letzten Monate aus Wirtschaft und Politik, komme ich erstmals mit einem
zwiespältigen, ja kritischen Eindruck in die Schweiz zurück. Bevor ich nun vor
bald fünf Jahren ins Ausland wegzog, haben mich solche Nachrichten kaum oder gar
nicht beschäftigt. Nicht zuletzt vor zwei Tagen haben mir wiederum zwei Zahlen
zu denken gegeben. Es geht um die Zunahme der Straftaten (332'542 Fälle, 8% mehr
als im Jahr 2002 – 55,3 % davon von Ausländern!) und der Konkurse (9305 Fälle,
noch nie so viele seit 1966!)
Als Auslandschweizer beschäftigt mich jedoch am meisten die Ausländer- und
Asylpolitik. Als ich vor wenigen Tagen abends vom Flughafen im Bahnhof Biel
ankam, war ich von der Präsenz so vieler Ausländer auf dem Bahnhofplatz,
auffallend viele Schwarze, enttäuscht, schockiert. Da glaubt man in seine Heimat
zurückzukommen und findet nur Ausländer vor! Was suchen die eigentlich hier?
Wohlverstanden, ich habe nichts gegen legal in der Schweiz wohnende und
arbeitende Ausländer. Dass die Schweiz Kriegsflüchtlinge, Lebensbedrohte und
Verfolgte vorübergehend aufnimmt, ist ja eine noble Geste, doch alles hat seine
Grenzen. Wir können doch nicht die halbe Welt bei uns aufnehmen oder? Sind
unsere Politiker denn wirklich so naiv, dass sie nicht erkennen, wie die grosse
Mehrheit der Asylsuchenden unsere humanitäre Grosszügigkeit schamlos ausnützt?
Wenigstens einer, Bundesrat Blocher, hat gecheckt, dass diesbezüglich unbedingt
sofort etwas geschehen muss. Gemäss seinen Aussagen werden gegenwärtig für die
Bearbeitung der etwa jährlichen 20'000 Asylgesuche (von denen am Schluss ca
1'000 gutgeheissen werden!) eine Milliarde Franken aufgewendet So etwas ist doch
absoluter Blödsinn. Endlich will man auch gegen die Illegalen mit härteren
Kontrollen und abschreckenden Strafen vorgehen. Aus meiner Sicht das einzige
Richtige. Ich als Ausländer kann mir auch nicht erlauben illegal in einem
fremden Land zu leben. Nach Schätzungen des Bundesamtes für Zuwanderung,
Integration und Auswanderung soll die Zahl der illegalen Ausländern in der
Schweiz zwischen 50'000 und 300'000 betragen, wovon rund 90'000 schwarzarbeiten
dürften! Diese härteren Massnahmen stossen aber bereits jetzt bei der CVP und
der Grünen Partei auf scharfe Kritik.
Auch bei den Diskussionen über das neue Ausländergesetz muss ich mit Schrecken
feststellen, wie viele PolitikerInnen diesbezüglich einfach groteske
Vorstellungen und Forderungen haben. Alle Ausländer kommen ja schlussendlich
noch immer freiwillig, aus freier Entscheidung zu uns, mit dem Ziel möglich viel
Geld nach Hause zu senden. Ist es denn wirklich so unmenschlich, dass deswegen
Ehegatten für eine bestimmte Zeit getrennt voneinander leben müssen? Fragt mal
die 7 Millionen Filipinos, welche im Ausland arbeiten, ob sie ihre Familien
nachziehen können? Gewisse Politiker fordern aber, dass nebst dem Ehegatten und
der Kinder auch die Schwiegermutter nachgezogen werden kann. Weshalb nicht
auch noch der Grossvater oder die Grossmutter? Es würde mich jedoch sehr
überraschen, wenn der Vorschlag des Bundesrates in Sachen Ausländerpolitik vom
Parlament ohne Abstriche angenommen würde. Unsere Parteien und Parlamentarier
sind schlichtweg unfähig nationale Interessen den parteipolitischen
überzuordnen.
Unverhofft erhalte ich die Möglichkeit bei meinem früheren Arbeitgeber zu
arbeiten. Einen Monat lang stehe ich bei Temperaturen von 8 Grad Celcius um
06.45 Uhr am Bahnhof Biel. Aus dem Regionalzug von Grenchen steigen die gleichen
Leute wie letztes Jahr aus, die gleichen steigen ein. Einige neue Gesichter sind
dazugekommen. Auch in meiner „Firma" hat sich nichts wesentliches geändert. Es
scheint, als ob ich gar nicht weg gewesen wäre!
Was ist sonst noch passiert? Ach ja, der Papst hat uns anlässlich des
Katholischen Jugendtreffens in Bern einen Besuch abgestattet. „Ein Mann mit
einer grossen Ausstrahlung, der keiner Fliege etwas antun könnte", wie eine
Ordensschwester in einem TV-Interview meinte. Wie naiv doch viele Leute
sind? Ein Kirchenoberhaupt, Marionette des Vatikans, der durch seine Politik
verantwortlich ist, dass täglich Tausende von Kindern an Unterernährung
erkranken und sterben! Wie kann man nur an ein solches Kasperltheater glauben?
Statt so viel zu beten, würde diese lieber mit dem Milliardenvermögen der Banco
del Vaticano den armen und kranken Leuten helfen.
Mich würde interessieren was dieser Papstbesuch gekostet hat und wer das
überhaupt bezahlt! Doch nicht wohl die Steuerzahler oder? Eine entsprechende
Anfrage bei der Stadtpolizei Bern steht noch aus.
Durch diese hohle Gasse muss er kommen!
Altdorf, 18. November 1307. Es ist ein
kalter regnerischer Herbsttag. Kurz vor 10 Uhr herrscht neben dem Coop auf dem
Marktplatz grosse Aufruhr. Ein Mann geht mehrmals ohne Reverenzerweisung an dem
vom habsburgischen Landvogt Gessler aufgestellten Hut vorbei. Gessler stellt den
Mann zur Rede. „Wer bist Du, woher kommst Du?" Es ist Wilhelm Tell aus Bürgeln,
von Beruf Jäger und Käser. Als Strafe muss er mit der Armbrust seinem Sohn eine
Birne aus dreissig Schritten Entfernung vom Kopfe schiessen! Sollte ihm dieses
Kunststück gelingen, würde ihm Gessler die Freiheit lassen. Unter der anwesenden
Menge herrscht Empörung. Gessler ist ein Tyrann. So etwas kann man doch nicht
verlangen! Tell hat keine Wahl. Die Soldaten des Vogtes zählen die Schritte ab.
Tell legt an und zielt. Es ist mucksmäuschenstill. Ein Dackel bellt. Tell ist in
seiner Konzentration gestört und legt die Armbrust ab. Er ergreift einen zweiten
Pfeil und steckt diesen unter sein rotes Lacoste Leibchen. Erneut ergreift er
seine Armbrust, setzt den Bolzen auf und zielt. Er scheint ruhig und gelassen.
Für einen Augenblick geht sein Blick zu Gessler, als ob er ihm etwas sagen
möchte. Er zielt kurz und drückt ab. Der Pfeil zischt los und durchbohrt glatt
sein Ziel! Ein Raunen geht durch die Menge. Ein Meisterschuss. Walterli rennt
weinend seinem Vater entgegen, der ihn in seine Arme hebt. Die Zuschauer sind
begeistert und feiern Tell wie einen Helden. Auch Gessler anerkennt die
Leistung: „Gut gemacht, Tell. Ich habe Dir das Leben versprochen solltest Du den
Apfel treffen". „Hätte ich nicht getroffen, hätte ich Dich mit dem zweiten Pfeil
bestimmt nicht verfehlt!" erwidert Tell. Gessler ist darüber wütend und lässt
Tell verhaften. Er will ihn mit dem Boot von Flüelen nach Brunnen und von dort
auf dem Landweg in seine Burg bei Küssnacht am Rigi ins Gefängnis stecken. Am
frühen Nachmittag baut sich über dem Urnersee ein Gewitter zusammen. Als sie
einschiffen, geht ein fürchterliches Gewitter los. Der Sturm wird immer stärker.
Die hohen Wellen drohen mehrmals das Boot zu kentern. Gessler bangt um sein
Leben. Da Tell auch als erfahrener Seemann bekannt ist, ordnet Gessler an ihm
die Fesseln abzunehmen. Geschickt lenkt Tell das Boot durch die entfesselten
Fluten. Kurz vor Erreichen des sicheren Ufers nutzt er die Lage zur Flucht aus.
Er ergreift seine Armbrust und springt auf ein ins Wasser ragendes Felsenriff.
Mit einem kräftigen Stoss schupst er dabei das Boot mit dem linken Fuss in die
Fluten zurück. Mit viel Mühe und grosser Not erreicht Gessler Brunnen. In der
Zwischenzeit eilt Tell Richtung Küssnacht. In einer schmalen Wegpassage die zu
Gessler's Burg führt, lauert er auf ihn. Als dieser mit seiner Gefolgschaft die
hohle Gasse passiert, tritt Tell mit angelegter Armbrust aus dem dichten Wald
heraus und drückt ab. Das Geschoss bleibt in Gessler's Brust stecken, der
sogleich tot vom Pferd fällt. Der Tyrann ist tot. Es lebe Wilhelm Tell, unser
Held!
 Die Tellskapelle
   Durch diese hohle Gasse muss er kommen...
Eine wunderschöne Geschichte, auf die wir
Schweizer doch unheimlich stolz sind oder nicht? Doch leider gibt es weder einen
Wilhelm Tell noch einen Tell. Die Tellengeschichte, der Tyrannenmord, die bösen
Vögte, das Rütli sind Motive, die so weder urkundlich noch archäologisch
nachweisbar sind. Wir stehen vor dem Problem einer erzählten Geschichte die
lange Zeit nur mündlich weitergegeben wurde, bis jemanden auf den Gedanken kam,
sie aufzuschreiben. Sie ist allen möglichen bewussten und unbewussten
Verdrehungen und Manipulationen ausgesetzt, (so wie ich es absichtlich gemacht
habe) und unterliegt ihnen auch unweigerlich. Wer immer der Erzähler sein mag,
er hat stets nur eine bruchstückhafte Wahrnehmung dessen, was effektiv passiert
ist, erzählt. Auch die Versuchung Personen miteinander zu verbinden oder gar zu
verschmelzen ist gross. So hat der Vogt Gessler, womöglich gar nicht zur
gleichen Zeit wie unser Held Tell gelebt.
Es gibt verschiedene Versionen. Das erste bekannte Tellenlied stammt aus der
Mitte des 15. Jahrhunderts und ist die älteste erhaltene Quelle. Die heute
bekannte Version ist vor allem durch die Tellsgeschichte im Chonicum Helveticum
des Glarner Gelehrten Aegidius Tschudi von 1550 (überarbeitet 1569/70) und durch
das Bühnenstück von Friedrich Schiller von 1804 bekannt.
Ist der Bundesbrief von 1291 echt?
Ob Legende oder nicht, es war ein lang ersehnter Wunsch mal die so berühmte
Hohle Gasse zu besuchen. Die Einladung meiner Innerschweizer
Philippinen-Kollegen Ifter und Comella ein Wochenende im wunderschönen
Schwyzerland zu verbringen, nehme ich dankend an. Ich benütze die Gelegenheit
auch das Bundesbriefmuseum aufzusuchen. Ein äusserst interessanter Rundgang, der
dem Besucher die Geschichtskenntnisse aus der Schulzeit nach so vielen Jahren
wieder etwas auffrischt. Ist der Bundesbrief von 1291 etwa auch eine Legende?
Anlässlich der 700 Jahre Bundesfeier (1991) wurde dieser an der ETH Zürich
untersucht. Dem Pergament wurden drei Proben entnommen, die nach der
Radiokarbon-Methode (auch C14-Methode genannt) untersucht wurden. Das Resultat
besagte, dass das Pergament zu 85% in die Zeit zwischen 1252 und 1312 und zu 15%
in die Zeit zwischen 1352 und 1385 datiert werden kann. Wohlverstanden, mit der
Untersuchung wurde nur das Alter des Pergaments untersucht. Es wurden damals
weder von den Siegelstreifen noch von den Siegeln oder Tinte Proben entnommen.
Der Brief könnte daher durchaus auch später geschrieben worden sein. Wie mir
Herr Valentin Kessler vom Amt für Kulturpflege liebenswürdigerweise erklärt,
gibt der Bundesbrief verschiedene Rätsel auf. „Das Fehlen eines
Ausstellungsortes wie auch eines Hinweises auf die Person des Schreibers lassen
uns weiterhin rätseln, wo der Bundesbrief niedergeschrieben wurde. Ein
schriftliches Dokument wie der Bundesbrief von 1291 war im 13. Jahrhundert
vorwiegend der Kommunikation unter Schrift- und Rechtskundigen vorbehalten. Es
diente dazu, gegenüber königlichen, bischöflichen oder herrschaftlichen
Amtsstellen Ansprüche oder Konfliktlösungen festzuschreiben. Der Gebrauch von
Schriftstücken hat sich im 13. Jahrhundert in der Region der heutigen Ostschweiz
und Innerschweiz zunehmend ausgebreitet. Das heisst aber nicht, dass nun die
ganze Bevölkerung schreiben konnte. Die Kunst des Schreibens und Lesens blieb
vorwiegend auf Klöster und herrschaftliche oder städtische Verwaltungsstellen
beschränkt. Für den Bundesbrief könnte dies bedeuten, dass die lokale
Führungsschicht einen Schreiber aus den Nachbarstädten oder einen gebildeten
Geistlichen aus der Talschaft Schwyz beauftragt hat, die Übereinkunft vom August
1291 schriftlich festzuhalten. Das Bündnis, nicht am Ort und zum Zeitpunkt des
Bundesschlusses niedergeschrieben und daher ohne Ortsangabe und Hinweis auf den
Schreiber, entsprach dank dem Wissen des Schreibers den „Anforderungen" an eine
Urkunde und konnte im Kontakt mit König oder Bischof vorgewiesen werden.
 Das Bundesbriefmuseum in Schwyz
Training für die neue Trekking-Saison
Völlig ausser Puste erreiche ich den
Aussichtspunkt „Bleike" oberhalb von Kandersteg. Mit der „Bleike" eröffne ich so
quasi jedes Jahr mein Training zur Trekking-Saison. Für den Insider, ein
bescheidener Beginn. Tja, Trekking. Nach der letztjährigen Erfahrung in Pakistan
kann und muss ich grössere Vorhaben wohl abschreiben. Meine
Fussgelenkbeschwerden sind seit letztem Jahr nicht minder, im Gegenteil,
beschwerdefreie Tage kann ich an beiden Händen abzählen. Laut ärztlicher
Diagnose ist früher oder später mit Arthrose zu rechnen. Wer weiss, wie lange
ich daher noch kleinere, leichtere Bergtouren machen kann? Also muss ich doch
noch etwas unternehmen, solange es noch geht! Der Anblick des Manaslu (8163 m) –
mein einziger fehlender 8000er – wäre so eine Tour. Infolge der immer noch
unsicheren politischen Lage verschiebe ich schweren Herzens einmal mehr die
Reise nach Nepal. Als Ersatz möchte ich stattdessen im Herbst nach Nordindien,
ins Gharwal-Himalaya zu den Ganges-Quellen.
„Technisch leichtes Trekking für
geübte Wanderer mit sehr guter Kondition", so ist meine geplante Tour im Katalog beschrieben. Um das Kriterium „gute Kondition“ zu erfüllen, ist wohl die Zeit zu
kurz, wenigstens könnte ich aber etwas für den „geübten Wanderer" tun. So geht
die diesjährige Bergtour auf Fisialp und den Jegertossen oberhalb von
Kandersteg. Eine unheimlich steile aber sehr lohnenswerte Tour. Von der Talsohle
auf 1176 m ü.M. gelegen geht es beinahe Senkrecht auf 2154 m ü.M! Die Belohnung
ist eine grandiose Sicht auf die fast zum berühren nahe Nordwand des Balmhorms.
Spektakulär ist der Anblick vor allem bei Sonnenauf- und untergang. Durch ein
jahrzehntelanges Weideverbot hat sich auch eine einzigartige und reichhaltige
Flora eingestellt. Die Hauptschwierigkeit in den Schweizer Bergen zu wandern ist
das unbeständige Wetter. Ein Sommer wie 2003 war wohl die Ausnahme. Dass eine
Schönwetterperiode dann zudem noch auf ein Wochenende fällt, macht das Ganze
noch schwieriger. Das Wochenende vor meinem Abflug klappt es doch noch.
   Bild links: Altels - Bild rechts: Balmhorn
   Bild links: Grosses Rinderhorn - Bild rechts: Steghorn und Wildstrubel
Der Aufstieg zum Jegertossen kann von
zwei Seiten in Angriff genommen werden. Der leichtere Weg führt über die Route
zur Doldenhornhütte über den Biberg, der andere, der kürzere, startet beim
Waldhotel Doldenhorn. „I dr Schleife" (1535 m) treffen beide Wege aufeinander.
359 Höhenmeter sind bereits hinter uns, weitere 419 m aber noch vor uns. Laut
Wegweiser benötigt man von hier zum Jegertossen noch zwei Stunden. Ich hab dies
noch nie so schnell geschafft! Wie diese Zeit wohl gemessen wurde? Vermutlich
hat der Verkehrsverein den Reinhold Messner dazu engagiert! Wer wie ich, punkto
Kondition nicht gerade in bester Verfassung ist, schaut am besten aus
psychologischen Gründen gar nicht auf die Tafel. Denn der härteste Teil kommt
erst noch! Nach einem kurzen flachen Stück bei der „Schleife" wird es wiederum
steil, sehr steil. Der Weg, mehrheitlich aus Treppen bestehend, kommt mir
entgegen. Ich kann den Fuss dadurch flach aufsetzten. Der Weg führt hoch über
das Gasterntal. Einige Passagen sind recht schmal und Schwindel erregend. Es
gilt äusserst vorsichtig aufzusteigen, denn Seile zur Sicherheit sind keine
angebracht. Endlich erreicht man die Waldgrenze. Ich durchquere grosse Felder
von Rhododendron-Sträucher. Grosse Mauern und bizarre Stahlkonstruktionen zieren
die Landschaft: Es sind die Lawinenverbauungen, die den Zugang zum Nordportal
des Lötschbergstunnels vor Lawinenniedergängen schützen. Die rot-weisse
Wegmarkierung ist plötzlich verschwunden. Man kann aber nicht falsch gehen.
Immer hinauf und nach Rechts halten, bis man eine wunderschöne Alpenwiese
erreicht. Das warme Wetter der letzten Tage hat den restlichen Schnee gänzlich
zum schmelzen gebracht. An jenen Stellen blühen nun die Alpenglöckchen. Weiter
oben auf der Wiese gedeiht eine wunderschöne Alpenflora: Dotterblumen,
Berganemonen, kurzblättriger Enzian, Veilchen, Primeln und Männertreu blühen,
sogar Türkenbund-Lilien soll es geben. Mit etwas Glück sieht man auch
Murmeltiere und Gemsen. Zum Jegertossen ist es nicht mehr weit. Nach der
meteorologischen Station kommt zunächst die Altes in Sicht, wenige Meter später
stehen wir vor der Nordwand des Balmhorns.
   Lawinenverbauungen: Stahl-Schneebrücken
 Blick hinüber zur First
 Sonnenuntergang auf dem Balmhorn/Altels

Seit 48 Jahren jeden Sommer auf der Fisialp
Wer die Nacht dort oben verbringen will,
muss Zelt oder Schlafsack mitbringen, denn eine Unterkunft gibt es nicht. Bei
der Fisischafberghütte (2094 m) kann man schlimmstenfalls im Materialraum auf
dem Holzboden schlafen. Als Abstiegsvariante ist der Weg über Fisialp zu
empfehlen. Dieser ist zwar nicht so gut, aber weniger dem Abgrund ausgesetzt.
Die Traversierung zu Fisialp ist eine wunderschöne Wanderung, die etwa
Dreiviertelstunde in Anspruch nimmt. Läuft man rechts der Hütte etwas weiter
hinauf, eröffnet sich eine wunderbare Aussicht auf den Oeschinensee und die
Blümlisalp. Direkt unter uns liegt die SAC-Doldenhornhütte, die über beim
Abstieg über den Felsenpfad erreicht werden kann.
Der Besuch auf Fisialp wird schon von weitem durch die Sennenhunde angekündigt.
Auf Fisialp wohnen die von Känels. Seit 1956 verbringt Frau Heidi von Känel, dieses
Jahr 76jährig, den Sommer auf der Alp. Durch den zaghaften Sommerbeginn hat sich
heuer der Alpaufzug etwas verzögert, erklärt mir Herr von Känel, der mit einer
ersten kleineren Gruppe von Vieh erst vor drei Tagen hinaufgezogen ist. Der
Rest, sowie seine Mutter, sollen in den nächsten Tagen folgen. Erstaunlich, wie
diese Kühe bergsteigen! Anderthalb Stunden für diesen steilen Weg! Anscheinend
ist man mit vier Beinen doppelt so schnell! Auch erstaunlich: die Mutter von
Herrn von Känel soll für den Abstieg ebenfalls nur anderthalb Stunden
benötigen! Ich brauche dazu mehr als zwei Stunden und bin ko. Auch mein
Fussgelenk hat dabei wieder gelitten. Während 24 Stunden kann ich kaum gehen…
   Bild links: Äussere Fisistock - Bild rechts: Oeschinensee
     Auf Fisialp trifft man auf eine einzigartige Alpenflora
     Bei von Känel's auf Fisialp
  

Alles hatte doch so gut begonnen…
So wie ich mich auf die Heimreise freue,
so freue ich mich wieder loszuziehen. Wer ein wenig in der weiten Welt umher
kommt, für den ist die Schweiz wie ein kleines Aquarium mit Goldfischen. Alles
ist bei uns zwei Schuhnummern kleiner. Auch wenn die Schweiz kränkelt und wir
feststellen, dass unsere demokratischen Abläufe sich zunehmend als zu
schwerfällig erweisen, herrscht in der Schweiz, vergleichbar zu den meisten
anderen Ländern der Welt, noch immer eine relativ heile Welt.
Im Nu ist mein dreimonatiger Aufenthalt vorüber und erneut stehe ich am Check-in
Schalter der Kuwait-Airlines. Mit grosser Besorgnis lege ich mein Gepäck auf die
Waage: 25,8 Kg! Das Fräulein am Schalter quittiert meinen ängstlichen Blick mit
einem beruhigenden Lächeln: „Pas de problèmes". Uf, da fällt mir ein grosser
Stein vom Herzen. Von nun an kann ja nichts mehr schief gehen. Obwohl der Weg nach Bangkok und Manila mit
einem fünfstündigen Aufenthalt in Kuwait verbunden ist, habe ich mich erneut für
diese Fluggesellschaft entschieden. Für einen Zuschlag von Fr. 150.- kann man
neu nun auch in Bangkok die Reise unterbrechen, womit ich mir in Bangkok den
Kauf eines Tickets nach Manila ersparen kann.
 Der A-340 in Genf-Cointrin
Wie üblich sitze ich auf der
Mont-Blanc-Seite. Das Wetter ist leider zu dunstig um die Berge klar zu sehen.
Statt wie üblich nach dem Start Richtung Norden zu fliegen, überfliegen wir den
Genfersee, dann folgen wir den Voralpen entlang. Die ganze Pracht der Berner
Alpen steht auf meiner rechten Seite. Unverkennbar die im Schatten liegende
Nordwand des Eigers. Ich sehe den Thunersee, den Niesen, die Stadt Thun. Minuten
später der Pilatus, der Vierwaldstätter See, die Rigi. Ja, sogar die Mythen
erkenne ich. Hey, Kollegen in der Innerschweiz, auf Wiedersehen, bis bald in
Angeles! Wir fliegen über den Zürichsee, den Bodensee, erst jetzt dreht der
Pilot nach Norden, Richtung Frankfurt ab. War das nun eine Zugabe! Ein
Dankeschön dem Piloten. Beim Anflug auf Frankfurt überfliegen wir das neue
Fussballstadion mitten in einem Wald gelegen. Ob es in Deutschland wohl auch so
ein „Theater" gibt um ein Stadion zu bauen wie in Zürich? Wie erwartet steigen
in Frankfurt zahlreiche Passagiere zu. Erstaunlicherweise bleiben die vier Sitze
neben mir leer. Ich profitiere von der Gelegenheit und mache es mir bis Kuwait
gemütlich
Der verspätete Abflug in Frankfurt verkürzt die Wartezeit in Kuwait. Auch fünf
Stunden sind aber noch immer lange genug. Doch irgendwie geht die Zeit immer
vorbei. Der Weiterflug nach Bangkok wird mir nicht in bester Erinnerung bleiben.
Ich bin halb am verhungern, bis endlich das Essen serviert wird, vergeht nach
dem Start mehr als eine Stunde. Das ständige Geschrei von Kleinkindern nervt
mich. Obwohl die Passagiere xmal aufgefordert wurden ihre Händys im Flugzeug
auszuschalten, telefoniert in der Reihe hinter mir eine Filipina kurz vor dem
Take-off frisch fröhlich weiter und ein Schweizer empfängt während des Fluges
ein SMS! Wo bleibt da die Disziplin? Am liebsten hätte ich den beiden das Händy
aus dem Fenster geworfen. Der einzige Lichtblick des Fluges ist der Tagesanbruch
des 1. Juli. Als ich zufälligerweise um 02.30 Kuwait Zeit die Fensterklappe
hochziehe, steht über der pechschwarzen Erde ein tieforange leuchtender Streifen
am Horizont. Ein Bild wie aus dem Weltraum! Je länger wir Richtung Osten
fliegen, umso heller wird es nun.
Ich muss geschlafen haben, denn plötzlich ertönt der Kabinengong zum
Anschnallen. Ich bin zurück in Bangkok. Die Maschine fliegt weiter nach Manila.
In zwölf Tagen werde ich mit der gleichen Maschine weiterfliegen.
Ungeduldig warte ich in der Gepäckausgabe auf meinen Rucksack und die Tasche.
Das Förderband dreht und dreht, doch von meinem Gepäck keine Spur. Als ich als
einziger Passagier da stehe, bin ich etwas ratlos. Sofort ist eine Vertreterin
der Airline mit Walkie-Talkie zur Stelle und klärt ab ob das Gepäck eventuell
aus versehen noch im Flugzeug ist. Negativ. Das Gepäck ist wirklich nicht da!
Sch… und nochmals Sch… Was mache ich jetzt? Dass ausgerechnet mir so etwas
passieren muss, dabei hatte die Reise doch so gut begonnen…
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