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Mabuhay Zügelte mit dem Flugzeug in die Provinz (MP 01 / 31.01.2007)


Provinzleben

Seit einem Monat lebe ich nun schon in der Provinz bei meiner Freundin in Maydolong an der Ostküste der Insel Samar. Habt ihr auch schon mal den Haushalt mit dem Flugzeug gezügelt? Mensch, was sich nur schon in einem Jahr so alles angesammelt hat! Bereits anlässlich der Räumung der Wohnung meiner Mutter im vergangenen Dezember brachte ich es fast nicht übers Herz all die in meinem bisherigen Leben angesammelten Sachen zu entsorgen. Tausende von Fotos und Dias, haufenweise Souvenirs meiner Reisen, meine umgangreiche Videodokumentation über geschichtliche Ereignisse wie der Fall von Saigon, der Einmarsch der Roten Khmers in Phnom Penh, meine umfangreiche Kollektion Videos über frühere Himalaya-Expeditionen, meine Musikkassetten, Bücher, Magazine, Zeitungsausschnitte, meine Briefmarken-, Münz-, Flugtickets-, meine Sandsammlung von den verschiedenen besuchten Stränden dieser Welt, meine Autogrammsammlung von Leichtathletik Olympiasieger und Weltmeister und und… Ach, wie jammerschade. Es schien mir, als ob ich einen Teil meines Lebens wegwerfen würde. Ich konnte nur das für mich allerwichtigste in die Philippinen senden. Aber auch dies war noch zuviel. Ich musste nochmals eine Selektion treffen. Mir kamen beinahe die Tränen mich von all diesen Erinnerungen trennen zu müssen. Schlussendlich erschienen wir mit 120 Kg Übergewicht am Domestic Airport von Manila. So was ist jedoch hier nichts aussergewöhnliches und das Kilo kostet denn auch nur 80 Rappen.


Manila - Tacloban: 1 Flugstunde

Mit dem Wegzug von Angeles habe ich freiwillig eine komfortable Lebensweise aufgegeben. Vor allem punkto Essen, waren wir sehr verwöhnt. Ein „Swiss Chalet“, ein „Bretto“ oder „Edelweiss“ mit Cervelats, Käse, Bratwürste, Tommy Senf und Mayonnaise, Hero Konfitüre, ein „Sunset Garden“ mit Käseschnitten und ein „French baker“ mit Vollkornbrot gibt es hier nicht mehr. Das nächste Internet befindet sich zwanzig Kilometer entfernt in Borongan und zum Flughafen nach Tacloban sind es mit dem Minibus drei bis vier Stunden. Wir wohnen von daher schon etwas abgelegen. Doch auch hier lässt sich’s leben, man muss sich einfach etwas organisieren. Das einzige was ich im Moment sehr vermisse, ist die direkte Internetverbindung via Laptop, denn diese bedeutet für mich die „Nabelschnur“ zur Aussenwelt. Es schadet jedoch gar nichts zwischendurch wieder etwas einfacher leben zu müssen, umso mehr schätzt man dann ganz einfache Sachen im Leben. Angeles war für mich sowieso nur eine vorübergehende Lösung. Im Gegensatz zu den vielen hier ansässigen Ausländern, habe ich ganz andere Interesse und Pläne. In möchte in den nächsten Jahren noch einige grössere Reisen und Trekkings unternehmen. Ich habe meinen Beruf und die gute finanzielle Situation in der Schweiz vor sieben Jahren nicht freiwillig aufgegeben um hier ziellos und nutzlos herumzuhängen. Dazu ist mir die Zeit zu schade. Durch meine Tätigkeit als Freelancer Reisejournalist und Autor der Schweizer 8000er Gipfelliste "CH-8000", bin ich zudem fast jeden Tag damit beschäftigt meine Listen auf dem neuesten Stand zu halten. Die Werbung zum Verkauf hält mich zusätzlich auf „Trab“. Es würde mich freuen mein Büchlein auch weiteren KollegenInnen zustellen zu dürfen. Es geht ja vor allem darum damit eine Idee und den Idealismus dazu zu unterstützen.
Ich will nicht behaupten, dass ich für immer hier leben könnte oder möchte. Da ich jedoch ganz andere Interesse als die meisten der hier lebenden „Weissen“ habe und ich auf meinen zahlreichen Reisen durch die Welt gelernt habe mich anzupassen, sollte es mir zumindest leichter fallen. Zuviel planen in Asien macht sowieso keinen grossen Sinn, es kommt meistens anders als man will. Immer mehr werde ich jedoch lärmempfindlich und da bin ich in den Philippinen wohl völlig am falschen Ort.

Die zwei Kilometer lange San Juanico Brücke verbindet die Inseln Leyte mit Samar. Sie liegt etwa zehn Fahrminuten ausserhalb von Tacloban City. Es ist die längste Brücke in den Philippinen

Fiesta

Auf den Philippinen gibt es jährlich unzählige Feste, die häufig mit Paraden und Feuerwerken zu Ehren des Lokalen Heiligen begangen werden. Einige der bekannteren sind das Sinulog Festival in Cebu-City (siehe Rubrik Mabuhay, Bericht 3), sowie das Ati-Atihan Fest in Kalibo. In Ost-Samar werden im Sommer Fiestas zu Ehren des Schutzpatron San Roque abgehalten. Jedes Dorf hat seine Fiesta. Wie bei uns an Weihnachten will es die Tradition, dass sich Familienangehörige, Tanten, Onkeln, Nichten und Neffen aus Nah und Fern, zu diesem Fest treffen. Unsere Ankunft ist daher ebenfalls auf dieses Fest terminiert worden. Die Befürchtung die „halbe“ Verwandtschaft würde uns besuchen weil ein "reicher" Ausländer anwesend ist, ist nicht eingetroffen. Einzig der Vater und die beiden Brüder mit Familie sind mit dem Bus aus Manila (36 Stunden) gekommen, sowie einige Verwandte aus der Nachbarschaft. Das grosse Ereignis ist der Besuch von Tante Dida aus Amerika ! Tja. Amerika ist hier das Zauberwort. Jeder Weisser ist ein „Joe“, ein „Americano“, als ob es keine anderen Nationalitäten auf der Welt gäbe!
Alle diese Leute müssen natürlich auch verpflegt werden und wer etwas auf sich hält, wird ein „lechon babuy“, ein gebratenes Schwein anbieten. Dazu darf natürlich der lokale Palmenwein „Tuba“ sowie andere fröhlich stimmende Wasser nicht fehlen. Bei unserer kleinen Party am Strand hinter dem Haus, lerne ich Onkel „Sabado“ kennen. Er hat am National Highway, der Hauptstrasse, einen grösseren Laden, den nun sein Sohn führt. Mit Stolz erzählt er mir wie er vor vierzig Jahren mit 90 Pesos angefangen hat. Er hat früher, in harten Zeiten, der Mutter von Jennifer viel geholfen. Als ich ihm dafür danke, hat er sehr Freude. Er weiss auch vieles aus den Zeiten des 2. Weltkrieges zu erzählen, aus sprachlichen Gründen war es leider bisher nicht möglich einige Geschichten zu erfahren. Ich werd's aber beim nächsten Besuch nochmals versuchen.


Nicht alle freuen sich auf diesen Tag...


Auch einige Hühner müssen dran glauben

Vom wirtschaftlichen Gesichtspunkt aus gesehen (ich bin ja Manager unseres Sari-Saris) sind solche Feste sehr willkommen und der Umsatz steigert sich in diesen Tagen um das Vielfache. Es gilt daher frühzeitig genügend Bier und alkoholische Getränke sowie Reis einzukaufen. Dazu muss der Ladenbesitzer aber, so einfach es tönt, erst mal das nötige Kleingeld haben.


Genügend Bier und Reis ist das wichtigste...

Die Parade


Der Höhepunkt der Fiesta ist die Parade. Eine farbenprächtige Parade. Diese wird angeführt durch das Polizeikorps, gefolgt von den Barangay Offiziellen und den lokalen Politikern. Auch der Bürgermeister (Bild re) sagt Hello.

Bau des 2. Stockes

Seit zwei Wochen wird nun das Haus umgebaut. Da wir hier mindestens die Hälfte billiger als in Angeles leben können, haben wir beschlossen den 2. Stock zu bauen. Derzeit ist alles drunter und drüber, lärmig, dreckig und staubig. Der ganze Haushalt ist im Nachbarhaus (Hütte) der Schwester untergebracht. Zum Essen haben wir weder Tisch noch Stühle. Als einziger Lebensraum steht das kleine überfüllte Schlafzimmer zur Verfügung. Wenn’s dann mal fertig ist und wir noch Satelliten-TV, Internetverbindung und Klimaanlage haben, wird es ohne weiteres möglich sein hier leben zu können. Bei der herrschenden Hitze, weiss ich manchmal schon um 09.00 Uhr nicht mehr wohin flüchten. Am schlimmsten ist es ab 18.00 Uhr. Als einziger Zufluchtsort bleibt mir das Schlafzimmer mit Ventilator übrig. Dort finde ich ein wenig Ruhe, Zeit, viel Zeit um über vieles nachzudenken, wozu die meisten bei uns zu Hause gar nicht kommen. Jeden Abend schaue ich amüsiert den kleinen Eidechsen an der Decke und Wände des Zimmers zu, wie sie auf Nahrungssuche gehen. Minutenlang stehen sie mit erhobenen Köpfchen bockstill. Haben sie eine Beute entdeckt, avancieren sie ruckartig vor und … hopp, schon ist die Ameise oder die kleine Fliege gefressen. Sichtbar vergnügt verzehren sie die Beute. Ich könnten diesen stundenlang zuschauen. Manchmal sind es gleich mehrere, grössere und kleinere, die sich die Jagdgründe streitig machen. Es kommt dabei zu regelrichtigen Verfolgungsjagden die ganze Wand entlang bei denen der stärkere dem Eindringling in den Schwanz beisst. Ab und zu mutet sich einer auch zuviel zu und stürzt von der Decke ab, direkt auf mich. Ich weiss nicht, wer am meisten erschrocken ist, die Echse oder ich!
Durch den Bau ist zusätzlich für Betrieb gesorgt. Das benötigte Material muss fortlaufend gekauft werden, Zement, Nägel, Coco lumber, Steelbars, Sand, Hollowblocks etc. Sechs Arbeiter arbeiten sechs Tage die Woche. Zahltag ist jeweils am Samstag. Danach wird oft noch etwas getrunken, nicht selten eine Harasse „Red Horse“ (Bier), welche zwei Tageslöhne! kostet.

Ausländer und Wetter

Ausländer hier sind recht selten. Als Nachbar habe ich einen Engländer, der Andy. Er lebt hier schon neun Jahre. Überall dort wo es schönere, grössere Häuser gibt, steht meistens ein Ausländer dahinter. Ein Italiener aus Modena ist auch ab und zu ferienhalber im Dorf. Mit ihm wird es aber kaum eine Freundschaft geben, er ist Zigarrenraucher und mit solchen Leuten will ich nichts zu tun haben. Vor kurzem habe ich aber Bekanntschaft mit einen Thuner, dem „Gödu“ aus dem Nachbardorf Balangkayan gemacht. Ein Fondue wird es beim nächsten mal geben. So ganz alleine ist man also auch wieder nicht.
Noch ein Wort zum Wetter: es ist heiss, brütend heiss und dies ohne Klimaanlage. Auch die Tiere leiden darunter. Ausser mir hat niemanden bedauern. Jeden Tag dusche ich unsere Säuli die es sichtlich geniessen. Auch unsere Hühner werden mir wohl bis an ihr Lebensende (schon geschehen) dankbar sein, dass ich ihnen dreimal täglich frisches Wasser bringe. Zuviel Kontakt mit Federvieh möchte ich aber nicht haben, Man weiss ja nie mit dieser „cheibe“ Vogelgrippe. Zwischen Bananenbäumen und Kokospalmen zu wohnen ist zwar schön, ist aber auch nicht immer lustig. In den letzten Tagen hat das Wetter gewechselt und es regnet nun des öfters kurz am Nachmittag, ausgerechnet jetzt wo die Küche abgedeckt ist.

Geschichten aus dem Alltag

Die Arbeiter sind gerade am Einlegen der Eisengitter für den Zementboden, als ein SMS für Aufruhr sorgt. Wir, d.h. der Empfänger dieser Händy-Nummer, hat soeben 568'000 Pesos gewonnen! Wir sollen sofort zurück rufen, was auch getan wird. Ja, wirklich wir haben gewonnen, der Check sei bereits ausgestellt. Man kann das Geld auch in Bar in der Stadt Cebu abholen. Es herrscht eine allgemeine Euphorie. Die Schwester von Jennifer hat schon ganz grosse Augen. Ich selber hätte auch nichts dagegen, das wäre ein willkommener Zustupf für den Bau des Hauses. Damit das Geld auf die Bank überwiesen werden kann, müssen aber aus irgend einem Grunde an den ich mich nicht mehr erinnern kann, die Nummer von je vier Telefonkarten von Smart und Globe innert einer halben Stunde mitgeteilt werden. Schleunigst werden die Karten für 2400 Pesos gekauft. Der Finanzdirektor der Lotteriegesellschaft ist erneut am Draht. Wir sollen nun die Karten rubbeln und die Nummern durchgeben! Langsam finden auch „meinen“ Leute, dass daran doch etwas faul ist. Zehn Minuten später ruft er wieder an. Wir müssten uns schnell entschliessen, den die Bank schliesse um 11.00 Uhr. Ich winke ab. Entweder haben wir gewonnen und dann gibt es keine zusätzliche Bedingungen und die Schliessung der Bank ist irrelevant. Eine Viertelstunde später ruft er erneut an. Auch wenn es meine „lieben“ Leute noch immer nicht richtig wahrhaben wollen, sie müssen einsehen das das Ganze ein fauler Trick war. Während einer Stunde konnten wir aber wenigsten ein wenig träumen, als Trostpreis haben am Schluss wenigstens die 2400 Pesos für die Telefonkarten nicht verloren…

Nur zwei Tage später sind zwei Leute im Laden als ich am späteren Nachmittag vom Strand zurück komme. Sie machen gerade eine Demonstration wie man mit ihrem Gerät die Elektrizitätsrechnung um die Hälfte reduzieren kann. Nicht schlecht was? Wir, die mit den beiden Kühlschränken jeden Monat gegen die 1400 Pesos bezahlen müssen. Meine Leute sind erneut begeistert. Das Gerät kostet 800 Pesos. Es soll ein einmaliges Angebot zu diesem Preis. Ich werde um Rat gefragt. Tja, ich bin ja nicht Elektriker, was soll ich dazu sagen? Nur weil da der Zeiger eines Gerätes etwas ausschlägt, ist dies für mich noch lange kein Beweis, dass damit Strom eingespart werden kann. Ich schlage vor, das Angebot zu überprüfen und zuerst  Infos darüber einzuholen. Die Verkäufer ziehen nun alle Register um ihr Gerät zu verkaufen. Das Gerät sei von der Esamelco, dem hiesigen Elektrizitätswerk, empfohlen worden und der Bürgermeister habe die Bewilligung für den Verkauf hier im Dorf nur auf Heute beschränkt…Hmmh! Als ob das Elektrizitätswerk ein Interesse daran hätte weniger zu verdienen. Das wäre ja gegen ihre Interesse. Für mich ist klar: dies ist ein Schwindel. Ich sage es den Beiden auch direkt so ins Gesicht. Sobald jemanden unter Zeitdruck gesetzt wird um etwas zu kaufen, dann ist es meistens Betrug. Köpfe hängend packen die Beiden ihre Apparate und ziehen weiter.

Eine Geburtstagfeier

Zum einjährigen Geburtstagfest der Tochter von Jennifer’s Schwester sind die Kinder der ganzen Nachbarschaft eingeladen. Für diese natürlich ein Ereignis. Als erstes Spiel wird ein Holzrahmen an einem Seil aufgehängt an dem viele viele Süssigkeiten hängen. Es gilt diese zu packen, dies ist aber nicht einfach, denn der Holzrahmen wird, sobald die Kinder danach schnappen, in die Höhe gezogen.
Im zweiten Spiel gilt es mit verbundenen Augen, ein an einer Leine angebundener Plastiksack mit Wasser gefüllt mit einem Holzstecken zu treffen. Wer diesen trifft kriegt zwanzig Pesos! Da will es natürlich jedermann versuchen. Um die Aufgabe schwieriger zu machen wird der Kandidat zwei-, dreimal um seine Achse gedreht damit er die Orientierung verliert. Der erste Versuch misslingt kläglich. Es herrscht ein riesen Gelächter. Beim zweiten Versuch läuft der Junge direkt auf die Zuschauer zu. Als er zum Schlag ausholt geht ein Schrei durch die Menge. Daneben! Auch die Mädchen probieren es. Sie werden von den anderen Kindern lautstark dirigiert: „Nach links, links, nein rechts, zurück, links“. Daneben. So geht das Spiel weiter. Zweimal wird der Sack getroffen. Das Spiel ist zu Ende und es wird gegessen. Festmenü: Spaghetti mit Poulet.


Die Jubilarin Trisha (1 jährig)


Wer den mit Wasser gefüllten Sack trifft gewinnt 20 Pesos


Die meisten Versuche scheitern kläglich...


Zum Abschluss gibt es etwas zu essen





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©1999-2012 Text und Foto Willy Blaser, willyblaser@hotmail.com