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146 Maoisten in Gefechten mit der Armee getötet
Die Berichte in den englisch sprechenden Tageszeitungen über die Situation in
Nepal sind nicht gerade ermutigend um eine Reise dorthin zu unternehmen. Fast
täglich wird über Zwischenfälle zwischen der Armee und den Rebellen berichtet.
Diese finden jedoch meist weit ausserhalb Kathmandus statt und sind daher kein
Grund nicht nach Nepal zu reisen. Dies wäre gleich lächerlich, wie eine Reise
nach Thailand oder in die Philippinen abzusagen, nur weil im Süden des Landes
Bombenanschläge verübt werden. Ich habe zwei Alternativen: entweder ich fliege
nach Hause oder ich führe die geplante Reise nach Kathmandu durch. Um mich vor
Erfrierungen zu bewahren, scheint eine Rückkehr in die Schweiz bei der momentan
herrschenden Polarkälte nicht möglich. La Brévine und Bangkok hatten übrigens
gestern etwas gemeinsames: es war an beiden Orten 35 Grad, in La Brévine minus,
in Bangkok plus!
Dank der sachlichen Information via E-Mail meines ehemaligen Trekking-Führers
Janak, entschliesse ich mich, trotz den politischen Wirren, nach Kathmandu zu
fliegen. Ich habe ihn in früheren Trekkings als seriösen Trekking-Organisator
kennen gelernt. Er ist sehr um die Sicherheit seiner Kunden besorgt und weiss
Gefahr und Risiko einzuschätzen.
Um 04.00 Uhr bin ich bereits wach. Ich kann kein Auge mehr zudrücken. Wie vor
jedem Flug bin ich unheimlich nervös. Ich fliege ja nicht zum ersten Mal, doch
ich kann dagegen nichts machen. Nach Nepal zu reisen bedeutet auch auf viele
Annehmlichkeiten des Lebens zu verzichten. Jede Reise nach Nepal war bisher
immer mit Strapazen und gesundheitlichen Problemen verbunden. Obwohl ich wegen
der Lage in Nepal keine Bedenken habe, empfinde ich dennoch eine Ungewissheit,
die mich zusätzlich nervös macht.
Ich bin überrascht wie viele Fluggäste im Gate 26 für den Flug TG 319 nach
Kathmandu versammelt sind. Es sind vor allem Nepalis und japanische Gruppen. Auf
der TV-Grossleinwand flimmert die Übertragung des Formel-1 Rennens aus
Australien. In zehn Minuten findet der Start statt, doch ausgerechnet jetzt
werden die Passagiere zum Boarden aufgerufen. Ich bin kein Motorsportfan,
dennoch ärgert es mich, den Start so knapp verpassen zu müssen. Wenn der Flug
doch nur etwas Verspätung hätte! Aber immer wenn es einem dienen würde, sind sie
pünktlich. Die Rennwagen starten zur warm-up Runde. Die Passagiere stehen noch
immer in einer Schlange zum boarden an. Es kommt zum Start. Dieser wird
abgebrochen! Es kommt nochmals zu einer warm-up Runde. Ein Blick hinüber zum
Schalter. Die Schlange ist kleiner geworden, der Saal ist bereits leer.
Vielleicht kann ich den Start doch noch sehen! Wieder sind alle Wagen auf der
Startlinie aufgestellt. Die erste Ampel leuchtet auf rot, die zweite, die
fünfte. Alle wechseln sie auf grün. Der Start ist erfolgt! Als Vorletzter steige
ich ins Flugzeug ein! Welch ein gelungener Start nach Kathmandu!
 Flug Lufthansa/Thai nach Kathmandu
Mit dem Fensterplatz auf der rechten Seite hat es auch geklappt. Dies ist
wichtig, denn das grandiose Panorama der 8000er kurz vor der Landung ist jedes
Mal ein Erlebnis. Einmal mehr bin ich auf dem Weg nach Kathmandu unterwegs. Aber
irgendwie kommt keine Begeisterung auf. Viele Leute würden davon träumen einmal
Kathmandu besuchen zu können. Für mich ist es jedoch fast ein Muss. Ja, ich muss
nach Nepal um endlich einmal diesen Manaslu, „mein“ 14. und letzter
Achttausender zu fotografieren, ich muss meine Schulden meinem Briefmarkenfreund
Herrn Sthapit bezahlen, ich muss Pashmina-Schale für meine Schwester einkaufen
und ich muss mich mit der amerikanischen Himalajajournalistin, Frau Elizabeth
Hawley, treffen.
Von den 8000er Gipfeln sind, ausser einigen unbedeutenden Vorgipfeln, nichts zu
sehen. Diese sind in einer grossen Wolkenfront verhüllt. Einige der Japanerinnen
sind dennoch hell begeistert und glauben den Mount Everest zu sehen. Tja, wenn
das mit dem Wetter so ungünstig ist, dann macht es auch keinen Sinn einen
Abstecher zum Kangchendzunga zu machen. Ein drittes Mal nach Darjeeling (Indien)
zu reisen um die Berge nicht zu sehen… Nein, auf so was kann ich verzichten.
Damit ist auch mein Visum Problem für Nepal gelöst und ich brauche am Flughafen
kein Re-Entry Visum zu beantragen.
Janak empfängt mich am Flughafen. Er hat Transport
und Hotel für mich organisiert. Wie schön es ist so empfangen zu werden. Man
braucht sich um nichts zu kümmern. Seine Trekking-Agentur, Goma Trekking, musste
er wie viele andere vor drei Jahren schliessen. Vierzig Träger und Führer
beschäftigte er. Heute betreibt er ein Kaffeehaus. Ab und zu begleitet er
ehemalige zufriedene Kunden, so wie mich, auf Trekkings. Für ihn ein
willkommenes Zusatzeinkommen.
Bei der Fahrt ins Hotel fällt mir gegenüber meinem
letzten Besuch auf, dass viel weniger Verkehr herrscht. Das Chaos, der Dreck,
die Armut sind gleich geblieben. Welch eine völlig andere Welt hier herrscht!
Faszinierend und gleichzeitig abstossend. In Thamel, dem Touristenviertel, ist
es auch ruhiger. Mein Hotel, das Blue Diamond, ist nur zu 20% ausgelastet.
Früher war es voll, vor allem mit indischen Touristen. Der Inhaber erklärt mir,
dass 95% dieser Touristen auf dem Landweg nach Nepal einreisten. Nachdem
regelmässig Strassenblockaden und Bombenanschläge in der Nähe der Grenzübergänge
erfolgt sind, ist der Touristenstrom fast versiegt. Die Ausrufung des
Ausnahmezustandes durch den König am 1. Februar hat zusätzlich seines zum Stopp
der indischen Touristen beigetragen.
   Wenige Minuten vor den Landung in Kathmandu
   Tribhuvan Airport
 Empfang durch Janak
Impressionen von Kathmandu
  
    
    
    
  
     Auf Banderollen und Plakaten erklärt König Gyanendra der Bevölkerung weshalb er die Macht übernommen hat.
Das Touristenviertel Thamel
  
    
Von Thamel nach Pyukha-Tole
Der erste freie Nachmittag benütze ich gleich um
meinen Briefmarkenfreund, Mr. Sthapit, zu besuchen. Der Weg von Thamel nach
Pyukha-Tole durch die engen Gassen kenne ich inzwischen beinahe auswendig. Es
hat sich nicht viel geändert, sogar gar nichts. Die grossen Motorräder
schlängeln sich nach wie vor durch die Menschenmenge und drohen die Fussgänger
zu überfahren. Hier, abseits des Touristenviertels, begegnet man nur sehr
wenigen Touristen. Es gibt daher auch keine dieser lästigen Souvenir-Verkäufer.
Diese stürzen sich ansonsten auf Dich wie Fliegen auf einen Kuhdreck! Vom
Ausnahmezustand ist, ausser der allgegenwärtigen Präsenz des Militärs (grüne
Uniformen) und der Armed Police (blaue Uniformen) nichts zu merken. Das Treiben
ist emsig. Bei jedem Gang durch diese Gassen gibt es etwas Neues zu entdecken.
Diesmal sind es die die Fleischverkäufer.
Mit Herrn Sthapit, dem früheren Präsidenten der Nepalese Philatelic Association,
verbindet mich nun schon eine langjährige Freundschaft. Wir planen gemeinsam ein
Vordruckalbum „Nepal durch seine Briefmarken“ in englischer Version
herauszugeben. Wie immer empfängt er mich in seinem Haus zu Tee, Biskuits und
zwei gekochten Eiern, an denen ich mir jedes Mal die Finger verbrenne!
Die politische Situation ist natürlich auch ein
Thema. Die von der westlichen Welt verurteilte Auflösung der Regierung durch
König Gyanendra wird hier mehrheitlich begrüsst. Darauf angesprochen, fragen die
meisten Leute was denn die Demokratie in den letzten 14 Jahren dem Lande gebracht
habe? Wenig wenn nichts. Was nützt eine Demokratie wenn die einzige Sorge der
Politiker es ist, sich durch Korruption zu bereichern. Die Regierung war zudem
unfähig den seit elf Jahren anhaltenden Konflikt mit den Maoisten zu lösen. Soll
dies denn so noch jahrelang weitergehen? Was gibt es in einer solchen Situation
für Alternativen? Diese korrupten Politiker abzusetzen und zu bestrafen war
vielleicht gar keine schlechte Idee. Der König ist mit seinem Entscheid auf
jeden Fall ein grosses Risiko eingegangen. Es geht aber auch um seine „Haut“,
denn die Maoisten wollen ja die Monarchie abschaffen. Gelingt es ihm nicht, wie
versprochen, die Demokratie spätestens bis in drei Jahren zu restaurieren, dann
wird vermutlich das Königtum ernsthaft gefährdet sein. Die Leute haben in jedem
Gespräch allgemein die grosse Hoffnung, dass bald Frieden herrschen wird. Mit
der Einstellung der militärischen Hilfe an Nepal durch Indien und die USA lachen
sich aber vorerst die Maoisten ins Fäustchen! Wenn die Lage in Kathmandu ruhig
und unter Kontrolle der Armee zu sein scheint, weiss niemand genau wie es auf
dem Lande steht. Die Leidtragenden sind, wie meistens, die Leute: werden sie
nicht von der Armee verdächtigt mit den Rebellen zusammen zu arbeiten, werden
sie von den Maoisten dazu gedrängt. Dass dabei von beiden Seiten nicht gerade
zimperlich vorgegangen wird, ist wohl zu befürchten.
    
  
    
  
    
    
    
    
    
  
 Mr. Sthapit
Manakamana – Gorkha Trekk
Die Vorgabe an Janak war klar: ich will den Manaslu (8163 m) fotografieren ohne
viel laufen zu müssen! Vor meiner Abreise schlägt er mir via E-Mail vor, mit dem
Bus nach Gorkha zu fahren. Von dort soll es eine grandiose Sicht auf den Berg
geben. Die Situation hat sich jedoch seither verändert, denn angeblich hätten
die Maoisten einen Anschlag auf eine Brücke verübt und die Strasse nach Gorkha
soll für den Verkehr gesperrt sein! Sein neues Programm lautet daher mit dem Bus
nach Kurinitahar (etwa 120 Km auf der Strecke nach Pokhara) zu fahren und von
dort mit einer Gondelbahn hinauf nach Manakamana zu gehen. Über einen Bergrücken
sollen wir dann zu Fuss nach Gorkha gelangen.
- Und wie lange wird dieser Marsch in Anspruch nehmen?
- 6 Stunden
- 6 Stunden?
- No problem, der Weg ist nicht schwer…
Tja, schwer oder nicht schwer, das ist doch gar nicht das Problem. Ich kenne
meine physischen Möglichkeiten und weiss, dass mir spätestens nach zwei Stunden
Belastung das Fussgelenk Probleme machen wird. Ob das gut gehen wird? Versuchen
könnens wir ja. Da für nächsten Montag eine weitere Strassenblockade von den
Maoisten angesagt ist, will Janak sofort zu unserem Treck starten.
 Unsere Route
Bereits am nächsten Morgen holt mich Janak um 06.00 Uhr im Hotel ab. Gemeinsam
marschieren wir zur Busstation. Ein cleverer Nepali hat auf dem Gehsteig eine
ambulante Teeküche eingerichtet. So gibt es zum Frühstück wenigsten ein „milk
tea“. Etwas essen werden wir dann in Manakamana, die Fahrt dorthin soll nur etwa
drei Stunden dauern. Wir zischen los. Das Kathmandu-Tal zieht sich unheimlich in
die Länge. Wir passieren die ehemalige Königsstadt Kirtipur. Plötzlich geht es
nicht mehr vorwärts. Es hat sich eine riesige Kolonne gebildet. Der Checkpoint
ausgangs Kathmandu-Tal soll die Ursache des Staus sein. Nach einer halben Stunde
Stillstand geht es ruckartig wenige Meter vorwärts. Endlich passieren auch wir
den Checkpoint. Die Bahn ist frei. Von 1400 m geht es hinunter nach Naubise auf
800 m ü.M. Vor Naubise wird unsere flotte Fahrt wiederum abrupt gestoppt. Erneut
hat sich eine riesige Fahrzeugkolonne gebildet. Es wird zunehmend heiss und die
Passagiere steigen aus dem Bus aus. Man kommt ins Gespräch mit anderen
Touristen, wechselt Informationen und Erlebtes aus. Eine halbe Stunde später
ertönen Hupzeichen, anscheinend ein Zeichen, dass es weitergeht. Die Motoren
werden gestartet. Das Volk begibt sich hastig zu den Fahrzeugen zurück,
zufrieden dass es endlich weitergeht. Kaum haben alle im Bus wieder Platz
genommen, stellt der Fahrer nach wenigen Minuten den Motor ab! Fehlalarm. Die
Leute steigen wieder aus. So geht es dreimal! Inzwischen sind bereits zwei
Stunden vergangen! Die lokalen Verkäufer der Umgebung haben die Situation
erfasst und bieten den wartenden Leuten Mineralwasser, Biskuits und anderes an.
Ein gutes Geschäft für sie, denn langsam haben die Leute Durst und Hunger. Eine
halbe Stunde später sitzen wir einmal mehr im Bus. Doch diesmal klappt es
wirklich. Angeblich fahren wir in einem Konvoi mit Armeeeskorte! Von nun an geht
es zügig voran. Nach sechs Stunden treffen wir in Kurinitahar ein.
   Der Stau vor Naubise
Mit der Gondelbahn
Eine Gondelbahn in Nepal! Was es nicht alles gibt! Wer sich mit dem Bus von
Kathmandu nach Pokhara begibt, fährt an der Talstation vorbei. Bereits einige
Male habe ich diese bei der Durchfahrt gesehen und mich darüber gewundert hier
so was anzutreffen. Die zehnminütige Fahrt hinauf nach Manakamana (1100 m ü.M.)
kostet für die Ausländer 12 US $ cash. Manakamana ist ein sehr bekannter Ort,
denn hier befindet sich einer der wichtigsten Hindu-Tempel Nepals. Es gibt hier
oben auch zahlreiche Hotels.
     Die Gondelbahn nach Manakkamana
Bevor wir am anderen Morgen starten, besuchen wir den Tempel. Ein wichtiger
Besuch für Janak. Er will dabei auch dafür beten, dass das Wetter für meine
Aufnahmen morgen klar ist. Schon am morgen früh herrscht reges Treiben um den
Tempel. Nicht-Hindus dürfen den Tempel nicht betreten. Zahlreiche Ziegen sind
vor dem Tempel angebunden. Dies verwundert mich sehr. Janak erklärt mir, dass
diese geopfert werden. Von den meisten Tempelbesucher völlig unbeachtet, für
mich jedoch die absolute Sensation, ist das Panorama hinter dem Tempel. Der
Ausblick auf die Manaslu-Bergkette ist superb. Dass ich „meinen“ Berg schon hier
sehen würde, hatte ich wirklich nicht erwartet. Im Prinzip könnte ich nun zurück
nach Kathmandu gehen. In Ghorka soll die Sicht aber noch besser sein! Als wir
zurück am Tempel vorbeimarschieren sind die Ziegen verschwunden…
  
     Der Hindu-Tempel von Manakamana

 Hinter dem Tempel die Aussicht auf die Manaslu-Kette
 Der 8163 m hohe Manaslu (rechts)
Im Gespräch mit den Leuten erfährt Janak, dass die angeblich gesperrte Strasse
hinauf nach Gorkha wieder befahrbar ist. Somit entfällt der sechsstündige
Marsch. Dies ist mir auch lieber so. Wir müssen nun aber auf der Rückseite des
Hügels wieder ins Tal, nach Anbu Khaireni absteigen. Ein etwa dreistündiger
Abstieg. Von dort gibt es Busse nach Ghorka.
Der Weg hinunter nach Anbu Khaireni besteht ausschliesslich aus Steintreppen.
Treppen! Seit meinem Trekking von Beni nach Tukuche hasse ich Treppen. Sie haben
jedoch den Vorteil, dass ich mein lädiertes Fussgelenk flach abstellen kann. Der
leichte Weg ermöglicht es mir auch auf die Bergschuhe zu verzichten. In den
Jogging-Schuhen habe ich weniger Probleme. Während des ganzen Abstieges
begleitet uns die Sicht auf den Manaslu. Wir begegnen zahlreichen Trägern die
grosse Lasten schleppen. Da der Transport mit der Gondelbahn hinauf nach
Manakamana teuer ist, wird das meiste Material von dieser Seite von Trägern und
Lasteseln nach Manakamana befördert. Nach zwei Stunden werde ich zunehmend müde.
Wir halten in einem Teehaus an. Die letzte Stunde des Abstieges ist mühsam. Ich
halte immer fleissiger an, bestaune dabei die wunderschönen, rotleuchtenden
Korallenbäume. Das Dorf unter uns scheint nicht näher zu kommen. Der Rest des
Mineralwassers ist schon längst ausgetrunken. Ich bin halb am verdursten!
Endlich sind wir unten am Fluss angelangt. Über eine Hängebrücke geht es in die
Stadt.

   Abstieg nach Anbu Khaireni
     Korallenbäume

  
    
Gorkha, das frühere Fürstentum
„Janak, pani, pani“ rufe ich verzweifelt aus! Pani heisst Wasser. Er will jedoch
zuerst die Brücke überqueren, die angeblich beim Anschlag von den Maoisten
zerstört wurde. Von einer Zerstörung kann ich nichts sehen. Einzig ein Loch
mitten im Asphalt von etwa einem halben Meter Länge. Gleich nach der Brücke
zieren grosse Coca-Cola- und Bierreklamen die Felswand. Als ob ich nicht schon
genug Durst hätte! Endlich haben wir uns in einem kleinen Restaurant
niedergelassen. Wir warten auf den Bus nach Ghorka. Janak verspeist sein
tägliches Dal Baht, pürierte Linsen mit Gemüse und viel viel Reis, das
Nationalgericht Nepals. Ich ziehe Bananen vor. Das Leben scheint hier friedlich
und ohne Hektik. Die Männer spielen Carambol und „Mensch ärgere dich nicht“.
Nach einer Stunde hält der Bus an. Es ist voll, wir müssen aufs Dach! Wegen 27
Kilometer spielt dies keine Rolle, im Gegenteil von oben hat man eine bessere
Aussicht.
    
   Unser Bus nach Gorkha
Gorkha ist an einem Hang auf 1143 Meter ü.M. gelegen. Die Stadt erinnert mich an
Darjeeling, einzig, dass sie kleiner ist und es keine Sicht auf Schneeberge
gibt. Diese befinden sich auf der Nordseite, hinter der Krete welche die Stadt
überragt. Die Stadt ist für nepalesische Verhältnisse sauber. Überall sind
orangefarbene Plastikabfallkübel angebracht. Auch hier ist die Präsenz der Armee
und der Armed Police unübersehbar. Gorkha ist vor allem durch seine Geschichte
berühmt. Im 18. Jahrhundert war es eines der zahlreichen Fürstentümer im
heutigen Nepal. Weltweit Berühmtheit erlangten seine Einwohner, die
Gurkha-Soldaten, welche seit 1858 im Dienste Englands kämpften.
Die einzige Sehenswürdigkeit der Stadt, der Königspalast, ist wegen
Renovierungsarbeiten geschlossen. Da es noch zu früh ist ins Hotel
zurückzukehren und der Weg hinauf zur Krete nicht allzu weit scheint, packt uns
die Neugier einen Blick dahinter zu werfen. Wer weiss, mit etwas Glück können
wir vielleicht den Manaslu im Abendrot sehen! Der nachmittägliche Abstieg macht sich
in den Beinen bemerkbar. Der steile Aufstieg ist kurz aber echt mühsam. Oben
angekommen, herrscht grosse Enttäuschung. Von den Bergen ist nichts zu sehen.
Die Aussicht ist von hier zudem gar nicht ideal. Bäume verdecken die Sicht. Etwas weiter
oben befindet sich ein kleiner Park mit der Statue von König Ram Shah. Ja, von hier
müsste morgen früh die Sicht gut sein. Der Abstieg ist eine reine Qual. Ich habe
dermassen Muskelkater, ich kann kaum mehr laufen.

     Gorkha
    
    
    
    

Muskelkater
Um 07.00 Uhr geht es erneut los. Der Muskelkater ist noch schlimmer als gestern.
Aber jetzt, kurz vor dem Ziel, gilt es auf die Zähne zu beissen und nicht
schlapp zu machen. Der Gedanke mein Ziel erreichen zu können, verleiht mir neue
Kräfte. Als wir beim gestrigen Aussichtspunkt ankommen, reicht die Sicht von der Annapurna-Kette bis zum Ganesh Himal. Fabelhaft! Leider ist es nicht so klar wie
ich mir erhofft habe. Die Fotos sind im Kasten. Ziemlich schnell kommen Wolken
auf die den Manaslu bald umgeben. Wir bleiben noch eine ganze Weile.
Die Sicht wird leider nicht besser. Mein Ziel ist erreicht, wir können
absteigen. Das Hinunterlaufen ist die reinste Qual.
Meine Gangart gleicht einem hundertjährigen Mann. Auf den Gesichtern der Kinder
die mir begegnen ist ein schelmisches Lächeln zu erkennen. Zwischendurch ruft
ein Bauer dem Janak etwa zu, worauf dieser in Lachsalven ausbricht! „Was hat er denn
gesagt?“ will ich wissen. „Du läufst wie ein kleines Kind!“.
Wir sind zurück im Hotel. Die Oberschenkel und Waden tun bei jeder Bewegung weh.
Meine Pflicht ist erfüllt. Ich dränge zurück nach Kathmandu zu fahren. Aus
Sicherheitsgründen schlägt mit Janak vor, heute in Anbu Khaireni zu übernachten
und erst morgen mit einem der zahlreichen Touristen-Busse aus Pokhara kommend,
nach Kathmandu zu fahren.
 Mit König Ram Shah
 Die Bergkette des Manaslu
   Der Manaslu

Ziel erreicht
Statt der geplanten fünf Tage, hat unsere Tour nun nur
deren vier gedauert. Ich
bin darüber nicht Böse und eigentlich ganz froh diese kleine Reise, ausser einigen
gesundheitlichen Problemen, wie Halsweh, Nasenrinnen und Husten, gut überstanden zu haben.
Am letzten Tag hat es mich allerdings noch mit einem akuten Durchfall erwischt!
Das wäre wirklich nicht nötig gewesen. Ach, es gibt nichts dümmeres als
Durchfall mit Muskelkater zu haben und dies bei nepalesischen Toiletten. Das
Kauern ist so nicht nur schmerzhaft, es ist auch eine kleine Kunst mit der
rechten Hand das Wassergefäss zu halten um mit der Linken – immer mit der
Linken, da man mit der rechten Hand isst – den Hintern zu waschen. Dies führt
für uns Ausländer immer zu einem Balanceakt bei dem man höllisch aufpassen muss
nicht das Gleichgewicht zu verlieren und rückwärts in die eigene „Sch…“ zu
fallen! Zum Glück habe
ich meine Immodium Tabletten dabei. Ich stelle dabei fest, dass die Medis meiner
Reiseapotheke in der Zwischenzeit auch schon fünf Jahre alt geworden sind! Genützt haben sie dennoch...
 Treffen mit Frau Elizabeth Hawley
Die Temperatur in Kathmandu ist tagsüber warm (25 ° C), doch sobald man sich in
den schattigen Gassen begibt, wird es sofort kühl. Die Gefahr sich zu erkälten
ist gross. Während meines ganzen Aufenthaltes bin ich ständig auf der „Kippe“
mich zu erkälten. Die Fernsicht ist für weitere Ausflüge in der Umgebung, wie
nach Nagarkot, auch nicht gut. Die Herbstsaison ist eindeutig besser. Alleine Kathmandu zu
sein ist auch nicht gerade lustig. Ab 20.00 Uhr bin ich meistens
schon unter der Bettdecke. Ich beschliesse daher etwas früher als geplant nach Bangkok zurückzufliegen. In den
nächsten Tagen wird sich dann auch herausstellen ob die Kuwait Airways mit dem
neuen Flugplan
noch immer nach
Genf fliegt oder nicht. Wenn nicht, dann kann ich mein Ticket wegwerfen...
Glück gehabt! Sie fliegen weiterhin von Kuwait nach Genf. Allerdings
nicht mehr über Frankfurt wie letztes Jahr, sondern direkt. Neu fliegen sie von
Genf weiter nach Chicago.
Der Flieger, aus Manila kommend, startet in Bangkok um 02.55 Uhr. Der Flug nach
Kuwait dauert sieben Stunden. Gegen 06.00 Uhr morgens landen wir in Kuwait.
Gegenüber dem Vorjahr dauert die Wartezeit zum Anschlussflug nach Genf nur noch
drei Stunden. Der Weiterflug ist sehr kurzweilig. Mit grossem Interesse verfolge ich
die Strecke. Zunächst geht es über Saudi-Arabien, dann Syrien und Libanon. Kurz
vor Erreichen der Küste überfliegen wir zwei schneebedeckte Bergketten. Weiter
geht es über Zypern, den griechischen Inseln Karpathos und Santorini vorbei
Richtung Korfu. Je näher wir uns Italien nähern umso wolkiger wird es. Vor
Mailand sieht man gar nichts mehr. Schade, hatte ich mich doch so sehr auf den
Flug über die Alpen gefreut! Es kommt zu einem Blindflug. Die Temperatur in Genf
ist akzeptabel, 15 Grad Celsius, wenigstens nicht unter Null !
     Über Saudi-Arabien: noch 3227 Km bis Genf
 Schneeberge in Libanon
Mit diesem Bericht beschliesse ich das Kapitel „Mabuhay – Der Traum des
Auswanderns“. Ich hoffe, die Lesern in den vergangenen fünf Jahren ein wenig
unterhalten und zum Träumen gebracht zu haben.
Sie müssen allerdings nicht ganz auf weitere Reiseberichte verzichten. Diese
werden zukünftig unter der Rubrik „Neue Destinationen“ erscheinen.
Sprichwort
In dieser Welt gibt es nur zwei Tragödien. Die eine ist, sein Ziel nicht zu
erreichen. Die andere ist, sein Ziel zu erreichen. Diese letzte ist die wahre
Tragödie.
Oscar Wilde
Es gibt noch eine Dritte Tragödie: keine Ziele im Leben zu haben!
Willy Blaser
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